Wechsel in die Regelklasse : „Die Schüler aus den Vorbereitungsklassen erleben den Übergang oft als Bruch“

Viel wird darüber diskutiert, ob zugewanderte Kinder und Jugendliche besser in Vorbereitungsklassen oder gleich in Regelklassen unterrichtet werden sollen. Tatsächlich findet der Unterricht für sie in den meisten Bundesländern zunächst in separaten Lerngruppen statt. Aber wie arbeiten diese Vorbereitungs- oder Willkommensklassen? Und wie bereiten sie auf den Übergang ins Regelsystem vor? Dazu liefert die Studie „SpraBÜ“ – „Sprachliche Bildung am Übergang von Vorbereitungs- zu Regelklasse“ an der Universität Hamburg Erkenntnisse. Das Schulportal sprach mit Sara Fürstenau, Studienleiterin und Professorin für Interkulturelle Bildungsforschung, über die Faktoren für einen erfolgreichen Übergang – und die größten Hürden in diesem Prozess.

Annette Kuhn 17. November 2022 Aktualisiert am 18. November 2022
Goldfisch springt von einem Glas ins andere Symbol für Vorbereitungsklassen
Der Idealfall: Der Übergang von der Vorbereitungsklasse in die Regelklasse erfolgt, wenn die Deutschkenntnisse dies zulassen.
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Deutsches Schulportal: Was haben Sie im Projekt „SpraBÜ“ erforscht?
Sara Fürstenau: Seit 2016 bis heute war unser Team regelmäßig in drei Hamburger Stadtteilschulen, die Internationale Vorbereitungsklassen (IVK) haben. Im Fokus stand dabei vor allem die Frage, wie der Übergang in die Regelklasse – vorher, währenddessen und nachher – in der Sekundarstufe I gestaltet ist. Unser Team hat dazu den Unterricht beobachtet und mit allen Beteiligten Interviews geführt. Wir haben Schulen ausgewählt, in denen sehr gut qualifizierte Lehrkräfte in den Vorbereitungsklassen waren, die auch gut mit Mehrsprachigkeit umgehen konnten, weil wir zeigen wollten, wie man den Übergang gut gestalten kann. Allerdings ist es nicht die Regel, dass gut ausgebildete Kräfte in  Vorbereitungsklassen arbeiten.

Parallelsystem in der Schule

Hatten die drei Schulen unterschiedliche Vorgehensweisen beim Übergang?
Zwei Schulen haben reguläre Vorbereitungsklassen. Die dritte Schule hat sich gegen das Parallelsystem entschieden und ein anderes Modell entwickelt, weil sie sich als inklusive Schule verstanden hat. Dort wird nur für zwei Stunden am Tag eine Internationale Vorbereitungsklasse eingerichtet, die alle IVK-Schüler:innen für den Deutschunterricht besuchen. Den Rest des Tages haben sie Unterricht in ihren Regelklassen, denen sie von Anfang an zugeordnet sind.

Die Rückmeldung der Schüler:innen war hier sehr positiv. Sie fühlten sich im Vergleich viel akzeptierter als diejenigen, die erst in einem Parallelsystem waren und später in eine Regelklasse wechselten.

In den Vorbereitungsklassen hat sich für die Schüler:innen viel eher die Gelegenheit ergeben, über eigene Fluchterfahrungen zu sprechen. In Regelklassen fehlt dafür meist der Raum.

Wie haben Sie die Vorbereitungsklassen erlebt?
Die Heterogenität in den Vorbereitungsklassen ist enorm groß. Da gibt es Kinder und Jugendliche, die noch nie in einer Schule waren, und da sind andere, die auf teuren Eliteschulen waren und fachlich sehr weit sind. Zwischen ihnen liegen Welten, gleichzeitig machen aber alle die Erfahrung, dass sie in Deutschland neu ankommen. Bei aller Kritik an dem Parallelsystem: Die Vorbereitungsklasse ist für die zugewanderten Schüler:innen auch ein Schutzraum.

In den Klassen, die wir begleitet haben, gab es eine gute soziale Betreuung und Kommunikation mit den Eltern. Die Lehrkräfte in den Vorbereitungsklassen wissen, was die Kinder erlebt haben, und schaffen einen gemeinsamen Raum, in dem die Schüler:innen lernen können und einen Zusammenhalt entwickeln können.

Die Lehrkräfte in den Vorbereitungsklassen sind meist sehr wichtige Menschen im Leben dieser Kinder. Hilfreich war auch, wenn in den Klassen zusätzlich Kulturmittler:innen eingesetzt waren. Oft sind das mehrsprachige Sozialpädagog:innen, die im Landesinstitut für Lehrerbildung fortgebildet werden.

In den Vorbereitungsklassen hat sich für die Schüler:innen viel eher die Gelegenheit ergeben, über eigene Fluchterfahrungen zu sprechen. In Regelklassen fehlt dafür meist der Raum, allein weil die Klassen dafür viel zu groß sind und die Schüler:innen aus der IVK nach dem Wechsel in die Regelklassen lange nicht den gleichen Zugehörigkeitsstatus haben. Zumindest dann nicht, wenn sie nicht von Anfang an auch im Regelsystem sind.

Sprachniveau B1 sollte Voraussetzung für Übergang sein

Wie viele Kinder sind in der Regel in einer Vorbereitungsklasse?
Offiziell sind es in Hamburg 15. Als 2015 so viele Geflüchtete aus Syrien kamen, wurde vielerorts auf 18 aufgestockt, auch in den SpraBÜ-Projektschulen. Aktuell ist es eine große Herausforderung, die vielen Schüler:innen, die aus der Ukraine nach Hamburg kommen, unterzubringen. Deshalb zeichnet sich ab, dass die IVK wieder sehr voll sein werden.

Nach welchen Kriterien erfolgt der Übergang von der Vorbereitungsklasse in die Regelklasse?
Die Vorgaben von der Behörde sind das eine – und das andere ist, was tatsächlich in den Schulen passiert. Jedes Kind, das neu ins Hamburger Bildungssystem kommt, soll ein Jahr lang eine IVK besuchen. In diesem Jahr sollen die zugewanderten Schüler:innen das Sprachniveau B1 erreichen und auf den Unterricht in der Regelklasse vorbereitet werden.

Aber es ist in den meisten Fällen unrealistisch, das in einem Jahr zu schaffen. Kinder, die kein Deutsch können und in Deutschland erst ankommen, brauchen in der Regel sechs bis acht Jahre, um die Sprache so zu lernen, dass sie in allen Fächern gut lernen können. Daher ist vorgesehen, dass die Schüler:innen nach dem Übergang in die Regelklasse noch weiter Sprachförderung bekommen sollen. Diese Sprachförderung wird allerdings meistens additiv – also außerhalb des Regelunterrichts – organisiert, was die inhaltliche Verzahnung mit dem Fachunterricht erschwert.

Fluktuation in Vorbereitungsklassen ist riesig

Wo sind die größten Probleme beim Übergang?
Die Schüler:innen aus den Vorbereitungsklassen erleben den Übergang oft als Bruch, der nicht aufgefangen wird, weil es an vielen Schulen an einem Konzept und an personellen Ressourcen fehlt. Viele Lehrkräfte sind auch nicht darauf vorbereitet, extrem heterogene Gruppen gut zu unterrichten.

Außerdem gibt es organisatorische Probleme.

Die Schüler:innen in den IVKs stehen beim Eintritt in eine Regelklasse in Konkurrenz zu den Schüler:innen, die nach der sechsten Klasse das Gymnasium unfreiwillig wieder verlassen müssen.

Welche?
Die Fluktuation in den Vorbereitungsklassen ist riesig. Die Kinder kommen das ganze Schuljahr über an, das heißt, es gibt nie eine kontinuierliche Gruppe, weil immer jemand wechselt. Der Übergang in die Regelklasse findet dann oft nicht deshalb statt, weil ein Kind sprachlich weit genug ist, sondern weil ein neu ankommendes Kind einen Platz in der IVK braucht, die Gruppe aber voll ist, und dann eben ein anderes Kind die Gruppe verlassen und in eine Regelklasse wechseln muss. Diese organisatorischen Dinge haben zwangsläufig ebenso viel Einfluss auf die Verweildauer in der Vorbereitungsklasse wie die Sprachkenntnisse.

Außerdem stehen die Schüler:innen in den IVKs beim Eintritt in eine Regelklasse in Konkurrenz zu den Schüler:innen, die nach der sechsten Klasse das Gymnasium unfreiwillig wieder verlassen müssen. Das sind in Hamburg jedes Jahr etwa 1.000 Schüler:innen, die die Stadtteilschulen aufnehmen müssen. Stadtteilschulen, die Internationale Vorbereitungsklassen haben, können keine Plätze für ihre IVK-Schüler:innen in den Regelklassen reservieren, und die gescheiterten Schüler:innen vom Gymnasium gehen vor. Für die IVK-Schüler:innen bedeutet das wiederum, dass der Übergang in die Regelklasse für sie mit einem Schulwechsel verbunden sein kann und dadurch der Bruch noch größer ist. Wir haben im Projekt oft die Situation erlebt, dass ein Kind aus der IVK vor den Sommerferien nicht wusste, in welcher Klasse – oder sogar an welcher Schule – es nach den Sommerferien sein wird.

Teilintegration vor dem eigentlichen Übergang

Wer entscheidet, wann eine Schülerin oder ein Schüler von der Vorbereitungsklasse in die Regelklasse wechselt?
Offiziell obliegt diese Entscheidung der Schulleitung. Wenn sie verantwortungsvoll damit umgeht, delegiert sie die Entscheidung an die zuständigen Lehrkräfte und bleibt trotzdem daran beteiligt. Hier gilt, wie in allen schulischen Bereichen auch: Wie gut der Prozess des Übergangs läuft, steht und fällt mit der Leitung, mit dem Leitbild der Schule und mit der Kooperation an der Schule.

An einer Schule gab es zum Beispiel eine Funktionsstelle, die für den IVK-Bereich zuständig ist und für alle Schüler:innen die Übergänge und die Absprachen zwischen den beteiligten Lehrkräften koordiniert. Da waren alle Vorgänge – abgesehen von den genannten Zwängen – geordnet und transparent. Und wir haben andere Beispiele gesehen, wo niemand die Verantwortung übernommen hat und die Übergänge viel intransparenter waren. Da kann es vorkommen, dass eine IVK-Lehrkraft auch mal eine Entscheidung trifft, weil sie ein Kind vielleicht loswerden oder auch noch länger in der Gruppe behalten will.

Was ist wichtig beim Übergang?
Die beteiligten Lehrkräfte der Regelklassen und Vorbereitungsklassen müssen sich vor allem in dem gesamten Prozess über die Schüler:innen austauschen und für sie gemeinsam den Übergang gestalten. Zum Beispiel kann schon vor dem eigentlichen Übergang eine Teilintegration in einzelnen Fächern stattfinden. So ein Modell ist ideal – in der Praxis allerdings schwer umsetzbar, wenn zeitliche Ressourcen fehlen.

Vorbereitungsklassen haben nicht gleichen Status wie Regelklassen

Was muss passieren, um den Übergang zu verbessern?
Neben der Lösung der organisatorischen Probleme müssten vor allem die sprachliche Bildung und der Umgang mit Mehrsprachigkeit in den Regelklassen verbessert werden. Da stehen die Schulen erst am Anfang.

Und wichtig ist auch, dass die Schüler:innen in den Vorbereitungsklassen den gleichen Status wie alle anderen Schüler:innen haben. Das ist derzeit nicht durchgängig der Fall. Zum Beispiel ist es nicht vorgesehen, dass in den Vorbereitungsklassen sonderpädagogische Diagnosen durchgeführt werden.

Sehen Sie da Chancen?
Wir haben im Projekt beobachtet, dass sich der Diskurs gerade verändert. Anscheinend versuchen viele Schulen heute, Schüler:innen aus der Ukraine  sofort oder schneller in Regelklassen zu integrieren. Die Schulen scheinen offener zu sein, als sie es 2015 noch waren.

Bislang war das Prinzip so: Wenn viele Zugewanderte kamen, wurden Vorbereitungsklassen aufgemacht. Und wenn die Zahl zurückging, wurden sie wieder geschlossen. Das Parallelsystem blieb, und im Regelbetrieb veränderte sich zu wenig. Wenn eine schnellere und bessere soziale Integration neu zugewanderter Schüler:innen angestrebt wird, muss der Unterricht in den Regelklassen allerdings auch so gestaltet sein, dass hier ein Ankommen wirklich möglich ist. Der Unterricht muss dafür noch viel inklusiver, differenzierter und mehrsprachiger werden.

Zur Person

  • Sara Fürstenau ist seit 2016 Professorin für Interkulturelle Bildungsforschung an der Fakultät für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg.
  • In ihrer Forschung beschäftigt sie sich vor allem mit Mehrsprachigkeit im Unterricht, mit interkultureller und diskriminierungskritischer Schulentwicklung und Lehrerprofessionalisierung.
  • Von Anfang 2020 bis Ende 2022 hat sie das Projekt „SpraBÜ“ geleitet: „Sprachliche Bildung am Übergang von Vorbereitungs- zu Regelklasse. Eine qualitative Studie bei neu zugewanderten Schülerinnen und Schülern in der Sekundarstufe I“.
Sara Fürstenau, Uni HH