Studie Quereinstieg : Ist der Mangel an Lehrkräften ungleich verteilt?

Viele Bundesländer müssen aufgrund des Fachkräftemangels verstärkt auf den Quereinstieg setzen. Gerade für Schulen in sozialen Brennpunkten scheint es schwer, ausgebildete Lehrkräfte zu finden. Die Bertelsmann Stiftung hat nun in einer aktuellen Studie nachgewiesen, dass sich die Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger in Berlin tatsächlich sozial ungleich verteilen. Über die Ergebnisse und die Konsequenzen sprach das Schulportal mit Alexandra Marx und Dirk Zorn aus dem Autorenteam der Studie.

Florentine Anders / 13. September 2018
Bildungssenatorin Sandra Scheeres steht im leeren Klassenzimmer.
Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) muss an den Schulen vor allem den Mangel verwalten. Zum neuen Schuljahr waren mehr als die Hälfte der Neueinstellungen Quereinsterinnen und Quereinsteiger.
©Britta Pedersen (dpa)

Deutsches Schulportal: Angesichts des  Lehrermangels wird befürchtet, dass vor allem Brennpunktschulen kaum noch qualifizierte Lehrkräfte finden und dadurch stärker als andere auf den Quereinstieg setzen müssen. Sie haben in Ihrer aktuellen Studie untersucht, wie sich die Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger in den vergangenen Jahren auf die Grundschulen in Berlin verteilen. Hat sich die Befürchtung bestätigt?
Alexandra Marx:
Ja, die gefühlte Wahrheit stimmt mit den Statistiken, die uns die Senatsverwaltung für Bildung in Berlin zur Verfügung gestellt hat, überein. Wir haben an den einzelnen Schulen die Zahl der Kinder, die aus sozial schwachen Familien kommen und lernmittelbefreit sind, mit der jeweiligen Personalausstattung abgeglichen. Das Ergebnis war sehr eindeutig. Der Anteil der Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger war im Schuljahr 2016/17 an Grundschulen in sozial schwierigen Lagen mit durchschnittlich knapp sieben Prozent mehr als doppelt so hoch wie an Schulen in besser gestellten Lagen. Diese Tatsache hat sich im Laufe eines Schuljahrs mit dem verstärkten Einsatz der nicht voll ausgebildeten Lehrkräfte nicht ausgeglichen, sondern eher verstärkt. Das heißt, da, wo schon viele Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger im Einsatz waren, sind anteilig mehr hinzugekommen als an privilegierten Schulen.

Welche Konsequenzen hat das für die Schulen und für die neuen Mitarbeiter?
Dirk Zorn:
Für Lehrerinnen und Lehrer im Quereinstieg, also ohne pädagogisches Studium, ist der Berufseinstieg grundsätzlich schon herausfordernd. Das gilt erst recht für den Einstieg an einer Schule in schwieriger Lage. Hier stehen Quereinsteiger dann Kindern gegenüber, die vielleicht ohne Frühstück und unausgeschlafen zur Schule kommen, oder die noch nicht richtig Deutsch sprechen. Diese neuen Lehrerinnen und Lehrer brauchen viel Unterstützung und das ist schwer zu leisten, wenn es an einer Schule nicht nur einen oder zwei, sondern gleich zehn Quereisteigerinnen und Quereinsteiger gibt. Viele Kollegien sind damit überfordert.
Alexandra Marx: Der Anteil nicht regulär studierter Lehrkräfte ist dabei eigentlich noch viel höher. Wir haben in der Studie nur jene erfasst, die sich 2016/17 tatsächlich in der berufsbegleitenden Qualifizierung befanden. Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger, die ihr Referendariat abgeschlossen haben, fallen gar nicht mehr in die Statistik. Dabei brauchen auch diese noch viel Unterstützung. Das machte zuletzt auch der Protest der Sonnen-Grundschule in Neukölln deutlich, wo inzwischen 45 Prozent der Lehrkräfte im Kollegium keine grundständige Lehramtsausbildung besitzen.

Was muss angesichts dieser Situation jetzt passieren?
Dirk Zorn:
Ein erster Schritt liegt darin, Transparenz über die aktuelle Situation herzustellen. Nur so kann dann auch politisch gesteuert werden. Die Bildungsverwaltung in Berlin geht zum Glück inzwischen sehr transparent mit dem Quereinstieg um und hat uns alle nötigen Daten für die Studie zur Verfügung gestellt. Das ist nicht selbstverständlich, andere Bundesländer halten sich da bedeckter.

Nötig ist also eine Form der Steuerung, die dieses Mitspracherecht nicht beschneidet. Das könnte beispielsweise durch eine Deckelung des Quereinsteigeranteils in Kollegien erfolgen.

Kann die Verwaltung nicht einfach bei der Stellenbesetzung die Lehrkräfte zentral zuweisen, so dass die Verteilung gerechter ist?
Dirk Zorn:
Zunächst gilt: Schulen schätzen Autonomie bei der Auswahl des Personals, das bekräftigen auch die Schulleitungen von Brennpunktschulen, mit denen wir für die Studie gesprochen haben. Nötig ist also eine Form der Steuerung, die dieses Mitspracherecht nicht beschneidet. Das könnte beispielsweise durch eine Deckelung des Quereinsteigeranteils in Kollegien erfolgen. Dann müssten sich auch Schulen, die bislang nur grundständig ausgebildete Lehrkräfte beschäftigt haben, bei der beruflichen Integration von Quereinsteigern stärker engagieren. Für reguläre Lehramtsabsolventen könnte dies bedeuten, dass sie sich nach wie vor direkt bei Schulen bewerben, aber eben nicht mehr an allen.

Und was halten Sie von einer Zulage für ausgebildete Lehrkräfte, die an Brennpunktschulen unterrichten, so wie Berlin sie jetzt einführen will?
Alexandra Marx:
Sicher muss die Arbeit an Schulen in schwierigen Lagen attraktiver werden, aber eine finanzielle Zulage von 300 Euro brutto reicht da nicht aus. Im Gegenteil, viele Schulleiterinnen und Schulleiter äußerten in Gesprächen sogar die Befürchtung, dass eine solche Zulage die Schulen noch mehr stigmatisieren könnte. Bewerber könnten sogar abgeschreckt werden, weil sie aufgrund der Zulage besonders schwierige Gegebenheiten vermuten. Besser wäre es aus unserer Sicht, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, gute Schulkonzepte zu entwickeln und die Schulen in schwierigen Lagen besonders gut auszustatten.

Sicher muss die Arbeit an Schulen in schwierigen Lagen attraktiver werden, aber eine finanzielle Zulage von 300 Euro brutto reicht da nicht aus.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hat sich auf dem Deutschen Schulportal dafür ausgesprochen, dass jede junge Lehrkraft und künftige Schulleitung in ihrer Laufbahn auch eine Zeitlang an einer Brennpunktschule unterrichten sollte. Ist das realistisch?
Dirk Zorn:
Es ist ein richtiges Signal, deutlich zu machen, dass sich eine Lehrkraft in besonderer Weise bewährt, wenn sie ihr pädagogisches Können auch an einer Schule mit besonderen Herausforderungen unter Beweis gestellt hat. Dafür müssen diese Schulen aber auch so attraktiv sein, dass die Lehrkräfte es als besondere Entwicklungschance begreifen, dort zu arbeiten. In anderen Ländern, wie zum Beispiel Kanada, funktioniert das schon länger. Auch Hamburg ist da auf einem guten Weg. Dort bekommen die Schulen in schwieriger Lage viel mehr Personal, nicht nur Lehrkräfte, sondern auch Sozialpädagogen und weitere Fachkräfte, je nach Bedarf vor Ort.

Eine bessere Personalausstattung ist angesichts des Fachkräftemangels derzeit kaum möglich, wie kann man denn den Schulen in Brennpunkten kurzfristig helfen?
Alexandra Marx:
Es gibt ein Bündel von Maßnahmen. Wir schlagen zum Beispiel vor, Lehrkräfte am Übergang in den Ruhestand gezielt als Mentoren für die Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger anzuwerben. Viele wollen nicht mehr selbst unterrichten, können sich ein Coaching im Team aber gut vorstellen, um ihre Erfahrungen weiter zu geben. Unsere Gespräche haben gezeigt, dass sie dafür auch bereit wären, an eine andere Schule zu gehen. Lehrkräfte im Ruhestand sind oft interessiert an sozialem Engagement. Die Kollegien an den Schulen in schwierigen Lagen wären dadurch entlastet. Hier gibt es noch ein großes Potenzial. Deshalb ist es erfreulich, dass Berlin seit diesem Schuljahr damit begonnen hat, Ruheständler genau für diese Aufgabe zu rekrutieren. Eine weitere, kurzfristig wirksame Möglichkeit wäre, nicht besetzte Stellen unbürokratisch zu kapitalisieren, also den Schulen Finanzmittel in Höhe der eigentlichen Personalkosten befristet zur flexiblen Nutzung zu überlassen. Damit könnten Schulen zumindest ergänzendes Personal beschäftigen und nach kreativen Lösungen vor Ort suchen.

Auf einen Blick

  • Die Studie der Bertelsmann Stiftung mit dem Titel „Lehrkräfte im Quereinstieg: sozial ungleich verteilt? Eine Analyse zum Lehrermangel an Berliner Grundschulen“ wurde von Dirk Richter, Alexandra Marx und Dirk Zorn verfasst.
  • Die Autoren haben empirisch untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen der sozialen Zusammensetzung der Schülerschaft und der Verteilung der Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger gibt.
  • Ergebnis: Je mehr Kinder aus einkommensschwachen Haushalten, die von der Zuzahlung zu Lernmitteln befreit sind, eine Schule besuchen, desto höher ist der Anteil an Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger. An Brennpunktschulen unterrichten in Berlin im Mittel doppelt so viele Quereinsteiger wie an den Schulen mit dem geringsten Anteil armer Kinder.
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