Übergangsempfehlung : „Lehrkräfte diskriminieren nicht ethnisch, sondern sozial“

In Deutschland werden Kinder schon früh auf verschiedene Schularten verteilt. In den meisten Bundesländern findet der Übergang von der Grundschule auf die weiterführende Schule bereits nach der vierten Klasse statt. Auch wenn über die weitere schulische Laufbahn fast überall die Eltern entscheiden, sprechen die Lehrkräfte der Grundschulen Empfehlungen aus, welche Schulart die Kinder weiter besuchen sollten. Doch sind diese Bildungsempfehlungen gerecht? Welchen Einfluss haben dabei die soziale und ethnische Herkunft der Kinder? Darüber sprach das Schulportal mit dem Soziologen Jörg Dollmann vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung.

Annette Kuhn / 08. Januar 2021
Übergangsempfehlung Kind hebt Hand im Unterricht
Kinder aus Migrantenfamilien mit sozial schwächerem Hintergrund bekommen in der Grundschule weniger gute Übergangsempfehlungen als andere Kinder.
©Matthew Horwood/Getty Images

Deutsches Schulportal: Inwieweit beeinflusst die soziale Herkunft der Kinder die Übergangsempfehlung der Lehrkräfte an Grundschulen für die weiterführende Schule?
Jörg Dollmann: In Deutschland werden sozial-selektive Bildungsempfehlungen gegeben. Es ist ein relativ gut belegbarer Befund, dass bei gleichen schulischen Leistungen Kinder aus Familien mit einem stärkeren Bildungshintergrund eher eine Empfehlung für eine höhere Schulart bekommen als Kinder aus weniger gebildeten Elternhäusern. Kinder aus Akademikerfamilien bekommen eher eine Gymnasialempfehlung als Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien.

Woran liegt das?
Lehrkräfte ziehen bei ihrer Empfehlung unter anderem das zukünftige Potenzial der Kinder mit in Betracht. Wir wissen, dass Lehrkräfte die Leistungsfähigkeit der Kinder anhand von Stereotypen einschätzen. Bei Kindern aus einer niedrigeren sozialen Schicht nehmen viele Lehrkräfte eine ungünstigere Leistungsentwicklung an. Dabei spielen möglicherweise auch die Unterstützungsmöglichkeiten in den Familien eine Rolle. Die Überlegung der Lehrkräfte könnte dabei sein: Wenn es mal nicht so gut in der Schule läuft, bekommt ein Kind aus einer Akademikerfamilie eher Unterstützung als ein Kind aus einer bildungsferneren Familie.

Ein weiterer Einflussfaktor für die Übergangempfehlung sind die Eltern. Sie können Druck auf die Lehrkräfte ausüben, weil sie zum Beispiel wollen, dass ihr Kind eine Gymnasialempfehlung bekommt. Dieser Einfluss geht eher von Akademikerfamilien aus als von Familien mit bildungsfernerem Hintergrund. Dazu gibt es aber bislang wenig Befunde, eventuell auch, weil Lehrkräfte dies nicht offen angeben würden.

Bei der Übergangsempfehlung berücksichtigen Lehrkräfte auch die Unterstützung durch die Eltern

Ist es nicht auch ein Stück weit berechtigt, wenn Lehrkräfte die Unterstützungsmöglichkeiten im Elternhaus berücksichtigen?
Rational ist das nachvollziehbar. Aber das resultiert zum Teil aus einer verzerrten Wahrnehmung. Denn wenn Kinder aus sozial stärkeren und schwächeren Elternhäusern am Ende der Klassenstufe 4 gleiche Leistungen erreichen, haben sie das unter unterschiedlichen Bedingungen geschafft. Die Kinder aus weniger bildungsnahen Familien sind eigentlich diejenigen, die sich besser durchgebissen und die mehr erreicht haben, weil sie es entgegen den nachteiligeren Lernvoraussetzungen trotzdem zu gleichen Leistungen gebracht haben. Wenn Lehrerinnen und Lehrer das in Betracht ziehen würden, müssten sie eigentlich annehmen, dass gerade diese Kinder bessere individuelle Startvoraussetzungen für eine höhere Schulart mitbringen.

In Ganztagsschulen verlagert sich das Lernen ja meist weniger ins Elternhaus als in Halbtagsschulen. Daher könnte man annehmen, dass an Ganztagsschulen der Einfluss des Elternhauses eine geringere Rolle spielt. Fallen die Übergangsempfehlungen an Ganztagsschulen also gerechter aus?
Man könnte annehmen, dass eine Schule, die allen Kindern gleiche Lernopportunitäten gibt, gerechter ist. Aber der Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg der Kinder ist hartnäckig, und ich glaube, dass der Beitrag des Bildungssystems zur Reduktion von Bildungsungleichheiten überschätzt wird.

Das zeigt auch ein Blick auf Bildungssysteme, bei denen es weniger selektiv als in Deutschland zugeht. In Schweden zum Beispiel wird viel später nach Schularten differenziert, die Kinder lernen länger gemeinsam, und es gibt nicht so viele verschiedene Bildungswege. Dennoch versucht sich auch hier das Bildungsbürgertum abzusetzen, und es kommt zu stärkeren Binnendifferenzierungen innerhalb einer Schule. „Advantage finds its way“ – der Vorteil bahnt sich seinen Weg, lautet der Titel einer Arbeit von Kolleginnen und Kollegen, der sehr treffend beschreibt, wie der soziale Hintergrund der Elternhäuser in allen Bildungssystemen durchschlägt. Kinder aus privilegierteren Elternhäusern lernen dann zum Beispiel Altgriechisch oder belegen andere anspruchsvolle Kurse.

Kinder aus Migrantenfamilien, die aus der gleichen sozialen Schicht kommen und gleiche Leistungen erbringen wie Kinder ohne Migrationshintergrund, wählen genauso anspruchsvolle Schulen oder meistens sogar anspruchsvollere.

Wie sieht es mit der ethnischen Herkunft der Kinder aus – in welcher Weise spielt sie für die Übergangsempfehlung eine Rolle?
Vergleicht man bei gleichen schulischen Leistungen die Bildungsempfehlungen für Migrantenkinder mit den Empfehlungen für Kinder ohne Migrationshintergrund, fallen sie schlechter aus. Das liegt aber vor allem daran, dass die meisten Migrantenkinder aus sozial schwächeren Elternhäusern kommen. Wenn man allerdings den sozialen Hintergrund des Elternhauses „herausrechnet“, zeigen sich keine Unterschiede. Lehrkräfte diskriminieren also nicht ethnisch, sondern sie diskriminieren sozial. Das heißt, Migrantenkinder haben keinen zusätzlichen Nachteil nur aufgrund ihrer ethnischen Herkunft. Bei Kindern aus Migrantenfamilien kommt aber generell noch ein weiterer Aspekt hinzu, der sie von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern ohne Migrationshintergrund aus vergleichbaren Hintergründen unterscheidet.

Welcher wäre das?
Migrantinnen und Migranten haben meist eine hohe Bildungsaspiration, vor allem in der zweiten Generation. Das kann ihnen sogar Vorteile bei Bildungsübergängen schaffen. Grob gesagt lässt sich sagen: Kinder aus Migrantenfamilien, die aus der gleichen sozialen Schicht kommen und gleiche Leistungen erbringen wie Kinder ohne Migrationshintergrund, wählen genauso anspruchsvolle Schulen oder meistens sogar anspruchsvollere.

Der Einfluss der sozialen Herkunft ist in allen Schulsystemen ähnlich groß

Am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung arbeiten Sie an dem Langzeitprojekt „Children of Immigrants Longitudinal Survey in Four European Countries“, das die Bildungsverläufe in Deutschland, den Niederlanden, England und Schweden miteinander vergleicht – Länder mit durchaus unterschiedlichen Bildungssystemen. Sehen Sie zwischen den Ländern Unterschiede in den Bildungsverläufen in Bezug auf die ethnische Herkunft?
Bei einer der Studien im Projekt schaue ich vor allem auf den Übergang von der Sekundarstufe I zur Sekundarstufe II. Hier gibt es zwischen den Ländern kaum Unterschiede in Bezug auf ethnische Ungleichheiten, wenn es um Unterschiede beim Besuch der Sekundarstufe II geht. Das ist erstaunlich, weil es ja durchaus große Unterschiede zwischen den Bildungssystemen gibt. In Deutschland und den Niederlanden wird relativ früh differenziert, in Schweden und England deutlich später. Für Migrantenkinder scheint das aber keine große Rolle zu spielen, sie schneiden in allen Ländern ähnlich oder sogar leicht besser ab als ihre Klassenkameraden ohne Migrationshintergrund.

So konsistent, wie sich dieses Muster zeigt, zeigt sich allerdings auch der Einfluss der sozialen Herkunft, mit den üblichen Mustern des Vorteils von sozial privilegierten Familien. Auch wenn es nur eine Schulart gibt, sind die Schulen ja nicht alle gleich. Bildungsnahe Eltern werden immer versuchen, ihr Kind auf eine Schule zu geben, die nicht in einem sozialen Brennpunkt liegt oder die ihnen anderweitig vorteilhafte Voraussetzungen bringt.

Eltern agieren sozial noch stärker sozial selektiv als Lehrkräfte

Wäre es gerechter, wenn bei der Übergangsempfehlung von der Grundschule auf die weiterführende Schule nur die Leistungen zählen würden?
Wenn nur die Leistungen bei der Übergangsempfehlung zählen würden, wäre das schon fairer. Vor allem dann, wenn von dieser Empfehlung auch nicht abgewichen werden könnte. Jetzt ist es ja meist so, dass es Abweichungen von der Übergangsempfehlung in bildungsnahen Elternhäusern nach oben und in bildungsfernen Elternhäusern nach unten gibt.

Allerdings wird auch das nicht zu Bildungsgerechtigkeit führen. Denn nicht nur die Lehrkräfte agieren sozial selektiv, die Eltern tun dies noch viel stärker. Selbst wenn das Lehrerurteil also verbindlich wäre, würden bildungsnahe Eltern alles daran setzen, um ihr Kind auf das Gymnasium zu bekommen und schon ab Klasse 1 mit ihm dafür pauken, dass es den Übergang nach der vierten Klasse schafft. Advantage finds its way!

Zur Person

Jörg Dollmann
Jörg Dollmann
©Elisa Berdica