Finnland : Strenges Auswahlverfahren für das Lehramtsstudium

Bewerberinnen und Bewerber für ein Lehramtsstudium müssen hierzulande lediglich das Abitur nachweisen. Ungeklärt bleibt dabei, ob die zum Studium zugelassenen jungen Leute auch für den Lehrerberuf geeignet sind. Mit fatalen Konsequenzen nicht nur für eine schwer zu bestimmende Anzahl zukünftiger Lehrkräfte, sondern vor allem für die Schülerinnen und Schüler. In Finnland hingegen gibt es seit Jahren ein spezielles Aufnahmeverfahren, das Bewerberinnen und Bewerber absolvieren müssen. Das Schulportal sprach mit Sirkku Kupiainen über dieses Auswahlverfahren, das nun auch in Deutschland diskutiert wird. Die finnische Wissenschaftlerin beschäftigt sich unter anderem mit dem finnischen Zulassungsverfahren für Lehrkräfte und der Evaluation des finnischen Bildungssystems.

Regina Köhler / 25. Oktober 2018
Eine junge Frau füllt einen Test aus.
In einer schriftlichen und mündlichen Prüfung werden die Bewerberinnen und Bewerber in Finnland getestet, ob sie für das Studium und für den Lehrerberuf geeignet sind.
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Deutsches Schulportal: Frau Kupiainen, wie genau funktioniert das Auswahlverfahren für Lehramtsstudierende in Finnland?
Sirkku Kupiainen: Alle Bewerber müssen zunächst eine schriftliche Prüfung absolvieren. Wer die Mindestanforderungen erreicht hat, wird dann zu einem Interview eingeladen. Wir nennen das Eignungstest. In Finnland ist es nicht unbedingt erforderlich, dass Bewerberinnen und Bewerber für ein Lehramtsstudium das Abitur gemacht haben, wobei inzwischen deutlich mehr Wert darauf gelegt wird und es zusätzliche Punkte für eine gute Abiturnote gibt.

Wie sieht die schriftliche Prüfung aus?
Das schriftliche Vakava-Examen basiert auf Materialien, von denen ein Teil einige Wochen vor der Prüfung veröffentlicht wird. Weitere Materialien werden erst während der Prüfung verteilt. Alle acht Universitäten, die in Finnland eine Lehrerausbildung anbieten, machen genau diese Prüfung.
Ziel des schriftlichen Examens ist es, die akademischen Fähigkeiten der Bewerberinnen und Bewerber festzustellen, um herauszubekommen, ob sie für ein Studium geeignet sind. Nicht nur Lehramtsstudierende, sondern alle, die sich für allgemeine Studiengänge im Bildungsbereich interessieren, müssen diese schriftliche Prüfung machen.
2018 basierten 22 der insgesamt 30 Prüfungsfragen auf Materialien, die bereits vor dem schriftlichen Examen veröffentlicht worden waren. Acht Fragen basierten auf Material, das erst zur Prüfung ausgegeben worden ist.

Was erwartet die Bewerberinnen und Bewerber in der zweiten Etappe des Auswahlverfahrens?
Der zweite Schritt ist der so genannte Eignungstest. Zu diesem Test werden mindestens doppelt so viele Bewerberinnen und Bewerber eingeladen, wie dann aufgenommen werden. Ausschlaggebend für die Einladung sind die Ergebnisse der schriftlichen Prüfung. Die Bewerberinnen und Bewerber müssen diese Prüfung mindestens zu 30 Prozent bestanden haben.

Der Eingangstest ist entweder ein Einzel- oder ein Gruppengespräch, manchmal auch eine Mischung aus beidem. Ziel ist es, die Eignung der Bewerberinnen und Bewerber für den Lehrerberuf festzustellen. Dazu gehören Beziehungsfähigkeit, Motivation und Engagement.

Wer führt den Test durch?
Der Test wird von einer Jury aus zwei Personen durchgeführt. Die Bewerberinnen und Bewerber werden auf einer Skala von 0-25 Punkten in jedem der oben genannten drei Bereiche eingeschätzt. Am Ende werden alle Punkte zusammen gezählt. Mindestens 60 Punkte müssen erreicht werden.

Mit welchen Fragen versucht man, herauszufinden, ob Bewerberinnen und Bewerber gute Lehrer werden würden?
Gefragt wird zum Beispiel, warum sie sich bewerben und weshalb sie ausgerechnet Lehrer werden wollen. Dann werden die Bewerberinnen und Bewerber gebeten, die Arbeit zu beschreiben, die sie künftig machen wollen und auch, wo sie sich in zehn Jahren sehen. Schließlich müssen sie ihre Stärken und Schwächen beschreiben, die im Lehrerberuf relevant sein könnten.

Seit wann wird dieser Auswahl-Prozess durchgeführt?
Das Verfahren wurde schon angewendet, bevor die Lehrerausbildung in den 1970er Jahren an die Universitäten verlagert worden ist.

Warum gibt es ein solches Auswahlverfahren?
Wir wollen die Bewerberinnen und Bewerber herausfinden, die für die Arbeit mit Kindern nicht geeignet sind oder den Kindern sogar schaden könnten. Dozenten, die die Eignungstests durchführen, haben die Erfahrung gemacht, dass das schriftliche Examen auch Bewerberinnen und Bewerber zulässt, die für den Lehrerberuf nicht geeignet sind. Ohne den Eignungstest würden diese Leute studieren und erst wenn sie ihr praktische Ausbildung an einer Schule machen, würde klar werden, dass sie nicht Lehrer werden sollten. Das macht keinen Sinn.

Wie ist das Verhältnis von Bewerberinnen und Bewerbern und denen, die aufgenommen werden?
An der Universität Helsinki gab es im Frühjahr dieses Jahres insgesamt 1.366 Bewerberinnen und Bewerber für ein Lehramtsstudium, von denen 971 am schriftlichen Examen teilgenommen haben und 241 zum Eignungstest eingeladen worden sind. Am Ende wurden 122 Bewerberinnen und Bewerber aufgenommen, das entspricht einem Anteil von etwa neun Prozent.

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