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Deutsches Schulbarometer : Lehrkräfte in Bayern zufriedener als in Nordrhein-Westfalen

Die neue Lehrer-Umfrage für das Deutsche Schulbarometer Spezial zeigt, dass Lehrkräfte die Situation der Schulen in der Corona-Krise in den Bundesländern unterschiedlich beurteilen. Deutliche Unterschiede gibt es vor allem zwischen den beiden von der Bevölkerungszahl größten Bundesländern Bayern und Nordrhein-Westfalen. In Bayern fühlen sich die Lehrerinnen und Lehrer demnach besser auf die Herausforderungen des Fernunterrichts vorbereitet und sind auch zufriedener mit den Corona-Maßnahmen in ihrem Bundesland.

Annette Kuhn / 28. Januar 2021

Die Corona-Krise ist für Lehrerinnen und Lehrer eine enorme Herausforderung. Sie müssen jetzt zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres den Unterricht im Lockdown weiterführen – und das mit nach wie vor überwiegend geringer Erfahrung im Digitalunterricht und einer oft unzureichenden technischen Ausstattung. Offenbar kommen die Lehrkräfte in den einzelnen Bundesländern mit dieser Situation unterschiedlich gut zurecht. Das zeigt die Folgebefragung von Lehrkräften für das Deutsche Schulbarometer Spezial.

Zum zweiten Mal hat Forsa im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT Lehrkräfte zu ihren Erfahrungen in der Corona-Pandemie befragt. Diese Befragung wurde kurz vor dem zweiten Lockdown Anfang Dezember durchgeführt, die erste fand Anfang April 2020 statt. Für die großen Bundesländer konnten dabei empirisch belastbare Zahlen für einen Vergleich gewonnen werden.

Lehrkräfte in Nordrhein-Westfalen sehen sich schlechter für den Digitalunterricht gerüstet

Richtet man den Blick auf die zwei Bundesländer mit den höchsten Schülerzahlen – Nordrhein-Westfalen und Bayern –, zeigen sich zum Teil erhebliche Unterschiede. Während die Ausstattung mit digitalen Endgeräten in beiden Bundesländern ähnlich schlecht bewertet wird, sehen sich die Lehrerinnen und Lehrer in Bayern für die Organisation und Gestaltung des digitalen Unterrichts besser vorbereitet als ihre Kolleginnen und Kollegen in Nordrhein-Westfalen.

So machen 57 Prozent der Lehrkräfte in Nordrhein-Westfalen bei den Kompetenzen für die Nutzung digitaler Lernformate großen Verbesserungsbedarf aus, während es in Bayern nur 40 Prozent sind. Entsprechend wünschen sich in Nordrhein-Westfalen 63 Prozent der Befragten mehr Fortbildungen für den Umgang mit digitalen Lernformaten, in Bayern nur 39 Prozent. Und auch bei der Verfügbarkeit von qualitativ guten Inhalten für den Digitalunterricht sehen 54 Prozent der nordrhein-westfälischen Lehrkräfte Verbesserungsbedarf, in Bayern sind es 46 Prozent.

Bayern hat sich seit Jahren inhaltlich viel stärker auf das Thema Digitalisierung an Schulen fokussiert.
Axel Plünnecke, Bildungsforscher am Institut der deutschen Wirtschaft

Schaut man auf den Bundesdurchschnitt, liegt Nordrhein-Westfalen bei der Auswertung der Umfrage für das Schulbarometer in vielen Punkten nur knapp darunter. Bayern hingegen sticht beim Digitalunterricht heraus. Diese Beobachtung deckt sich mit den Ergebnissen einer Studie, die den Entwicklungsstand des Digitalunterrichts vor Corona untersucht hat: „Schule digital – der Länderindikator 2017“. Für die Untersuschung hat das Institut für Schulentwicklungsforschung der Technischen Universität Dortmund im Auftrag der Deutschen Telekom Stiftung Lehrerinnen und Lehrer an weiterführenden Schulen zu ihren digitalen Kompetenzen befragt. Geschaut wurde auf Ausstattung und Konzepte, Nutzung digitaler Medien und Computerkenntnisse. Auch da schnitt Bayern – zusammen mit Hessen und Rheinland-Pfalz – deutlich besser ab als die anderen 13 Bundesländer. Nordrhein-Westfalen befand sich im Mittelfeld.

„Bayern hat sich seit Jahren inhaltlich viel stärker auf das Thema Digitalisierung an Schulen fokussiert“, erklärt Bildungsforscher Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln diesen Vorsprung. Außerdem investiere Bayern deutlich mehr in die Ausstattung der Schulen, wie aus dem INSM-Bildungsmonitor hervorgeht, den das IW unter Plünneckes Leitung im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft jedes Jahr erstellt.

Länder haben völlig unterschiedliche sozioökonomische Ausgangslagen

Im Gesamtranking, das daraus resultiert, erreichte Bayern zuletzt Platz 2, Nordrhein-Westfalen Platz 12. Bei den Bildungsausgaben, den Betreuungsbedingungen an Schulen sowie der Schulqualität geht die Schere zwischen den Ländern noch weiter auseinander.

Zu bedenken ist allerdings, dass die Bundesländer sozioökonomisch unterschiedliche Ausgangslagen haben. So liegen die Sozialausgaben in Bayern deutlich unter denen von Nordrhein-Westfalen, bei den Steuereinnahmen verhält es sich umgekehrt. „Dazu kommt, dass in Bayern die Bildungspolitik von großer Kontinuität gekennzeichnet ist“, so Plünnecke weiter. Bis Michael Piazolo von den Freien Wählern das Kultusministerium 2018 übernahm, stand dieses über Jahrzehnte unter der Führung der CSU. In Nordrhein-Westfalen wurde es allein in den vergangenen 20 Jahren von vier verschiedenen Parteien – SPD, CDU, Grüne und jetzt FDP – geleitet. „Da es in Bayern weniger politische Richtungswechsel gab, ist hier auch eine längerfristige Planung möglich“, sagt der Bildungsforscher.

Schulpolitik in Bayern bekommt von Lehrkräften die bundesweit beste Note: 3,7

In der Corona-Krise wirkt sich außerdem besonders aus, dass der Lehrermangel in Nordrhein-Westfalen erheblich größer ist als in Bayern. Und auch der Anteil der Lehrkräfte, die 60 Jahre und älter sind und eher zu einer Risikogruppe gehören, ist hier größer. Dazu komme noch, so Plünnecke, dass in den Klassen in Nordrhein-Westfalen meist mehr Kinder sitzen, die Lehrer-Schüler-Relation also in Nordrhein-Westfalen ungünstiger als in Bayern ist. Vor diesem Hintergrund seien die Herausforderungen in der Corona-Krise für Lehrkräfte in Nordrhein-Westfalen möglicherweise belastender als in Bayern.

Das wiederum kann natürlich in Nordrhein-Westfalen auch zu einer größeren Unzufriedenheit mit der Bildungspolitik beitragen, wie die Befragung für das Schulbarometer zeigt. So wird das Corona-Management der Landesregierung in Bezug auf Schulen in Bayern mit der Bestnote 3,7 bewertet, in Nordrhein-Westfalen gibt es nur eine 4,6 – die schlechteste Note. Die Bundesdurchschnittsnote ist 4,2.

Auch die Sorge um die eigene Gesundheit ist bei Lehrkräften an nordrhein-westfälischen Schulen größer (78 Prozent) als an bayerischen Schulen (64 Prozent). In Nordrhein-Westfalen halten nur 17 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer die hier getroffenen Corona-Maßnahmen für ausreichend, in Bayern ist die Zustimmung mit 38 Prozent mehr als doppelt so hoch.

Bildungsforscher: Ob Digitalunterricht gut läuft, hängt vor allem von der einzelnen Schule ab

Vielleicht erklärt sich so auch, dass kurz vor dem Lockdown Anfang Dezember in Bayern – trotz besserer Vorbereitung auf den Distanzunterricht – fast jede zweite Lehrkraft (47 Prozent) für die Fortführung des Präsenzunterrichts war, in Nordrhein-Westfalen hingegen nicht einmal jede dritte (31 Prozent).

Nach Axel Plünneckes Beobachtung hängt die Bewertung der eigenen Arbeitssituation allerdings insgesamt weniger von der Bildungspolitik eines Landes, als vielmehr davon ab, wie die eigene Schule die Corona-Krise und den Digitalunterricht meistert: „Die Varianz innerhalb der Bundesländer, innerhalb derselben Kommune und sogar innerhalb einer Schule ist größer als zwischen den Bundesländern.“

Das Deutsche Schulbarometer Spezial Corona-Krise

  • Für die Folgebefragung des Deutschen Schulbarometers Spezial hat Forsa im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT zum zweiten Mal Lehrerinnen und Lehrer zu ihren Erfahrungen in der Corona-Krise befragt.
  •  Die erste Befragung fand Anfang April letzten Jahres kurz nach den Schulschließungen statt. Mit der Folgebefragung, die im Dezember kurz vor den erneuten Schulschließungen durchgeführt wurde, liegt nun die erste umfangreiche Längsschnitterhebung zur Situation an den Schulen während der Corona-Pandemie vor.
  • In der Folgebefragung wurden erstmals auch belastbare Daten aus einzelnen Bundesländern erhoben.
  • Alle Ergebnisse der Folgebefragung für das Deutsche Schulbarometer Spezial zur Corona-Krise stehen hier als PDF zum Download bereit: