Dieser Artikel erschien am 09.09.2019 auf ZEIT Online
Autorin: Angelika Finkenwirth

Lehrermangel : Und wieder sind die Bayern spitze

Regelmäßig verkalkulieren sich die Länder bei der Bedarfs­planung für Lehrer. Bayern indes hat die Lage recht gut im Griff. Was man von dem Muster­schüler lernen kann.

Wie kann es gelingen, den Lehrermangel in den Griff zu bekommen? Eine Herkulesaufgabe für alle Bundesländer.
Wie kann es gelingen, den Lehrermangel in den Griff zu bekommen? Eine Herkulesaufgabe für alle Bundesländer.
©dpa

Der Lehrermangel in Deutschland ist dramatisch: Erst vor Kurzem warnte der Lehrer­verband, dass im neuen Schuljahr 15.000 Stellen unbesetzt bleiben werden und weitere 40.000 Stellen nur mit weniger qualifizierten Quer­einsteigern oder Pensionären abgedeckt werden könnten. So pessimistisch waren die Schätzungen noch nie – und wie sich in den Bundes­ländern, in denen die Sommer­ferien bereits vorbei sind, gezeigt hat: vieler­orts ist es tatsächlich so gekommen. In Nordrhein-Westfalen beispiels­weise konnten bislang 4.158 Stellen von 9.843 nicht besetzt werden. Und das ist kein Einzel­fall.

Die meisten Kultusministerien wollen beschwichtigen und verweisen darauf, dass der Einstellungs­prozess noch nicht abgeschlossen sei. Bis zu den Herbst­ferien könne sich da noch einiges tun. Wahr ist aber auch: Während manch ein Absolvent des Lehr­amts­studiums für die Sekundar­stufe I und II vergeblich auf eine Anstellung an einem Gymnasium hofft, suchen viele Grund- und Förder­schulen verzweifelt nach Lehr­kräften, die ihre Schüler unterrichten können.

Anders ist das – wieder einmal – in Bayern. Dort kann der Lehrer­bedarf laut Kultus­minister Michael Piazolo (Freie Wähler) auch in diesem Jahr gedeckt werden: Von 5.200 Neu­einstellungen spricht er zum Schul­jahres­start, 1.100 Stellen seien neu geschaffen worden. Damit wider­spricht er der Darstellung von Lehrer­verbänden, dass der akute Personal­mangel nun auch an bayerischen Schulen angekommen sei. „Da entsteht ein falscher Eindruck“, sagte Piazolo auf einer Presse­konferenz. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnen­verband (BLLV) hatte zuletzt von einem „Lehrer­mangel in neuer Dimension“ gesprochen.

Statistiken immer im Blick

Auch in Bayern steigen die Schülerzahlen, wodurch immer mehr Personal gebraucht wird. Ein Problem, das sich seit Jahren stetig abzeichnet. Lehrer werden auch im Freistaat gesucht, vor allem an Grund-, Mittel- und Förder­schulen. Das weiß auch Bernhard Puell. Er ist Statistiker beim bayerischen Kultus­ministerium und erstellt jährlich die Schüler­prognose und die daraus resultierende Lehrer­bedarfs­prognose.

Was aber ist der Grund dafür, dass in Bayern bislang noch etwas funktioniert, woran andere Bundesländer ganz offensichtlich scheitern? Warum schaffen es die Bayern offenbar, vernünftig voraus­zu­planen und anderswo funktioniert das nicht?

Dass sich das Bundesland hier als Musterschüler präsentieren kann, hat einiges mit Bernhard Puell zu tun, der die Statistiken immer im Blick behält. Andere Bundes­länder leisten sich diesen Luxus nicht so häufig. In NRW etwa wurde eine Lehrer­bedarfs­prognose im Jahr 2011 erstellt, die nächste folgte erst sieben Jahre später – dazwischen lag ein enormer Flüchtlings­zuzug, infolge dessen die Schüler­zahlen vieler­orts sprung­haft anstiegen, allerdings ohne in den Berechnungen Beachtung zu finden. Denn es gab keine: Während die rot-grüne Koalition in NRW regierte (2012-2017), wurde keine aktuelle Lehrer­bedarfs­prognose vorgelegt. Ein Versäumnis, das die amtierende schwarz-gelbe Landes­regierung künftig vermeiden will: 2018 legte sie eine aktuelle Lehrer­bedarfs­prognose vor, die mindestens alle zwei Jahre aktualisiert werden soll, heißt es aus dem Schul­ministerium.

Ruhestand, Eltern­zeit, Teil­zeit

Bernhard Puell hat hingegen ständig ein Auge auf die Zahlen, nicht nur alle zwei Jahre. Um zu wissen, wie viele Erst­klässler es gibt, rechnet er aus der Bevölkerungs­prognose die Kinder zwischen fünf und sieben Jahren heraus. Ab der ersten Klasse ist die amtliche Schul­statistik die Grund­lage für Puells Arbeit. Sie liefert ihm relativ verlässliche Zahlen für eine „Status-quo-Projektion“, wie er es nennt. Wer einmal in Puells Statistik eingegangen ist, bleibt dort sein ganzes Schüler­leben lang verortet – von einer Jahr­gangs­stufe zur nächsten, bis er das Schul­system verlässt.

Schwierig wird es für Puell, wenn ein unvorhergesehenes Ereignis passiert wie 2015/2016, als die vielen Flüchtlinge ins Schul­system aufgenommen und adhoc neue Stellen für Lehrer geschaffen werden mussten. Den üblichen Zuzug aus anderen Bundes­ländern und die Quote der Schüler, die eine Klasse über­springen oder wieder­holen, sei hingegen relativ konstant und könne problemlos mit eingerechnet werden. Den „Sonder­effekt Flüchtlinge“ muss Puell jedoch auch weiterhin beachten. „Sie sind in den Quoten mit drin“, sagt er. „Da es aber nicht jedes Jahr denselben Zuzug wie 2015/2016 geben wird, muss ich sie aus den Statistiken jetzt immer heraus­rechnen.“

Ebenso wichtig wie die Seite der Schüler ist natürlich die der Lehrer. Wer geht in den Ruhe­stand? Wer wird beurlaubt? Wer geht in Eltern­zeit und wer kehrt daraus zurück? Wer arbeitet in Teil­zeit? Wer in Alters­teil­zeit? Und, alles entscheidend: Wer kommt wann aus dem Studium und steht damit als Lehrkraft zur Verfügung? Klar ist allerdings auch: selbst wer den Lehrer­bedarf kennt, kann trotzdem in Personal­not kommen – dann nämlich, wenn schlicht zu wenig Lehr­kräfte zur Verfügung stehen.

Rolle rückwärts zum G9

Die große Frage, die derzeit Bildungsexperten landauf und landab beschäftigt, lautet: Wenn der Mangel erst da ist, was kann man tun, um ein größeres Angebot von Lehrern zu bekommen? Manche Bundesländer versuchen, den Lehrer­mangel zu bekämpfen, indem sie Pensionäre oder Quer­einsteiger an die Schulen holen. In NRW etwa kehrten mehr als 800 pensionierte Lehrerinnen und Lehrer wieder in den Schul­dienst zurück. Berlin indes setzt besonders auf Quer­ein­steiger: 2.734 neue Lehr­kräfte wurden für das aktuelle Schul­jahr in der Haupt­stadt eingestellt, knapp zwei Drittel von ihnen haben zuvor in einem anderen Beruf gearbeitet. So sei es gelungen, alle freien Stellen zu besetzen, teilte Bildungs­senatorin Sandra Scheeres (SPD) mit.

Dieses Hilfsmittel war an den allgemeinbildenden Schulen in Bayern bislang verpönt. Doch nun öffnet auch der Frei­staat an Grund- und Mittel­schulen Seiten­einsteigern erstmals eine Tür. Sie heißen „Ein-Fach-Lehrer“. Das sind beispiels­weise Diplom­sport­lehrer oder Absolventen von Berufs­fach­schulen für den Fach­bereich Musik, die zunächst befristet beschäftigt werden. Wer sich bewährt, darf laut Kultus­ministerium auf eine spätere Fest­anstellung hoffen.

Experten ohne die einschlägige Lehrerausbildung waren bislang nur an beruflichen Schulen eingesetzt worden. Ansonsten setzt Bayern vor allem darauf, Lehr­amts­kandidaten umzuqualifizieren. Wer etwa als Gymnasial- oder Real­schul­lehrer keine Anstellung findet – momentan stehen 3.000 Bewerber auf der Warte­liste – kann eine zwei­jährige Ausbildung für Grund-, Mittel- oder Förder­schulen machen. Dafür wird der Bewerber befristet angestellt, unterrichtet von Beginn an und bildet sich nebenbei fort. Mit Abschluss der Ausbildung bekommt er bei entsprechender Eignung eine Plan­stelle. Das Besondere: der Weg in die eigentliche Wunsch­stelle ist keines­falls versperrt. Sobald Lehrer an Gymnasien oder Real­schulen wieder gebraucht werden, können die Umgeschulten auch wieder umschwenken und sich dort bewerben.

5.000 zusätzliche Lehrer­stellen geplant

Puell weiß schon heute genau, wann das für Gymnasial­lehrer der Fall sein wird: im Jahr 2025. „Durch die Rückkehr zum neun­jährigen Gymnasium kommen in dem Jahr die ersten Schülerinnen und Schüler wieder in die 13. Jahr­gangs­stufe, wodurch nach heutigem Stand auf einen Schlag 2.700 zusätzliche Lehrer benötigt werden“, prognostiziert er. Dafür müssten bereits heute die Weichen gestellt werden, sprich: mehr Lehrer­stellen geschaffen und mehr Lehr­kräfte ausgebildet werden. Der Plan der Regierung aus CSU und Freien Wähler ist es, bereits bis zum Jahr 2023 rund 5.000 zusätzliche Lehrer­stellen zu schaffen. Offen ist aller­dings, ob und wie sie genügend Personal dafür bekommen wollen.

Für Puell wird 2025 also wieder ein Sonder­effekt eintreten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass viele Umgeschulte die Chance zum Wechsle nutzen werden, da Lehrer am Gymnasium besser bezahlt werden als an der Grundschule. Dann würde es zu einem Dominoeffekt kommen: Wenn Lehrer zum Gymnasium gehen, hinter­lassen sie wiederum eine Lücke an der Grundschule. Anders ist das bei Förder­schulen, an denen Lehrer in Bayern dieselbe Besoldung bekommen wie am Gymnasium – der Anreiz zum Wechsel ist für sie damit nicht so groß.

Es ist ganz schön kompliziert geworden mit der Berechnung des Lehrer­bedarfs und der zur Verfügung stehenden Lehr­kräfte: „Früher konnte ich den Bedarf für jede Schul­form einzeln ausrechnen. Heute muss ich durch die Umschulungen auch Wechsel­wirkungen zwischen den Lehr­ämtern mit einplanen“, sagt Puell. Bislang scheint ihm das aber ganz gut zu gelingen.