Länderüberblick zum Schulstart : Wo die meisten Lehrkräfte fehlen

Die Personalausstattung zum neuen Schuljahr ist in allen Bundesländern angespannt. Das zeigt eine Abfrage des Schulportals. Insgesamt müssen demnach mehr als 36.000 offene Lehrerstellen besetzt werden, und häufig sind zum Schuljahresbeginn noch Stellen offen. Um die Engpässe aufzufangen, setzen viele Bundesländer verstärkt auf Quer- und Seiteneinsteigende. Hinzu kommt, dass nun kurzfristig in vielen Ländern eine Reserve für Lehrkräfte aufgebaut wird, die coronabedingt für den Präsenzunterricht ausfallen. (aktualisiert)

Hochgestellte Stühle im Klassenzimmer Lehrermangel
Die Corona-Krise hat die ohnehin angespannte Personalsituation an den Schulen noch weiter verschärft.
©Hendrik Schmidt/dpa

Die Lehrerausstattung zum Schuljahresbeginn ist in jedem Jahr ein Kraftakt – aber im Schuljahr 2020/21 ist die Unterrichtsversorgung in den Ländern besonders schwierig. Auch wenn in einigen Bundesländern noch keine Daten vorliegen, ist eines jetzt schon klar: Viele Länder müssen auch in diesem Jahr wieder verstärkt auf Quer- und Seiteneinsteigende zurückgreifen. Sie verfügen über einen Hochschulabschluss in den schulrelevanten Fächern, die pädagogische Ausbildung erfolgt berufsbegleitend. Die Gründe sind vielfältig: Pensionierungen, wachsende Schülerzahlen oder auch der Wechsel von G8 zu G9 in einigen Ländern. Hinzu kommen Tausende Lehrkräfte, die nicht im Präsenzunterricht eingesetzt werden können, weil sie an einer Covid-19-relevanten Vorerkrankung leiden. Das Schulportal hat in den Kultusministerien der 16 Bundesländer die aktuelle Personalsituation abgefragt.

Insgesamt müssen die Länder etwa 36.000 Lehrerstellen zum Schuljahr 2020/21 neu besetzen. Die meisten Neueinstellungen gibt es in Nordrhein-Westfalen. Hier waren bis zum 15. August etwa 8.000 Stellen zu besetzen. In Baden-Württemberg sind es 6.000 Stellen zum neuen Schuljahr und in Bayern 4.600. Aber auch vergleichsweise kleine Bundesländer müssen viele Stellen neu besetzen und zusätzlich aufstocken. Berlin zum Beispiel hat zum neuen Schuljahr 2.547 Vollzeitstellen ausgeschrieben – so viele wie in den vergangenen 30 Jahren nicht. 300 Stellen davon waren zum Schulstart am 10. August noch offen.

Fast alle Bundesländer müssen bei der Stellenbesetzung auch auf den Quereinstieg setzen

Dass die Unterrichtsversorgung zum neuen Schuljahr überhaupt gesichert werden kann, ist in vielen Bundesländern dem verstärkten Einsatz von Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern zu verdanken. Vor allem die ostdeutschen Bundesländer müssen in ähnlichem Umfang wie im vergangenen Schuljahr auf Quereinsteigende setzen. In Berlin etwa sind 40 Prozent der Neueinstellungen Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger. In Brandenburg wurden 34 Prozent der Stellen mit Lehrkräften ohne volle Lehrbefähigung besetzt. In Mecklenburg-Vorpommern betrifft das bisher 30 Prozent der Neueinstellungen. Dennoch konnte jede dritte Lehrerstelle zum Schulbeginn noch nicht besetzt werden.

Auch in einigen westdeutschen Bundesländern werden offene Lehrerstellen in Mangelfächern, für die es keine ausgebildeten Bewerberinnen und Bewerber gibt, mit Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern besetzt – allerdings in geringerem Umfang. In Niedersachsen zum Beispiel betrifft das etwa 6 Prozent der Neueinstellungen, in Schleswig-Holstein sind es 11 Prozent. Dabei ist zu beachten, dass die Begriffe „Quereinstieg“ und „Seiteneinstieg“ in den Bundesländern sehr unterschiedlich definiert sind. Die Zahlen sind deshalb schwer vergleichbar (siehe: Alternativer Weg ins Lehramt).

Fakt ist, dass der Quereinstieg deutschlandweit eine feste Größe bei der Personalausstattung der Schulen ist. Nur im Saarland und in Bayern werden nach Angaben der Kultusministerien auch im neuen Schuljahr ausschließlich voll ausgebildete Lehrkräfte eingestellt. Eine Ausnahme gilt in Bayern bei der befristeten Reserve für Lehrkräfte, die coronabedingt nicht in der Schule arbeiten können. Hier setzt Bayern auf 800 zusätzliche „Teamlehrkräfte“, die gemeinsam mit der Lehrkraft im Homeoffice den Unterricht vor Ort gestalten. Bedingung hierfür sind lediglich ein abgeschlossenes Studium und Interesse an pädagogischem Arbeiten.

Tausende Lehrkräfte können wegen Corona nicht im Präsenzunterricht arbeiten

Insgesamt ist der Anteil der Lehrerinnen und Lehrer, die im neuen Schuljahr nicht im Präsenzunterricht eingesetzt werden können, weil sie zu einer Risikogruppe gehören, offenbar häufig niedriger als ursprünglich erwartet. Dort, wo Daten oder Schätzungen vorliegen, liegt er im niedrigen einstelligen Bereich. So hat Berlin zum Beispiel die geschätzte Quote von 7 Prozent nun auf 3 Prozent nach unten korrigiert. In Brandenburg betrifft das 0,9 Prozent der Lehrkräfte. In Schleswig-Holstein wurden etwa 100 Atteste anerkannt, das macht 0,4 Prozent der gesamten Lehrerschaft aus. Beantragt waren dort allerdings 2.000 Freistellungen vom Präsenzunterricht, was einem Anteil von 8,5 Prozent entsprechen würde. In vielen Bundesländern ist die Quote deutlich geringer als vor den Ferien. Im Saarland fallen zum Beispiel coronabedingt 1,4 Prozent der Lehrkräfte aus, vor den Ferien waren es noch 13 Prozent.

Hier finden Sie die Informationen zur aktuellen Lehrkräfteausstattung für jedes Bundesland im Überblick:

Mehr zum Thema

  • Auch die Autorinnen und Autoren des gerade erschienenen achten nationalen Bildungsberichts haben sich mit dem Thema Quereinstieg/Seiteneinstieg beschäftigt. Die Zahlen, die sie ausgewertet haben, beziehen sich auf das Jahr 2018.
  • In 2018 hatten von den insgesamt 36.000 neu eingestellten Lehrkräften 13 Prozent kein abgeschlossenes Lehramtsstudium. Damit hat sich der Anteil gegenüber 2012 vervierfacht. Im Bericht werden sie alle als „Seiteneinsteigerinnen“ und „Seiteneinsteiger“ bezeichnet, unabhängig davon, ob sie den Vorbereitungsdienst bzw. das Referendariat durchlaufen haben (Quereinstieg) oder direkt in den Schuldienst eingetreten sind und dann eine berufsbegleitende Qualifizierung absolvieren (Seiteneinstieg).
  • In Sachsen machten die Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger 2018 demnach mit 51 Prozent der Neueinstellungen im bundesweiten Vergleich den größten Anteil aus. Auf Platz zwei folgte Berlin mit 40 Prozent. In anderen Bundesländern wie Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Bremen lag der Anteil bei mehr als 25 Prozent. Keine Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger gab es in Bayern und im Saarland. In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hamburg, Hessen und Schleswig-Holstein lag der Anteil zwischen 1 und 3 Prozent.
  • Besonders stark vertreten sind Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger in den MINT-Fächern. Wie aus den Daten des IQB-Bildungstrends 2018 hervorgeht, liegt ihr Anteil in der Sekundarstufe I im Physikunterricht insgesamt bereits bei 17 Prozent, in Chemie bei 15 Prozent, in Mathematik bei 9 Prozent und in Biologie bei 6 Prozent.