Neue Studie : „Quereinsteiger sind besser als ihr Ruf“

Der Anteil von Quer- und Seiteneinsteigerinnen sowie Quer- und Seiteneinsteigern im Schulbetrieb steigt seit Jahren – insbesondere in den Bundesländern, in denen der Lehrkräftemangel besonders groß ist. In Berlin zum Beispiel liegt der Anteil bei den Neueinstellungen inzwischen bei über 60 Prozent. Kritiker fürchten einen Qualitätsverlust des Unterrichts, wenn immer mehr nicht regulär ausgebildete Lehrkräfte im Klassenraum stehen. Die neue Studie „Unterschiedliche Wege ins Lehramt – unterschiedliche Kompetenzen?“ gibt nun Entwarnung. Zumindest in fachlicher Hinsicht schneiden die Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger im Vergleich zu den regulären Lehramtsanwärterinnen und -anwärtern nicht schlechter ab, und sie zeigen auch mehr Stressresistenz . An der Untersuchung beteiligt waren Christin Lucksnat und Dirk Richter von der Universität Potsdam. Im Interview mit dem Schulportal geben der Professor für Erziehungswissenschaft und seine Doktorandin einen Überblick über die Kompetenzen von Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern und erläutern, unter welchen Voraussetzungen der alternative Weg in den Lehrerberuf gelingt.

Annette Kuhn / 18. August 2020
Quereinsteiger Unterricht Lehrer Schüler sitzen im Raum
In den fachlichen Kompetenzen gibt es kaum Unterschiede zwischen Quereinsteigern und angehenden Lehrkräften mit regulärem Studium. Bei den pädagogischen Fähigkeiten ist die Spanne aber größer.
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Deutsches Schulportal: Sie haben in Ihrer Studie Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger mit traditionell ausgebildeten Lehramtsanwärterinnen und -anwärtern verglichen. Was hat Sie in der Untersuchung besonders erstaunt?
Christin Lucksnat: Mich haben vor allem zwei Punkte erstaunt. Zum einen, dass sich Quereinsteiger in ihrer professionellen Kompetenz nur in wenigen Aspekten von traditionell ausgebildeten Lehramtsanwärtern unterscheiden. Die fachlichen und fachdidaktischen Kompetenzen und auch die Motivation sind auf einem ähnlichen Niveau. Ungünstigere Voraussetzungen haben wir bei den Quereinsteigern nur in den pädagogisch-psychologischen Kenntnissen festgestellt. Dafür schneiden sie aber bei den selbstregulativen Fähigkeiten besser ab.

Was mich zum anderen erstaunt hat, ist, dass sich offenbar vor allem Männer für einen alternativen Weg ins Lehramt entscheiden. In unserer Untersuchung, für die wir die Kompetenzen von 770 traditionell ausgebildeten Lehramtsanwärtern mit denen von 72 Quereinsteigern verglichen haben, waren bei den Quereinsteigern 64 Prozent der Studienteilnehmer männlich, während es bei den traditionell ausgebildeten Lehramtsanwärtern nur 31 Prozent waren.

Unterschiede gibt es in den psychologisch-pädagogischen Kompetenzen

Das ist ja tatsächlich überraschend, dass Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger über ein ähnliches fachliches und fachdidaktisches Wissen verfügen wie traditionell ausgebildete Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter.
Lucksnat: Zumindest ist das so im Fach Mathematik in der Sekundarstufe, worauf sich ja die Untersuchung bezieht. Wir sprechen bei Quereinsteigern allerdings nur über die Personen, die ein Referendariat absolviert haben und über zwei Fächer verfügen. In der aktuellen Diskussion sind mit dem Begriff Quereinsteiger aber oft auch Seiteneinsteiger gemeint, die häufig weniger fachliche Kompetenzen mitbringen und ohne Referendariat an die Schulen kommen. Hier sind größere Unterschiede zu erwarten.

Dirk Richter: Auch im aktuellsten IQB-Bildungstrend haben wir festgestellt, dass es hinsichtlich der Schülerleistung keine Unterschiede gibt, ob sie von Quer- und Seiteneinsteigern oder traditionell ausgebildeten Lehrkräften unterrichtet wurden. Dies ist gar nicht so verwunderlich, wenn man diese Gruppe näher betrachtet. In der Studie des IQB wurde eine sehr heterogene Gruppe von Quer- und Seiteneinsteigern in den Blick genommen. Dazu gehören sowohl sehr erfahrene als auch wenig erfahrene Kollegen. Darüber hinaus haben Quer- und Seiteneinsteiger häufig ein Fachstudium absolviert, was eine starke inhaltliche Nähe zu dem unterrichteten Fach aufweist. Inwiefern dieses Ergebnis auch auf die aktuell eingestellten Quer- und Seiteneinsteiger übertragbar ist, lässt sich jedoch nicht sagen.

Wir benötigen auch neue, flexiblere Studiengänge, die berufsbegleitend absolviert werden können.
Christin Lucksnat, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Potsdam

In Bezug auf psychologisch-pädagogische Fähigkeiten schneiden die Quereinsteiger in Ihrer Studie allerdings schlechter ab als die traditionell ausgebildeten Lehrkräfte. Welche Auswirkungen hat das für den Unterricht und die Kompetenzentwicklung von Schülerinnen und Schülern?
Lucksnat: Das pädagogische Wissen hat zum Beispiel Einfluss auf die Effizienz der Klassenführung. Wie gut können Lehrkräfte mit Störungen umgehen? Wie gut sind sie in der Strukturierung von Unterricht? Es kann vermutet werden, dass Quer- und Seiteneinsteiger den Herausforderungen begegnen, die Klasse zu organisieren, ein Arbeitsbündnis herzustellen und das Lernen in Gang zu bekommen. Denn erst wenn Unterricht überhaupt stattfinden kann, besteht die Chance, dass sie auch ihre Inhalte rüberbringen und Kinder im Unterricht lernen können. Wir wissen aber tatsächlich wenig darüber, wie Quereinsteiger den Unterricht gestalten und welchen Einfluss ihr pädagogisches Wissen tatsächlich auf den Unterricht hat.

Richter: Überhaupt haben wir kaum Informationen darüber, wie der Alltag von Quereinsteigern aussieht und wie sie ins Kollegium integriert sind. Die Länder lassen die Arbeit von Quereinsteigern in der Schule bislang kaum beforschen. In keinem Bundesland gibt es eine Evaluationsstudie, die Aufschluss darüber gibt, welche Kompetenzen Quereinsteiger mitbringen, wie gut der Unterricht der Quereinsteiger tatsächlich ist und wo es möglicherweise Probleme gibt. Das ist ein großes Manko, denn so lassen sich keine Rückschlüsse ziehen, wie man die Ausbildung der Quereinsteiger möglicherweise in Zukunft besser gestalten kann.

Dirk Richter und Christin Lucksnat beim Interview über Quereinsteiger
Christin Lucksnat und Dirk Richter beim Video-Interview mit dem Schulportal.
©Screenshot: Annette Kuhn

Wie kann die Schule die Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger unterstützen?
Richter: Neben einer guten Vorabqualifizierung ist es wichtig, dass Quereinsteiger in ihrer praktischen Tätigkeit gut begleitet werden. Beispielsweise durch Mentoren an den Schulen oder durch pensionierte Lehrkräfte, die den Quereinsteigern zugeordnet werden, und durch Betreuer der Studienseminare, die regelmäßig an die Schulen kommen, im Unterricht hospitieren und Feedback geben. Wichtig dabei ist auch, dass die Unterstützung individuell auf die Quereinsteiger zugeschnitten ist, weil die Bedarfe ganz unterschiedlich sind. Bei dem jetzigen Lehrkräftemangel fehlt es aber an erfahrenen Lehrkräften, die den Quereinsteigern Hilfestellung geben können.

Wie viel Zeit braucht es eigentlich, damit aus einem Quereinsteiger oder einer Quereinsteigerin eine vollwertige Lehrkraft wird?
Richter: Es ist schwer zu sagen, wie lange dies dauert. Wir sind der Auffassung, dass zunächst die fachdidaktischen und pädagogischen Grundlagen vermittelt werden müssen, damit ein Lernen in der Praxis gelingen kann. In welchem zeitlichen Umfang diese Qualifizierung erfolgen sollte, ist letztlich eine empirische Frage, die nur durch weitere Untersuchungen beantwortet werden kann.

Es muss eine Gleichverteilung von Quereinsteigern auf alle Schulen geben, damit es nicht zu einer Ballung kommt.
Dirk Richter, Professor für Erziehungswissenschaftliche Bildungsforschung an der Universität Potsdam

Wie werden sich Schule und Unterricht verändern, wenn immer mehr Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger im Kollegium sind?
Lucksnat: Das hängt sicher stark davon ab, wie die Schulen und insbesondere die Schulleitungen mit der Thematik umgehen. Wenn Quereinsteiger als Bereicherung wahrgenommen werden, dann kann sich das auch positiv auf das Kollegium und das Schulklima auswirken.

Oft werden Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger verstärkt an Schulen eingesetzt, an die keine anderen Lehrkräfte gehen wollen. Ist das sinnvoll?
Richter: Es ist in der Tat ein großes Problem, dass Quer- und Seiteneinsteiger oft an Brennpunktschulen zum Einsatz kommen, die häufig am wenigsten mit traditionell ausgebildeten Lehrkräften ausgestattet sind. Die Personen mit den geringsten Qualifikationen werden also in den herausforderndsten Klassen eingesetzt. Hier bedarf es einer Umsteuerung. Es muss eine Gleichverteilung von Quereinsteigern auf alle Schulen geben, damit es nicht zu einer Ballung kommt. Wenn eine solche Gleichverteilung über die Schulen gewährleistet ist, dann sind auch eher die Ressourcen bei den erfahrenen Lehrkräften da, um die Quereinsteiger zu unterstützen.

Ohne Quereinsteiger gäbe es derzeit an den Schulen noch größere Probleme

Befürchten Sie einen Qualitätsverlust in der Schule durch die zunehmende Zahl von Quereinsteigern?
Lucksnat: Quer- und Seiteneinsteiger sollten nicht nur als Risiko begriffen werden. Oft wird vergessen, dass diese Personen viele Kompetenzen mitbringen und sehr engagiert in den Beruf einsteigen.

Richter: Wir haben den Eindruck, dass in der öffentlichen Diskussion häufig nur die Nachteile und Probleme, die mit Quereinsteigern verbunden werden, diskutiert werden. Aber Belege für dieses negative Image fehlen. Quereinsteiger sind besser als ihr Ruf. Außerdem retten sie derzeit unser aktuelles Schulsystem. Wenn wir die Quereinsteiger nicht hätten, gäbe es noch viel größere Probleme.

Klar ist aber auch: Wenn überproportional viele Quereinsteiger an einer Schule sind und nur wenig Unterstützung bekommen, ist anzunehmen, dass die Qualität leidet.

Zur Person

Christin Lucksnat
Christin Lucksnat von der Universität Potsdam
©Eejain Huang
  • Christin Lucksnat hat von 2014 bis 2019 an der Universität Potsdam Lehramt für die Fächer Chemie und Englisch studiert.
  • Seit 2019 ist sie wissenschaftlicher Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Erziehungswissenschaftliche Bildungsforschung an der Universität Potsdam.
  • Sie ist Teil des Teams zur Evaluation des Quereinstiegsmasters (Q-Master) an der HU Berlin.
  • Ihre Forschungsschwerpunkte sind der Quer- und Seiteneinstieg ins Lehramt. Dazu promoviert sie derzeit auch.
  • Dirk Richter ist seit 2016 Professor für Erziehungswissenschaftliche Bildungsforschung an der Universität Potsdam und ist Ko-Sprecher des Departments Erziehungswissenschaft.
  • Der Arbeitsbereich untersucht vor allem die Professionalisierung pädagogischen Personals in der Institution Schule. Ein Fokus der Forschung liegt dabei auf dem Quereinstieg ins Lehramt. Zurzeit evaluiert ein Team unter seiner Leitung eines der wenigen universitären Programme für den Quereinstieg, den Q-Master an der Humboldt-Universität zu Berlin.
  • 2018 hat Richter zusammen mit Dirk Zorn und Alexandra Marx die Publikation „Lehrkräfte im Quereinstieg: sozial ungleich verteilt? Eine Analyse zum Lehrermangel an Berliner Grundschulen“ veröffentlicht, die hier zum Download bereitsteht.
Prof. Dirk Richter, Universität Potsdam
Prof. Dirk Richter von der Universität Potsdam
©Die Hoffotografen

Zur Studie

Christin Lucksnat und Dirk Richter haben maßgeblich an der Untersuchung „Unterschiedliche Wege ins Lehramt – unterschiedliche Kompetenzen? Ein Vergleich von Quereinsteigern und traditionell ausgebildeten Lehramtsanwärtern im Vorbereitungsdienst“ mitgearbeitet, deren Ergebnisbericht im Juli in der „Zeitschrift für Pädagogische Psychologie“ erschienen ist. Die Studie entstand als Kooperationsprojekt zwischen der Universität Potsdam, dem Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel und der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Die zugrundeliegenden Daten der Untersuchung stammen aus dem Forschungsprojekt COACTIV-R, das von 2007 bis 2009 am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung durchgeführt wurde. Neuere Daten standen dem Forscherteam nicht zur Verfügung.