Schuljahr 2019/2020 : Tausende Lehrerstellen können nicht besetzt werden

Der Lehrkräftemangel an Schulen spitzt sich weiter zu, und dabei ist der Höhepunkt noch nicht erreicht, betont Bildungsforscher Klaus Klemm. Viele Bundesländer haben große Probleme, ihre offenen Stellen für das neue Schuljahr mit qualifiziertem Personal zu besetzen. Klemm spricht im Interview mit dem Schulportal über die Gründe der verfehlten Bedarfsplanung und über nötige Konsequenzen.

Florentine Anders / 12. August 2019
Auf einer Tafel steht der Schriftzug «1./2. Stunde fällt aus!!!»
Bildungsforscher Klaus Klemm geht davon aus, dass viele Schulen auch in den kommenden Jahren auf den Quereinstieg setzen müssen, um den Unterricht abzusichern.
©dpa

Schulportal: Herr Klemm, nach Schätzungen des Deutschen Lehrerverbandes werden zum Schuljahresbeginn bundesweit etwa 15.000 Lehrerstellen noch unbesetzt sein. Halten Sie diese Schätzung für realistisch?
Klaus Klemm: Das ist schwer vorherzusagen. Die Länder stellen ja fortlaufend Lehrkräfte ein, auch noch nach Beginn des Schuljahres laufen die Verfahren.  Die Kultusministerien melden daher die Ausstattung der Schulen erst im Herbst mit großer zeitlicher Verzögerung. 2017 mussten 4.000 Quereinsteiger eingestellt werden, die keine reguläre Lehramtsausbildung abgeschlossen hatten. Mit Sicherheit kann man aber sagen, dass zum Schuljahresbeginn bundesweit mehrere tausend Stellen unbesetzt sein werden. Kein Bundesland kann derzeit problemlos offene Stellen durch passend ausgebildete Lehrkräfte besetzen. Die Länder reagieren mit verschiedenen Programmen, sei es mit dem Einsatz von Quer- und Seiteneinsteigern oder etwa mit dem Einsatz von Gymnasiallehrkräften an Grundschulen. Solche Programme werden weiter zunehmen, die Spitze des Lehrermangels ist noch nicht erreicht.

Dabei gibt es allerdings große Unterschiede: Während einige Bundesländer wie Berlin massiv auf den Quer- und Seiteneinstieg setzen müssen, gab es beispielsweise in Bayern bisher genügend ausgebildete Lehrkräfte. Woher kommen diese Unterschiede?
In den meisten Bundesländern werden die Prognosen für den Lehrkräftebedarf mit großer zeitlicher Verzögerung angepasst. Bayern dagegen berechnet den Bedarf an Lehrkräften jedes Jahr neu und passt die Prognosen anhand der aktuellen Schülerzahlen an. Dadurch kann Bayern viel schneller auf veränderte Entwicklungen reagieren. In vielen anderen Bundesländern wurden in der Vergangenheit die Berechnungen aber nur alle fünf Jahre erneuert. Noch im Sommer 2018 stand auf der Internetseite der Kultusministerkonferenz eine Prognose, die auf Zahlen von 2012 basierte und von einem Lehrerüberschuss ausging. Dabei war längst klar, dass viele Stellen nicht besetzt werden können. Erst im Herbst wurde diese Prognose dann angepasst und ein Mangel für die kommenden Jahre vorausgesagt. Das ist ein Fortschritt – allerdings sind auch diese Zahlen schon wieder überholt und zu niedrig angesetzt.

Während Sie in der Bertelsmann-Studie einen Bedarf von etwa 35.000 zusätzlichen Lehrkräften bis 2025 prognostizierten, geht die Kultusministerkonferenz von einem zusätzlichen Bedarf von 18.000 Lehrkräften innerhalb von zehn Jahren aus. Wie ist diese Differenz zu erklären?
In unserer Studie sind andere Parameter mit eingeflossen. So ist darin zum Beispiel auch berechnet, wie viele zusätzliche Lehrkräfte benötigt werden, um den politisch beschlossenen Rechtsanspruch auf Ganztag umzusetzen.  Die meisten Länderprognosen beziehen sich nur auf die Schülerzahlen. Aber selbst hier hinken die Prognosen hinterher.

Die wachsenden Geburtenzahlen der letzten Jahren sind vielfach noch nicht vollständig berücksichtigt.

Die wachsenden Geburtenzahlen der letzten Jahren sind vielfach noch nicht im vollen Umfang berücksichtigt. Die Kinder der wieder stärkeren Geburtsjahrgänge besuchen erst Mitte der Zwanzigerjahre im vollen Umfang die Schule. Deshalb wird sich der Mangel an Lehrkräften weiter verschärfen und erst dann seinen Höhepunkt erreichen.

Die Bundesländer haben ja Studienplätze für Lehramtsstudierende ausgebaut. Wird das nicht ausreichen?
Die Länder haben zwar die Kapazitäten in den Universitäten aufgestockt, aber das reicht nicht aus. Und selbst wenn jetzt weitere Studienplätze hinzukämen, wären die Absolventinnen und Absolventen nicht rechtzeitig fertig. Die Ausbildung einer Lehrkraft dauert inklusive Referendariat etwa sieben Jahre. Außerdem reicht es eben nicht, einfach nur das Angebot an Studienplätzen auszuweiten. Es braucht ja auch die entsprechenden Bewerberinnen und Bewerber dafür. Und so lange es zum Beispiel Unterschiede in der Bezahlung von Grundschullehrern und Gymnasiallehrern gibt, wird auch die Nachfrage an Studienplätzen für die Schularten unterschiedlich sein.

Der Quer- und Seiteneinstieg wird also auch künftig ein wichtiger Hebel bleiben, um den Lehrkräftemangel auszugleichen. Was als Notlösung gedacht war, wird zur Normalität. Was muss sich ändern, damit das auf Dauer funktioniert?
Wir müssen davon ausgehen, dass die Schulen noch viele Jahre Quer- und Seiteneinsteiger einstellen. Deshalb ist es wichtig ist, dass die Programme zur Qualifizierung der Quer- und Seiteneinsteiger jetzt seriöser werden und die Länder sich auf vergleichbare Qualitätsstandards festlegen. Bisher ist das Vorgehen sehr unterschiedlich. Während in einigen Ländern die Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger vom ersten Tag an unterrichten, müssen sie in anderen erst eine Qualifizierung absolvieren.

Ein großes Problem ist die Verteilung der Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger. In Berlin etwas sammeln sich die nicht regulär ausgebildeten Lehrkräfte vor allem an Brennpunktschulen. Die Zulage, die die Regierung für Schulen in schwierigen Lagen versprochen hat, hat offenbar nichts gebracht. Wie kann die Politik hier entgegenwirken?
Die ungleiche Verteilung des Lehrkräftemangels ist ein großes Problem. Hier beißen sich zwei Prinzipien. Anders als früher können sich die Schulen vieler Länder heute die Lehrkräfte selbst aussuchen. Das ist im Zuge der wachsenden Eigenverantwortung der Schulen so gewollt, schließlich können sie dadurch besser auf ihren Bedarf und auf ihr Profil vor Ort bei der Auswahl der Pädagoginnen und Pädagogen eingehen. Dieser vernünftige Ansatz wird nun in der Mangelsituation pervertiert. Die gut ausgebildeten Lehrkräfte gehen eben oft lieber an die Schulen in einem bildungsbürgerlichen Umfeld als an Schulen in kritischen Lagen. Für die Schulen, die ohnehin schon mit massiven Herausforderungen zu kämpfen haben, ist der hohe Anteil an nicht voll ausgebildeten Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern eine Katastrophe. Einfach zu lösen wäre das Problem, indem man zu einer zentralen Zuweisung des Personals zurückkehrt. Da das aber nicht gewollt ist, müsste man mit massiven Anreizen reagieren. Allein der finanzielle Anreiz reicht da möglicherweise nicht aus. Allerdings ist es auch zu früh, Schlussfolgerungen zu ziehen, was die Wirksamkeit der Maßnahme betrifft. Das muss man über mehrere Jahre beobachten. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Zulage in einzelnen Ländern auswirkt.

Zur Person

  • Klaus Klemm ist einer der erfahrensten Experten für den Lehrerarbeitsmarkt in Deutschland.
  • In der 2018 von der Bertelsmann Stiftung veröffentlichten Studie „Lehrkräfte dringend gesucht“ erstellte Klemm gemeinsam mit Dirk Zorn eine Bedarfsanalyse für die Primarstufe.
  • Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2007 war er Professor für Bildungswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen.