Prävention : Tatort Schule, Schutzraum Schule

Das Land Hessen will Kinder und Jugendliche durch mehr Aufklärung vor sexuellem Missbrauch schützen – mit einer Änderung im Schulgesetz und neuem Unterrichtsmaterial.

Dieser Artikel erschien am 07.02.2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Florentine Fritzen
Tatort: Die Odenwaldschule in Ober-Hambach bei Heppenheim
Tatort: Die Odenwaldschule in Ober-Hambach bei Heppenheim
©imago

Die Odenwaldschule war eine Schule in Hessen. Ihr Name steht nicht mehr für Reformpädagogik in einem 1910 gegründeten Landerziehungsheim, sondern für eine im Jahr 2015 geschlossene Institution des Grauens, in der mehrere Lehrer Hunderte Schüler systematisch sexuell missbrauchten.

Derzeit ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt gegen einen 46 Jahre alten früheren Grundschulleiter in den Landkreisen Hersfeld-Rotenburg und Werra-Meißner. Der Mann steht im Verdacht, mehrere Kinder sexuell missbraucht und kinderpornographisches Material hergestellt zu haben.

Die Verbrechen müssen aufgearbeitet, Täter ermittelt und strafrechtlich verfolgt werden – und die Opfer benötigen Hilfe. Gleichzeitig gilt es vorzubeugen. Das ist das Thema von Stephan Jeck. Im Kultusministerium nennen sie ihn „unseren Chefschulpsychologen“. Aus jahrelanger Erfahrung benennt der Leiter des Referats Pädagogische und psychologische Unterstützung eine entscheidende Frage beim sexuellen Missbrauch: „Ist die Schule ein Tatort oder ein Schutzraum?“

Gemeinsam für bessere Prävention

Die Antwort für die Odenwaldschule ist eindeutig. An vielen anderen Schulen geht es dagegen darum, sie nicht zum Tatort werden zu lassen. Und zu erkennen, wenn Kinder Hilfe brauchen, weil sie Tätern außerhalb der Schule ausgeliefert sind. Daran arbeitet Jeck: dass die Schule ein Schutzraum ist. Die Prävention ist nur eine seiner Aufgaben. Derzeit geht es bei Jecks Arbeit viel um die Folgen der Pandemie für die Schulen. Das gilt auch für seine Funktion als einer von zwei Leitern des 2017 gemeinsam von Ministerium und Frankfurter Goethe-Universität gegründeten Kompetenzzentrums Schulpsychologie Hessen. Wer sich eine Weile mit dem Psychologen unterhält, merkt aber, wie wichtig ihm die Prävention ist.

Seit dem Skandal an der Odenwaldschule sind etliche Programme entstanden, viele hat Jeck begleitet. Seit 2017 gibt es eine Handreichung zum Umgang mit sexuellen Übergriffen im schulischen Kontext. Die soll das Lehrerkollegium unterstützen, wenn an einer Schule der Verdacht auf solche Vorfälle besteht. Die Hinweise werden regelmäßig überarbeitet, nächstes Jahr soll eine neue Version fertig sein.

Aber eine Handreichung ist eben zunächst einmal nicht viel mehr als ein Stapel Papier oder ein digitales Dokument. Deshalb ist jetzt etwas Haptisches geplant. Spätestens zum neuen Schuljahr soll jede weiterführende Schule in Hessen ein Kartenset für die achten und neunten Klassen erhalten, mit dessen Hilfe die Jugendlichen im Unterricht gemeinsam an der Prävention arbeiten können – zum Beispiel mit Rollenspielen, Aufgaben, Fragen. Die Kartensets werden „SePP“ heißen. Das steht für sensibilisierende Prävention durch Partizipation.

Hessen als Vorreiter für Schutzkonzept-Pflicht

Entstanden sind die Inhalte, die noch auf Karten gedruckt werden müssen, zusammen mit Wissenschaftlern der Universitäten Gießen und Marburg. Dort ist auch eine Forschungsreihe zu sexueller und sexualisierter Gewalt an Schulen angesiedelt. Diese „Speak-Studien“ haben erst die allgemeinbildenden und voriges Jahr auch die Berufsschulen in den Blick genommen. Dabei kam heraus, dass sexuelle Gewalt oft auch unter Jugendlichen stattfindet. „Es geht darum, das Dunkelfeld in der ganzen Breite sexueller Gewalterfahrungen zu erhellen“, sagt Jeck. „Auch, um den Opfern noch mehr Gehör zu verschaffen und ihnen dann zukünftig noch besser helfen zu können.“

Die Elly-Heuss-Knapp-Schule ist eine Schule in Hessen. Wer nach aktuellen Nachrichten über die Grundschule in Darmstadt sucht, erfährt, dass sie einen Neubau bekommen und dass sie denkmalgeschützt saniert werden soll. Die Aufarbeitung des Missbrauchs findet sich tiefer in den Archiven, im Jahr 2016. Sechs Jahre nach Aufdeckung des Odenwald-Skandals kam zutage, dass ein 2005 gestorbener Lehrer der Elly-Heuss-Knapp-Schule Dutzende Kinder außerhalb der Schule missbraucht hatte. Jahrzehntelang.

Das Kultusministerium hat noch mehr Pläne. Es will außerdem erreichen, dass sich jede Schule in Hessen ein Schutzkonzept gegen sexuelle Übergriffe und Missbrauch geben muss. Dieses Ziel könnte auch Teil des Landesaktionsplans zum Schutz von Kindern und Jugendlichen gegen sexualisierte Gewalt werden, der seit 2012 gilt und noch in dieser Legislaturperiode fortgeschrieben werden soll. Daran sind auch Betroffene beteiligt.

Auf Ebene der Kultusministerkonferenz will Hessen die verpflichtenden Schutzkonzepte ebenfalls vorantreiben. Bisher ist das nur eine Empfehlung. Käme die Pflicht zu einem solchen Leitfaden gegen sexuelle Gewalt an jeder Schule ins Schulgesetz, wäre Hessen eines der ersten Länder, die das verankern. Bislang gilt, dass Lehrer ein erweitertes Führungszeugnis haben müssen, und seit ein paar Jahren steht auch im Schulgesetz, dass sexuelle Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern verboten sind.

Es gibt verschiedene Problembereiche in Schulen

Außerdem lassen sich jedes Jahr bis zu 50 Lehrer als Ansprechpersonen für ihre Schulen fortbilden. Nach Schätzung des Ministeriums gibt es diese Multiplikatoren der Prävention, die sie zugleich sein sollen, inzwischen an rund einem Viertel der ungefähr 2000 hessischen Schulen.

Auch aus dem Programm „Was ist los mit Jaron?“ des Bundes erhofft sich das Land Aufschluss. Das Ministerium will demnächst abfragen, wie viele hessische Lehrer sich für die Onlinefortbildung des Unabhängigen Beauftragten für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs angemeldet haben. Allerdings geht das nur bei denen, die die Schulung nicht anonym machen. Aufgebaut ist das Programm als „Serious Game“, also als ernsthaftes Computerspiel, das nicht vorrangig der Unterhaltung dient.

Auf Jecks Diensthandy läuft die Krisenhotline der „Anlaufstelle Notfalltelefon“ des Ministeriums. Er ist somit Teil der Informationskette, wenn es um schwerwiegende Gewaltsituationen in einer Schule geht. Er werde kontaktiert, um bei Bedarf „das schulpsychologische Kriseninterventionsteam zu aktivieren“, berichtet Jeck. Auch über den Verdacht gegen den ehemaligen Schulleiter aus Hersfeld-Rotenburg wurde er über das Notfalltelefon informiert. Die Fälle sind aber sehr unterschiedlich: Erst am Vorabend hat ihm ein Schulleiter von einem vermissten Mädchen berichtet. Es ist mittlerweile wieder aufgetaucht.