Studie zum Corona-Aufholprogramm : Welche Fehler es beim Startchancen-Programm zu vermeiden gilt

Die Pandemie hat bei Schülerinnen und Schülern zu erheblichen Lernrückständen geführt. Darauf lassen nicht zuletzt die Ergebnisse des gerade veröffentlichten IQB-Bildungstrends schließen. Inwieweit ist es dem Corona-Aufholprogramm gelungen, hier gegenzusteuern? Das wollte das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) herausfinden. Ein Team um den Sozialwissenschaftler Marcel Helbig hat untersucht, wie die Hilfen aus dem zwei Milliarden Euro schweren Programm umgesetzt wurden und ob es tatsächlich auch diejenigen Schülerinnen und Schüler erreicht hat, die Unterstützung am dringendsten brauchten. Die Bilanz der Studie fällt ernüchternd aus. Das Schulportal sprach mit Marcel Helbig über die Gründe und was sich aus den Ergebnissen der Untersuchung für zukünftige Förderprogramme wie dem Startchancen-Programm lernen lässt.

Annette Kuhn 28. Oktober 2022 1 Kommentar
Grundschulkind in der Klasse am Fenster Förderprogramme
Wie kommen Fördergelder bei den Kindern an, die am dringendsten Unterstützung brauchen? Beim Corona-Aufholprogramm ist das oft nicht gelungen.
©Marijan Murat/dpa

Deutsches Schulportal: Ihre Analyse des Corona-Aufholprogramms fällt ernüchternd aus.  Was war dafür ausschlaggebend?
Marcel Helbig: Wir haben keine ordentliche und transparente Datenbasis im Bildungssystem. Aber gerade in Krisenzeiten ist das wichtig, weil nur so eine bedarfsgesteuerte Mittelzuweisung möglich ist.
Zum Start des Corona-Aufholprogramms hieß es zwar: Wir machen jetzt überall Leistungsstanderhebungen, und auf dieser Grundlage sollen die Mittel verteilt werden. Aber in 90 Prozent der Fälle lief es so ab: Die Lehrerinnen und Lehrer sollten in ihren Klassen identifizieren, welche Schülerinnen und Schüler Lernrückstände hatten, und dann sollten sie mit dem Geld, das da war, irgendetwas machen. Eine Rückmeldung der Ergebnisse an die Ministerien fand kaum statt. So wusste auch kaum jemand, wie groß die Lernrückstände wirklich waren, welche Schulen tatsächlich Einbrüche hatten und entsprechend mehr Unterstützung brauchten.

Aber jetzt haben wir ja die Ergebnisse vom IQB-Bildungstrend. Wissen wir nun mehr?
Durch den IQB-Bildungstrend wissen wir zwar jetzt endlich, wie groß die Lernrückstände in den Bundesländern wirklich sind. Trotzdem bleiben viele Fragen unbeantwortet: Wieso schneiden manche Länder schlechter ab als andere, obwohl die Ausgangslage ähnlich ist? Welchen Anteil an der Entwicklung hat tatsächlich die Corona-Pandemie? Es gab keine Ausgangsmessungen direkt vor Corona. Der letzte IQB-Bildungstrend für Viertklässlerinnen und Viertklässler wurde 2016 erhoben, also weit vor der Pandemie. Und für die Situation an einzelnen Schulen hat die Stichprobe des Bildungstrends auch keine Antworten.

Eigentlich wissen wir nur in Hamburg Bescheid, weil hier die Schülerinnen und Schüler in der dritten, fünften, siebten Klasse usw. regelmäßig getestet werden. In den anderen Ländern gibt es zwar auch Vergleichsarbeiten, aber die Ergebnisse variieren stark von Jahr zu Jahr, und meist bekommen sie nur die Lehrkräfte zurückgemeldet, die damit oft alleingelassen werden. So ist es kein Wunder, dass viele Lehrerinnen und Lehrer Vergleichsarbeiten kritisch sehen.

Gelder für Förderprogramme werden häufig mit der Gießkanne verteilt

Wie wurden die Mittel beim Corona-Aufholprogramm verteilt?
Nur Brandenburg hat darauf geschaut, wo konkret Lernrückstände sind: Schulen sollten auf Basis von Leistungsstanderhebungen zurückmelden, wo es Probleme gibt, und auf dieser Basis sollten die Fördermittel fließen. Auch in Mecklenburg-Vorpommern sollten Schulen Rückmeldungen geben, allerdings spielte das keine Rolle für die Verteilung der Mittel. In anderen Ländern wie Hamburg, Berlin und Hessen wurden die Mittel zum Teil nach dem Sozialindex verteilt. Aber letztlich hat man immer versucht, es allen ein Stück weit recht zu machen, und hat die Mittel mit der Gießkanne verteilt. In Bayern und Sachsen hat zum Beispiel jede Schule das Gleiche bekommen.

In einer Zeit enormen Lehrermangels kann es nicht gelingen, zusätzliches pädagogisches Personal für ein Förderprogramm zu akquirieren.

Ist die Verteilung der Mittel in Brandenburg also gelungen?
Das eine ist der Plan, das andere die Umsetzung. Der Brandenburger Plan war einer der besten: Man wollte identifizieren, wo die größten Problemlagen sind, und entsprechend Personal und Geld investieren. Aber gelungen ist das dennoch nicht. Brandenburg wollte 200 Stellen für Lehrkräfte an besonders betroffenen Schulen besetzen, hat aber nicht einmal die Hälfte an Fachkräften gefunden. Das weist auf eines der Kernprobleme des Aufholprogramms: In einer Zeit enormen Lehrermangels kann es nicht gelingen, zusätzliches pädagogisches Personal für ein Förderprogramm zu akquirieren. Auch Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger standen nicht zur Verfügung, weil die meisten ohnehin schon im System waren.

Viele Schulen haben auf private Nachhilfe gesetzt

Viele Länder haben mit externen Bildungsanbietern zusammengearbeitet, zum Beispiel Gutscheine für Nachhilfeinstitute ausgegeben. War das eine sinnvolle Alternative?
Eigentlich ist so etwas wie private Nachhilfe nicht sinnvoll, gerade wenn sie nicht in Zusammenarbeit mit Schulen erfolgt. Aber der Aufwand für die Schulen war durch die Auslagerung an externe Anbieter deutlich geringer, als wenn sie sich selbst um Kurse und eine Honorarkraft hätten kümmern müssen. Wenn sie also die Wahl hatten, das eine oder das andere zu tun, haben viele Schulen von vornherein auf externe Anbieter gesetzt.

Ein zweites Problem ist, dass von Nachhilfe oft nicht die Schülerinnen und Schüler profitieren, die die Unterstützung am dringendsten bräuchten. In der Regel lief das so: Die Eltern haben bei den Schulen angefragt, ob ihr Kind Nachhilfe bekommen kann. Und wer am schnellsten war, bekam die Gutscheine.

Ferienschulen waren oft nicht zielführend

Wie hätte man die Schülerinnen und Schüler, die die Hilfe eher gebraucht hätten, besser erreichen können?
Das lässt sich nicht einfach beantworten, denn es gibt dabei politische Zielkonflikte. Nehmen wir nur mal die Ferienschulen: Die Schülerinnen und Schüler mit den größten Lernlücken waren oft auch die, die am wenigsten motiviert waren, und die wohl auch die größten psychischen Probleme hatten. Vor dem Hintergrund, dass diese Kinder Lernrückstände aufholen sollten, erscheinen Ferienschulen sinnvoll. Aber unter der Perspektive, dass man den Schülerinnen und Schülern ein Stück weit Druck nehmen wollte, waren die Ferienprogramme nicht zielführend. Das Programm passte außerdem nicht zum migrantischen Reiseverhalten. Viele Familien bzw. ihre Kinder fahren die gesamten Sommerferien über in ihre Herkunftsländer, da bekommt man die Kinder nicht in die Ferienkurse.

Wenn man jetzt schaut, wer eigentlich die Ferienkurse besucht hat, stellt man fest, dass es oft nicht die Schülerinnen und Schüler mit den größten Lernrückständen waren, sondern diejenigen, deren Eltern dieses Angebot für sinnvoll hielten. Zum Teil könnte dadurch die soziale Bildungsschere sogar noch größer geworden sein.

Dazu muss man erst mal wissen, wo die Schülerinnen und Schüler sind, die man fördern will. Man braucht einen Sozialindex, aber den haben die meisten Länder noch gar nicht.

Was braucht es denn, damit ein Förderprogramm erfolgreich ist?
Wichtig ist, dass es entsprechende Strukturen gibt, auf die ein Programm aufsetzen kann. In Hamburg gab es zum Beispiel schon vor Corona entsprechende Strukturen, um Lernrückstände aufzuholen. In Hamburg sind Klassenwiederholungen schon seit Jahren stark zurückgefahren worden. Man hat hier aus den Erkenntnissen der Bildungsforschung gelernt, dass Sitzenbleiben kein geeignetes Mittel ist, um Lernrückstände aufzuholen. Wenn ein Kind das Klassenziel nicht erreicht, suchen Lehrkräfte das Gespräch mit Eltern und Kind und machen einen Förderplan, der auch Kurse am Nachmittag umfassen kann. Das geht aber auch nur, weil es in Hamburg ein Recht auf Ganztagsbeschulung bis 14 Jahre gibt. In anderen Bundesländern würde so etwas nicht funktionieren, weil Ganztagsbetrieb für ältere Schülerinnen und Schüler nicht vorgesehen ist und ein Förderprogramm am Nachmittag schon allein am Schulbussystem scheitern würde.

Wer Mittel bekommt, hängt oft mit Engagement der Schulleitung zusammen

Und wie lassen sich Gelder für zukünftige Programme, wie das Startchancen-Programm, bedarfsorientierter verteilen?
Dazu muss man erst mal wissen, wo die Schülerinnen und Schüler sind, die man fördern will. Man braucht einen Sozialindex, aber den haben die meisten Länder noch gar nicht. Nur in Berlin, Hamburg, Bremen, Nordrhein-Westfalen und zum Teil in Hessen und Schleswig-Holstein werden bislang Gelder nach sozialen Indikatoren verteilt. Für das geplante Startchancen-Programm ist ein Sozialindex aber eine wichtige Voraussetzung.

Funktioniert die Verteilung zwischen den Ländern über den Königsteiner Schlüssel?
Nein, das hat man sowohl beim Aufholprogramm als auch beim Vorgänger zum Startchancen-Programm, „Schule macht stark“ (SchuMaS), gesehen. Da wurden Gelder mit der Gießkanne verteilt. Jedes Bundesland bekam das Gleiche, verteilt nach dem Königsteiner Schlüssel. Dann sollten die Länder angeben, welche Schulen in ihrem Land besonders benachteiligt sind, und die sollten von SchuMaS profitieren. Aber die Gelder für Förderprogramme werden oftmals auf Antrag der Schulleitungen verteilt. Viele der besonders benachteiligten Schulen haben aber seit Jahren nicht mal eine Schulleitung. Am Ende hängt die Verteilung von Mitteln davon ab, wie engagiert die Schulleitung oder die Lehrkräfte an einer Schule sind.

Wir können uns alles Mögliche ausdenken, was wir aktuell an Schulen besser und anders machen könnten. Am Ende müssen diese Programme immer mit Personal untersetzt werden – auch das Startchancen-Programm.

Welche Alternativen zum Königsteiner Schlüssel gibt es?
Es gibt alternative Modelle, die neben der Armutsquote auch andere soziale Charakteristika wie Bildung und Berufe der Eltern einfließen lassen. Zwischen den Ländern ließen sich damit auch fairer die Gelder verteilen. Aber es gibt zwei Probleme: Zum einen würden, gemessen an der Armutsquote, in Bayern und Baden-Württemberg kaum Schulen Geld bekommen, und das werden die südlichen Bundesländer wohl kaum hinnehmen. Zum anderen lassen sich darüber innerhalb eines Bundeslands die Gelder nicht zuweisen, weil es die Indikatoren auf Schulebene nicht überall gibt. Da liegen keine Daten über den Bildungsgrad und den sozioökonomischen Hintergrund der Familien vor. Daher brauchen wir für die Schulebene den Sozialindex, der sich zumeist an der Quote von Transferleistungsbeziehern orientiert.

Förderprogramme brauchen eine klare Zielsetzung

Was sollte man, abgesehen von einer bedarfsorientierteren Mittelzuweisung, noch aus dem Corona-Aufholprogramm lernen?
Beim Corona-Aufholprogramm hat man sich Hals über Kopf etwas ausgedacht – so etwas sollte man beim Startchancen-Programm nicht wiederholen. Ein gewisser Vorlauf ist wichtig, um sich klar zu werden, wie das Programm in den Ländern umgesetzt werden soll und was man eigentlich konkret erreichen will.

Aber es gibt auch ein unlösbares Problem: Wir können uns alles Mögliche ausdenken, was wir aktuell an Schulen besser und anders machen könnten. Am Ende müssen diese Programme immer mit Personal untersetzt werden – auch das Startchancen-Programm. Wenn man sich aber vergegenwärtigt, wie groß gerade der Mangel an pädagogischem Personal ist und dass es ab 2025 ein Recht auf einen Ganztagsplatz in der Grundschule geben soll, sehe ich nicht, wie ein Programm mittelfristig gelingen kann, das noch mehr Personal braucht. Das hat nichts mit der Realität zu tun.

Das Kernproblem ist, dass wir sehr viele Modellprojekte in Deutschland haben. Meist sind sie auf zwei, drei Jahre angelegt. Danach endet oft die Finanzierung, und die Strukturen, die sich gerade aufgebaut haben, werden wieder fallengelassen.

Das heißt, das Programm lässt sich aus Ihrer Sicht gar nicht umsetzen?
Ich halte es zumindest für sehr schwierig, weil ich bezweifle, ob sich die damit verbundenen Versprechen einhalten lassen.

Wie kann ein Förderprogramm wie das Startchancen-Programm nachhaltig sein?
Das Kernproblem ist, dass wir sehr viele Modellprojekte in Deutschland haben. Meist sind sie auf zwei, drei Jahre angelegt. Danach endet oft die Finanzierung, und die Strukturen, die sich gerade aufgebaut haben, werden wieder fallengelassen oder bestenfalls unter einer neuen Überschrift und mit neuen Projektanträgen weitergeführt. So etwas bringt nichts.

Das Startchancen-Programm ist aber auf zehn Jahre angelegt, das ist erst mal sehr gut. Denn oft zeigen sich nach zwei, drei Jahren auch noch keine Erfolge. Hier lohnt es sich, wieder nach Hamburg zu schauen: Gerade der höhere Lehrereinsatz an sozial benachteiligten Schulen, das angesprochene Recht auf Ganztagsbeschulung und das vorbildliche Bildungsmonitoring haben wohl dazu geführt, dass Hamburg jetzt beim IQB-Bildungstrend vergleichsweise gut abgeschnitten hat. Der positive Effekt war aber erst nach etwa zehn Jahren zu sehen – man braucht einen langen Atem.

Zur Person

  • Der Sozialwissenschaftler Marcel Helbig ist Arbeitsbereichsleiter „Strukturen und Systeme“ am Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).
  • Von 2015 bis 2020 hatte er eine Sonderprofessur für „Bildung und soziale Ungleichheit“ an der Universität Erfurt und am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).
Marcel Helbig
©Bernhard Ludewig
  • Marcel Helbig hat zahlreiche Studien, Beiträge und Bücher veröffentlicht, zum Beispiel zu den Einflussfaktoren auf den Bildungserfolg, zu Bildungschancen im Kontext demografischer Veränderungen, zu Privatschulen und zum Wandel der Schulsysteme.

Mehr zum Thema

Das Corona-Aufholprogramm

  • Mit dem Aktionsprogramm Aufholen nach Corona stellte der Bund zwei Milliarden Euro für die Jahre 2021 und 2022 zur Verfügung.
  • Die Studie von Marcel Helbig, Benjamin Edelstein, Detlef Fickermann und Carolin Zink zum Corona-Aufholprogramm erschien im 19. Beiheft von Die Deutsche Schule und steht unter diesem Link zum Download bereit.
  • Die Forschenden haben umfassende Dokumentenanalysen durchgeführt sowie Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern aller Landesverbände der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft geführt.
  • Für welche Zwecke die Mittel zum Corona-Aufholprogramm eingesetzt wurden, hat das Schulportal hier zusammengefasst:

Das Startchancen-Programm

  • Mit dem Startchancen-Programm sollen 4.000 Schulen in sozial benachteiligter Lage unterstützt werden.
  • Das Programm besteht aus drei Säulen. Geplant sind ein Investitionsprogramm in die Infrastruktur der Schulen, ein „Chancenbudget“, das den Schulen zur freien Verfügung gestellt wird, und außerdem soll die Schulsozialarbeit gestärkt werden.
  • Für die Auswahl der Schulen wollen Bund und Länder gemeinsam Kriterien erarbeiten.
  • Die Laufzeit des Programms ist auf zehn Jahre angelegt. Der Start ist für das Schuljahr 2024/2025 geplant.
  • Unklar ist bislang noch das finanzielle Volumen des Programms und wie das Programm finanziert wird.