Studie : Weltweit sind Schulen wenig vorbereitet auf weitere Krisen

Dänemark, Russland, Indien, Burkina Faso – wie hat sich die Corona-Pandemie an Schulen in verschiedenen Ländern der Welt ausgewirkt? Der internationale Report „REDS” der UNESCO zeigt, welche Unterschiede es bei den Themen Schulschließungen, Distanzunterricht, Lernrückständen und Lernverhalten gibt. Elf Länder aus vier Kontinenten nimmt die Studie in den Blick, Deutschland war an der Untersuchung nicht beteiligt. Der Blick über den Tellerrand bietet dennoch interessante Erkenntnisse.

Annette Kuhn 24. Januar 2022
Kinder in Afrika betreten Schule Report REDS
Laut dem Report „REDS" waren Kinder in Afrika besonders stark von den Schulschließungen und ihren Auswirkungen betroffen.
©Nicholas Kajoba/XinHua/dpa

Der 24. Januar ist der „Internationale Tag der Bildung“. Erstmals wurde er 2019 von den Vereinten Nationen ausgerufen, um auf die weltweit großen Herausforderungen und Ungleichheiten im Bildungsbereich aufmerksam zu machen. Nicht zufällig haben die UNESCO und die International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) gerade diesen Tag gewählt, um den internationalen Report „REDS – Responses to Educational Disruption Survey“ vorzustellen.

Beleuchtet werden im Report REDS die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Bildungssysteme in elf Ländern der Welt. Befragt wurden 1.581 Schulleiterinnen und Schulleiter, 15.004 Lehrkräfte sowie 21.063 Schülerinnen und Schüler in Äthiopien, Burkina Faso, Dänemark, Indien, Kenia, Ruanda, Russland, Slowenien, Uruguay, Usbekistan und den Vereinigen Arabischen Emiraten.

Die Ergebnisse zeigen, welche großen Unterschiede es im Umgang mit der Pandemie gab, aber auch, wie einschneidend die Auswirkungen in fast allen Ländern sind. Hier die zehn wichtigsten Ergebnisse aus dem REDS-Report.

Schulschließungen

Wie lange die Schulen 2020 geschlossen waren, variiert von Land zu Land und auch zwischen den Schulen in einem Land: In Dänemark, Slowenien und Russland waren die Schulen zwei bis drei Monate geschlossen, in Indien waren es im Schnitt sieben Monate, in Äthiopien acht Monate. In anderen afrikanischen Ländern konnten die Kinder zum Teil noch länger nicht zur Schule gehen.

In einigen Ländern wurden die Schulschließungen von der Regierung nicht landesweit angeordnet. In den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) gab es daher zum Beispiel große Schwankungen. Dort dauerten die Schulschließungen zwischen zwei und zehn Monaten.

Distanzunterricht

Noch größer fallen die Unterschiede in den befragten Ländern aus, wenn es um die Frage geht, wie Lehrkräfte ihre Klassen aus der Ferne unterrichtet haben. Erschreckend ist vor allem das Ergebnis aus Burkina Faso: Hier fand an 96 Prozent der Schulen während der Schließungen überhaupt kein Unterricht statt. Auch in 61 Prozent der Schulen in Äthiopien und in 29 Prozent der Schulen in Indien war das der Fall. Spitzenreiter beim reinen Online-Unterricht waren hingegen die Vereinigten Arabischen Emirate mit 81 Prozent, gefolgt von Dänemark mit 74 Prozent, Slowenien mit 63 Prozent und Usbekistan mit 58 Prozent. Eine Mischung aus Online- und Offline-Methoden gab es vor allem in Uruguay und Russland.

Digitale Ausstattung

Im Gegensatz zu den befragten Ländern in Afrika stand den Schülerinnen und Schülern in Dänemark, Slowenien, Russland, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Usbekistan eine vergleichbar gute technische Ausstattung zur Verfügung. Mehr als 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler verfügten dort über ein Smartphone (VAE: 82 Prozent), mit dem sie am Online-Unterricht teilnehmen konnten. Eine gute Internetverbindung hatten zwischen 80 und 93 Prozent. Ganz vorn standen dabei Dänemark, die Vereinigten Arabischen Emirate und Slowenien.

Lernbedingungen

Schwieriger als die technische Ausstattung waren für viele Schülerinnen und Schüler die Lernbedingungen. Über einen ruhigen Arbeitsplatz mit Schreibtisch und Stuhl verfügten laut Report REDS die meisten Kinder in Russland (83 Prozent), gefolgt von Usbekistan (82 Prozent) und Dänemark (81 Prozent). Ganz unten auf der Skala waren auch hier die afrikanischen Länder. In Äthiopien hatten 30 Prozent einen ruhigen Arbeitsplatz, in Burkina Faso sogar nur 22 Prozent.

Unterstützung beim Lernen hatte in allen Ländern höchstens jedes zweite Kind. Häufig konnten sich Schülerinnen und Schüler weder an Eltern noch Lehrkräfte wenden, wenn sie eine akute Frage hatten. In Dänemark fühlten sich 51 Prozent zumindest manchmal unterstützt, in Kenia waren es 41 Prozent, in Russland 32 Prozent.

Lernrückstände aus Schulleitungssicht

Die meisten Schulleitungen glauben, dass die Schülerinnen und Schüler Lernziele während der Pandemie nicht erreicht haben und dass auch ihr Engagement beim Lernen und im Unterricht nachgelassen hat. Besonders pessimistisch zeigen sich hier Schulleiterinnen und Schulleiter in Slowenien, in Uruguay, in Dänemark und in Burkina Faso. Sehr groß ist die Sorge um Kinder und Jugendliche mit Unterstützungsbedarf, mit Migrationshintergrund und aus einem schwierigen sozialen Umfeld. Vor allem in Uruguay, Dänemark und Slowenien sehen Schulleiterinnen und Schulleiter große Defizite bei sozial benachteiligten Kindern. Große Lernrückstände fürchten Schulleitungen in Slowenien und Dänemark für Kinder und Jugendliche mit anderer Muttersprache als der Landessprache.

Lernrückstände aus Schülersicht

Mindestens zwei Drittel aller Schülerinnen und Schüler sorgen sich, dass die Pandemie starke Auswirkungen auf ihr Lernen hat. Besonders groß ist diese Sorge in den afrikanischen Ländern, aber auch in Usbekistan (80 Prozent) und den Vereinigten Arabischen Emiraten (74 Prozent). Selbst in Dänemark machen sich 65 Prozent der Schülerinnen und Schüler große Sorgen um ihrem Lernstand.

Auch was ihr Lernverhalten anbelangt, sehen die Jugendlichen negative Folgen. So sagen 44 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler in Russland, dass sie Schwierigkeiten haben, sich auf ihre Schulaufgaben zu konzentrieren, in Dänemark sind es sogar 66 Prozent.

Auswirkungen auf das Lernen aus Lehrersicht

Die Lehrkräfte in fast allen Ländern haben die Schülerinnen und Schüler nach der Rückkehr in die Schulen als verändert erlebt. Etwa die Hälfte der für den Report REDS Befragten sagt, dass die Schülerinnen und Schüler weniger gut miteinander interagieren als vor der Pandemie, dass sie sich schlechter an Regeln im Unterricht halten können und dass sie ängstlicher und unruhiger geworden seien. In Dänemark sehen das weniger Lehrerinnen und Lehrer so, in Indien besonders viele.

Belastungen für Lehrkräfte

Lehrerinnen und Lehrer belastet die Corona-Pandemie unterschiedlich stark. Im Schnitt hat etwa die Hälfte der Lehrkräfte in allen Ländern Angst, sich während der Arbeit mit Corona anzustecken, und ebenfalls etwa 50 Prozent fühlen sich erschöpft. 13 Prozent der Lehrkräfte in Slowenien bräuchten professionelle psychologische Hilfe von außen, in Kenia und Indien wünschen sich dies 71 Prozent.

Unterstützung der Schulen

Sehr unterschiedlich haben sich die Schulen in der Pandemie durch die Schulverwaltung und durch Lehrerverbände unterstützt gesehen.

Von nationalen Bildungsbehörden – in Deutschland vergleichbar mit den Kultusministerien – sahen sich zum Beispiel 94 Prozent der Schulen in Usbekistan und 92 Prozent in den Vereinigten Arabischen Emiraten gut oder zumindest einigermaßen unterstützt, aber nur 43 Prozent taten dies in Indien.

Noch bessere Noten gaben die Schulleitungen den kommunalen Verwaltungen: Von kommunaler Seite sahen sich in Slowenien sogar 98 Prozent gut oder einigermaßen unterstützt, in Usbekistan waren es 96 Prozent, in Russland 89 Prozent. Das sind Zustimmungswerte, von denen Deutschland weit entfernt ist, wie eine aktuelle Umfrage zeigt.

Lehrerverbände schnitten im Report der UNESCO hingegen schlechter ab. In Burkina Faso sahen sich nur 16 Prozent der Schulen von den Interessenverbänden gut vertreten, selbst in Dänemark waren es nur 50 Prozent, in Slowenien 28 und in Uruguay 45 Prozent.

Vorbereitung auf weitere Krisen

Die Hälfte der Schulen in sechs der elf befragten Länder fühlen sich überhaupt nicht oder nicht gut vorbereitet auf eine mögliche weitere Krise in der Zukunft: Äthiopien, Burkina Faso, Indien, Kenia, Russland und Ruanda. In Burkina Faso sehen sich sogar 97 Prozent der Schulen nicht ausreichend vorbereitet.

In Dänemark, Slowenien und den Vereinigten Arabischen Emiraten ist es umgekehrt. Hier sind die Schulen aus Sicht der Schulleitungen und Lehrkräfte zu fast 100 Prozent gut oder sehr gut auf eine mögliche weitere Krise vorbereitet.

Auf einen Blick

  • Der Report „REDS – Responses to Educational Disruption Survey“ ist eine Studie der UNESCO und der Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA), die ein Bild davon gibt, wie sich die Corona-Pandemie weltweit im schulischen Bildungsbereich ausgewirkt hat.
  • Befragt wurden Schulleitungen, Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler der Klassen 8 in elf Ländern: Äthiopien, Burkina Faso, Dänemark, Indien, Kenia, Ruanda, Russland, Slowenien, Uruguay, Usbekistan und den Vereinigen Arabischen Emiraten.
  • Der Befragungszeitraum für den Report lag zwischen Dezember 2020 und Juli 2021.
  • Der Report REDS wurde am Internationalen Tag der Bildung am 24. Januar 2022 vorgestellt. Hier steht der Report zum Download bereit.