Konzept für Problemschulen : Talente gibt es überall

Arme Schüler brauchen extra Unterstützung. Tief im Westen gibt es dafür neue Ideen. Entscheidend sind die Lehrer.

Dieser Artikel erschien am 13.07.2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Inge Kloepfer
Unterrichtssituation
Nordrhein-Westfalen hat im vergangenen Jahr das Modellprojekt der „Talentschulen“ ins Leben gerufen. Jetzt gibt es erste Erfolge.
©dpa

Zum neuen Schuljahr soll es wieder anders werden. Das hoffen jetzt alle an der Gesamt­schule in der Ferdinand­straße in Köln-Mühlheim. Wo sich normaler­weise 850 Kinder und Jugendliche tummeln, waren zuletzt nur vereinzelte Klassen auf alle Klassen­räume verteilt. All das, was die Schule sonst noch bietet, ihre besondere Profilierung, kam nicht zum Tragen. „Unsere Schülerinnen und Schüler hatten zuletzt nur drei Stunden Unterricht am Tag“, erklärt Direktorin Monika Raabe, die seit neun Jahren die Schule leitet. Normalerweise läuft die Schule im Ganz­tages­betrieb mit einem umfangreichen Angebot zusätzlich zum regulären Unterricht.

Vor gut eineinhalb Jahren haben sich Monika Raabe und ihr Team beim Schul­versuch der „Talent­schule“ beworben, einem Programm, das die Landes­regierung von Nordrhein-Westfalen aufgelegt hat, um die Chancen der Kinder an Schulen in sozial schwierigen Vierteln zu verbessern. „Bei uns sind über 60 Prozent der Kinder lern­mittel­befreit“, sagt Raabe im politisch korrekten Sozial­vokabular.

Im Klartext heißt das: 60 Prozent der Kinder kommen aus Haushalten in schwieriger sozialer Lage, in denen die Eltern staatliche Unterstützung beziehen. „Ich würde auch schätzen, dass bei uns mindestens 90 Prozent der Kinder einen Hintergrund nicht­deutscher Herkunft haben.“ Wer Schulen kennt, weiß, dass es weder Raabe noch ihr Team besonders leicht haben, schon gar nicht die Kinder und Jugendlichen. Und dass allein die Schule als Absender diskriminieren kann: „Sage mir, auf welche Schule du gehst, und ich sage dir, wer du bist.“

2500 Euro für jährliche Fort­bildungen der Lehrer

In Nordrhein-Westfalen soll sich das jetzt für solche Schulen tatsächlich ändern. Die Schul- und Bildungs­ministerin Yvonne Gebauer (FDP) hat dafür 2019 den Schulversuch „Talentschule“ ins Leben gerufen, 60 allgemein- und berufs­bildende Schulen nehmen daran teil. Bei der Auswahl spielten Sozial­indikatoren des Viertels und der Schule ein Rolle, auch die Einschätzung der Schul­aufsicht.

„Das Thema der ungleichen Bildungs­chancen ist leider und trotz vieler politischer Bemühungen akut“, sagt Ministerin Gebauer, „auch wenn es zuletzt leichte Verbesserungen gegeben hat.“ Man müsse dies gesamt­gesellschaftlich angehen, da sozio­ökonomische Benachteiligungen auf vielen Feldern statt­fänden. Die Schule und die Lehrkräfte allein könnten das niemals vollständig kompensieren.

Immerhin hat die Ministerin beschlossen, die Ressourcen ihres Schul­haushalts ein bisschen anders zu verteilen. Im Falle der Talentschulen sieht das dann so aus: Sie erhalten zunächst einmal ein Fünftel mehr Lehrer als vorher. Hat eine Schule zum Beispiel 50 Voll­zeit­lehrer­stellen, bekommt sie also zehn dazu. Außerdem stehen ihr auch noch 2500 Euro für jährliche Fortbildungen der Lehrer zur Verfügung.

Wie bekommt man gute Lehrer an die schwierigen Schulen?

Im Endausbau schlägt sich das mit zusätzlichen 22 Millionen Euro für die Lehrkräfte und 150.000 Euro für die Fortbildung im Landes­haushalt nieder. Jede Schule bekommt zudem zwei erfahrene Schul­entwicklungs­berater zur Seite gestellt. Ganz allein müssen die durch die Soziallagen der Schülerschaft ohnehin schon stark geforderten Kollegien ihre Förder­programme also nicht entwickeln.

Ganz einfach ist die Umsetzung gleichwohl nicht. Denn die Förderung liegt vor allem in der verbesserten Personal­aus­stattung. Wie aber bekommt man in Zeiten des Lehrer­mangels gute Lehrer an die schwierigen Schulen? Auch hier hat die Ministerin einen Programmmix aus kurz- und lang­fristigen Maßnahmen aufgelegt, der – endlich mal – den größeren Anstrengungen derjenigen Lehrer Rechnung trägt, die sich an diesen Schulen engagieren. Für zweieinhalb Jahre erhalten die Lehrkräfte 350 Euro monatlich mehr. „Ein wichtiges Ziel des Schulversuchs ist es, die Schulen in heraus­fordernden Lagen auch als Arbeitsort attraktiv zu machen“, heißt es dazu.

Schulleiterin Raabe ist zupackend, begeisterungs­fähig und vor allem management­erprobt, hat sie doch ein Zusatz­studium in Personal­management absolviert und zwischen­durch in der Personal­abteilung des Versicherungs­konzerns Axa gearbeitet. Für ihre Schule haben sich die Direktorin und ihr Team viel einfallen lassen, um den Schülern zu bieten, was in bildungs­bürgerlichen Haushalten oft selbst­verständlich ist: Sprach­förderung in allen Fächern mit Beginn der 5. Klasse und Musik stehen an erster Stelle, ferner Sozial­training, Berufs­wahl­förderung, Gesundheits- und Medien­erziehung.

Drei Vollzeit­kräfte mehr an Bord

Vor allem Musik ist der Schulleiterin wichtig – in enger Kooperation mit der Hochschule für Musik und Tanz Köln und der Rheinischen Musikschule. Der Renner ist derzeit das von der Hochschule entwickelte Projekt „Vocal Break“, mit dem integriert im Fach­unterricht für 10 bis 15 Minuten Rhythmus und Gesang angeleitet wird – auch mit Unterstützung durch eine externe Fachkraft. „Das macht ja nicht nur Spaß, sondern es fördert auch die Sprach­entwicklung.“ Darüber hinaus gibt es noch sehr viel mehr: ein Orchester, eine Literaturoper-AG, den Jugendchor und reihenweise Kooperationen mit dem Ganz­tags­träger KJA und anderen externen Partnern auf vielen anderen Feldern.

Dabei hat die pragmatische Direktorin nicht alles neu erfunden, sondern greift gerne auf andernorts Erprobtes und auf Kooperations­partner zurück. Mehr noch: „Wir sind in Köln-Mülheim über das regionale Bildungs­büro vernetzt und tauschen uns nicht nur auf Schul­leiter­ebene immer wieder aus“, sagt sie. So lerne man, was gut funktioniere und was nicht. Das Wichtigste für sie: Mit der Aufnahme in das Landes­programm „Talentschule“ hat sie inzwischen drei Vollzeit­kräfte mehr an Bord. Für die nächsten Jahre kann sie mit neun Lehrern zusätzlich rechnen.

Wie wichtig mehr Lehrer sind, habe sich in den letzten Wochen des Schuljahres gezeigt, als wieder Präsenz­unterricht stattfand. „In den drei Stunden, die wir im Schicht­betrieb in sehr kleinen Gruppen unterrichtet haben, haben die Schüler und Schülerinnen oft mehr als an einem ganzen Tag im Klassen­verbund von 27 Schülern gelernt“, sagt Raabe. Die Bildungs­behörden hören so was nicht gerne, weil das die Schwach­stelle des Systems einmal mehr offenbart.

Problemlagen immer etwas anders

Ewald Terhart, emeritierter Professor für Erziehungs­wissenschaft an der Universität in Münster, weiß aus lang­jähriger Beobachtung: „Geld allein macht die Schulen nicht besser. Die Schulen müssen sich schon selbst auf den Weg machen.“ Der Pädagoge ist Vorsitzender der Auswahl­kommission für den Modell­versuch. Mit dieser Haltung errege man nicht überall Freude, sagt er auch. Wer wolle nicht eine modernere Ausstattung. Die Verbesserung hänge aber am Engagement und den Fähigkeiten der Schulleitung und ihrem Team.

Nach den Worten des Wissenschaftlers ist es auch wichtig, dass die Schulen nicht einfach ein fertiges Programm über­gestülpt bekommen, sondern es selbst entwickeln. Denn die Problem­lagen der einzelnen Schulen in benachteiligten Bezirken seien immer etwas anders. Und zudem müssten Schul­leitung und Kollegium beweisen, dass sie Veränderungen auch wirklich wollen. „Selbst wenn man Milliarden hätte, gäbe es ohne engagierte Lehrer keine Verbesserung“, sagt Terhart.

Flankiert wird der Schulversuch von einer Initiative der Bundesbildungs­ministerin Anja Karliczek. Auch dieses Programm hat einen viel­versprechenden Namen, der Hoffnung in die benachteiligten Stadtteile und ihre Schulen bringen soll: „Schule macht stark.“

Aus der Chaosschule ist ein moderner Campus entwickelt worden

Gemeinsam mit den Ländern hat die Ministerin für die nächsten zehn Jahre ein Förderprogramm von 125 Millionen Euro aufgesetzt. 12,5 Millionen zusätzliche Euro pro Jahr, um – so das hehre Ziel – bestmögliche Lern- und Bildungs­chancen für Kinder zu schaffen. In einer ersten Phase wird eine praxis­nahe Forschung insgesamt 200 Schulen helfen, ganz individuelle Strategien zu entwickeln, um ihre Schwierigkeiten zu bewältigen.

Ob das alles diesmal Veränderungen mit sich bringt? Bisher ist es nur punktuell gelungen, über die Schulen Bildungs­nach­teile zu verringern, seit vor 20 Jahren der erste Pisa-Test neben äußerst mittel­mäßigen Ergebnissen auch zu Tage förderte, dass hierzulande mehr als in anderen Ländern Bildungs­erfolg vom sozialen Umfeld abhängt. 2003 wurde die Schulkrise in benachteiligten Bezirken durch einen verzweifelten Hilferuf des Kollegiums an der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln augenfällig.

In einem offenen Brief hatten die Lehrer dargestellt, dass angesichts von Sprach­barrieren und Gewalt halbwegs normaler Unterricht überhaupt nicht möglich sei. Inzwischen hat sich dort sehr viel verändert. Aus der Chaos­schule ist ein moderner Campus entwickelt worden, der zum beliebten und erfolgreichen Bildungs­zentrum nicht nur des Stadt­teils gewachsen ist – dank erheblicher Förderung und eines engagierten Kollegiums.

Kaum Anreize für Lehrer, sich für Verbesserungen zu engagieren

Die Tatsache, dass nicht das Geld, sondern vor allem das Engagement von Schul­leitung und Kollegium bei diesen Veränderungen im Vorder­grund steht, lenkt das den Blick auf ein Feld, an das sich die Bildungs­politiker bisher nie heran­getraut haben: die Qualität und vor allem die Einsatz­bereitschaft der Lehrerinnen und Lehrer.

Rund 800.000 Lehrer gibt es in Deutschland – ein Massenberuf, der wie überall vor allem viel Mittelmaß, natürlich Spitzen­kräfte und auch Total­ausfälle mit sich bringt. Qualitäts­mindernd allerdings wirkt sich aus, dass es so gut wie keine Anreize jenseits des eigenen – zum Teil sehr unterschiedlich gelagerten – Berufs­ethos gibt, sich für Verbesserungen zu engagieren.

„Es kann in ein und demselben benachteiligten Viertel eine gute und eine schlechte Schule geben“, sagt Erziehungs­wissenschaftler Terhart. Die einen bekämen die Folgen schwieriger Sozial­strukturen eher in den Griff, die anderen nicht. Doch die Schulleitung der schlechten Schule aus­zu­tauschen, was in letzter Konsequenz notwendig werden könne, sei so gut wie unmöglich. Wer Schule wirklich ändern wolle, der, so Terhart, müsse auch dieses Thema in Angriff nehmen.

38 von 42 Schülerinnen und Schüler kamen durch

„Wir brauchen dringend ein Laufbahnsystem für Lehrer und Lehrerinnen, das sensibel für Engagement und Kompetenz ist. Zumindest sollten wir so etwas erproben“, fordert er.

Bei solchen Vorstellungen allerdings gingen in den vergangenen Jahren nicht nur die Lehrer­verbände, sondern auch der Beamten­bund auf die Barrikaden. Erfolgreich ist es den Berufs­vertretern bisher gelungen, die Erprobung und den Aufbau einer solchen Lauf­bahn­struktur im deutschen Bildungs­system zu verhindern. Mit weit­reichenden Folgen: Solange es sich nicht „lohnt“, ein guter, engagierter Lehrer zu sein, werden sich für die Schulen, die gerade diese Lehrer ganz besonders brauchen, kaum Kräfte finden, die Veränderungen voran­treiben. Genau daran aber hängt der Erfolg des Schulversuchs „Talentschule“.

In der Mülheimer Ferdinandstraße hat inzwischen der erste Jahrgang das Abitur bestanden. Immerhin 38 von 42 Schülern und Schülerinnen kamen durch. Der beste mit der Note 1,7.