Forderungen an die KMK : Digitale Bildung an Schulen – eine Großbaustelle

Mehr Informatik, verbindliche Nutzung digitaler Werkzeuge auch bei Klassenarbeiten, mehr Evaluation, bessere Weiterbildungsangebote und vor allem eine bessere technische Ausstattung: Die ständige wissenschaftliche Kommission (Stäwiko) der Kultusministerkonferenz liefert in ihrer zweiten Stellungnahme einen großen Forderungskatalog zur Verbesserung der digitalen Bildung in den Schulen. Das Schulportal nennt die Kernforderungen.

Annette Kuhn 07. Oktober 2021 Aktualisiert am 08. Oktober 2021
Digitale Bildung Tablets im Klassenzimmer
Digitale Medien und Geräte allein machen noch keinen guten Unterricht. Dafür braucht es gute Unterrichtskonzepte.
©Sebastian Gollnow/dpa

Es ist ein Rundumschlag, den die Ständige Wissenschaftliche Kommission (Stäwiko) vorbereitet hat. Das neue Beratungsgremium der Kultusministerkonferenz hat in ihrer zweiten Stellungnahme auf 26 Seiten dargelegt, was alles passieren muss, damit die Bildung in der digitalen Welt vorankommt. Dabei sehen die 16 Expertinnen und Experten auf allen Ebenen Entwicklungsbedarf. Die digitale Bildung an Schulen – eine Großbaustelle.

Die Kultusministerkonferenz hat zwar schon vor fünf Jahren das Strategiepapier „Bildung in der digitalen Welt“ veröffentlicht. Darin hat sie dargelegt, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um Schülerinnen und Schülern digitale Kompetenzen zu vermitteln und Lehrkräfte entsprechend zu befähigen. Weit gekommen ist die Umsetzung der Strategie allerdings bis heute noch nicht. Und auf dem neuesten Stand ist das Papier nach fünf Jahren auch nicht mehr.

Stäwiko fordert mehr Einheitlichkeit der Länder bei der Digitalstrategie

Die derzeitige Präsidentin der KMK, die Brandenburger Bildungsministerin Britta Ernst (SPD), hat sich für ihre Amtszeit das Schwerpunktthema „Lernen und Lehren – guter Unterricht in Zeiten der digitalen Transformationen“ gesetzt. Sie will den Blick darauf lenken, wie Unterrichtsqualität im Zeitalter der Digitalisierung gestaltet werden muss. Darum hat sie auch die Stäwiko damit beauftragt, eine Stellungnahme zur Weiterentwicklung der Digitalstrategie an Schulen abzugeben.

Die Ständige wissenschaftliche Kommission leitet aus ihrer Stellungnahme sechs Hauptforderungen ab, die sie am Donnerstag bei der Herbstsitzung der Kultusministerkonferenz dargelegt hat. Wie ein roter Faden zieht sich durch alle Themenbereiche, dass sich die Länder stärker auf einheitliche Ziele und ein abgestimmtes Vorgehen zur Umsetzung verständigen sollten.

Die sechs Kernforderungen lauten:

  • Bildungsziele und Kompetenzen unter Bedingungen der Digitalität definieren, operationalisieren und überprüfen
  • Kompetenzentwicklung von Lernenden durch digital gestützte Prozesse des Lehrens und Lernens fördern
  • Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte für eine lernwirksame Nutzung digitaler Technologien professionalisieren
  • Technologiegestütztes Lehren und Lernen durch eine datenbasierte Schulentwicklung unterstützen
  • Leistungsfähige technische Infrastruktur und zuverlässigen Support sicherstellen
  • Strukturen für eine forschungsbasierte Entwicklung und Implementation digitaler Unterrichtstechnologien aufbauen

Fach Informatik stärken und Lerninhalte verbindlich machen

Gemeint sind alle Bereiche der Digitalisierung: von der technischen Ausstattung und der Versorgung von Endgeräten über didaktische Konzepte für die Einbettung digitaler Medien im Unterricht und auch bei Klassenarbeiten bis hin zu einer länderübergreifenden Qualitätsprüfung digitaler Lernmaterialien. Die gibt es bislang so noch nicht.

Das Expertengremium spricht sich im Einzelnen zum Beispiel dafür aus, das Fach Informatik zu stärken und flächendeckend anzubieten. Bislang wird es nicht überall, nur in einzelnen Klassenstufen und nicht mit verbindlichen Inhalten angeboten. Das Fach decke allerdings nur eine Dimension der digitalen Bildung ab.

Ebenso wichtig sei es, fachbezogen digitale Tools nutzen zu können. Und drittens müssen Schülerinnen und Schüler fächerübergreifend Digitalkompetenzen erwerben. Dazu zählen zum Beispiel die Informationsbeschaffung im Internet oder auch die Fähigkeit, Fakten in digitalen Medien zu überprüfen.

Digitale Kompetenzen in Vergleichsarbeiten überprüfen

Bis zum Ende der Sekundarstufe I müssten die Schülerinnen und Schüler die entsprechenden Kompetenzen erworben haben und digitale Werkzeuge beim Lernen und bei der Lösung von Aufgaben einsetzen können. Diese Fähigkeiten sollten auch in Vergleichsarbeiten überprüft werden. Die Stäwiko fordert außerdem eine „Ergänzung der Länderverordnung über Klassenarbeiten und zentrale Abschlussprüfungen um Ausführungen zur obligatorischen Nutzung digitaler Werkzeuge bei der Aufgabenbearbeitung“. Bislang werden digitale Prüfungsformate noch kaum angeboten.

Für den Einsatz digitaler Medien im Unterricht empfiehlt die Kommission „die Entwicklung und Evaluation didaktischer Konzepte“, denn die Nutzung digitaler Lernmaterialien allein mache noch keinen qualitativ hochwertigen Unterricht. Dazu gehöre außerdem eine entsprechende Qualifizierung der Lehrenden in allen drei Phasen der Lehrerbildung. Hier müsste es auch mehr und flexiblere Weiterbildungsangebote geben. Und die Angebote müssten sich stärker auf die tatsächliche Unterrichtssituation beziehen.

Zusätzliches Personal für technischen Support gefordert

Bei der technischen Ausstattung geht es den Expertinnen und Experten der Ständigen wissenschaftlichen Kommission nicht nur um digitale Endgeräte und eine stabile Internetverbindung. Sie fordern auch „die Schaffung von schulischen Funktionsstellen im Schnittfeld von mediendidaktischen, fachdidaktischen und informationstechnischen Kompetenzen zur Koordination der Medienbildungskonzepte und der Gewährleistung eines Basissupports.“ Wer diese Aufgabe erfüllen soll, bleibt allerdings unklar. Beim derartigen Fachkräftemangel vor allem im IT-Bereich wird es schwer sein, solche Stellen zu besetzen, oder wie es der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe (SPD) bei der Pressekonferenz der Kultusministerkonferenz im Hinblick auf IT-Support an Schulen sagte: „Es ist schwieriger, Geld auszugeben, als es vorher bekommen zu haben.”

Die KMK-Präsidentin sieht in dem Papier „wertvolle Anregungen, die wir in der KMK gerne aufgreifen“. Noch in diesem Jahr will die Kultusministerkonferenz die Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ von 2016 um die vom Beratergremium aufgeführten Themen ergänzen. Und Britta Ernst versicherte weiter: „Wir werden uns darüber auch direkt mit den Mitgliedern der Stäwiko austauschen.“

Weitere Themen der Kultusministerkonferenz

Bei der Sitzung der Kultusministerkonferenz am 7. Oktober ging es nicht nur um die neue Stellungnahme der Ständigen wissenschaftlichen Kommission. Themen waren außerdem die Corona-Situation an Schulen und die Gebärdensprache:

Corona-Situation: Die Kultusministerinnen und Kultusminister der Länder setzen mit Hilfe von Masken und Tests auch mit Beginn der kalten Jahreszeit darauf, Schulschließungen in der Pandemie zu vermeiden. Es sei „unerlässlich, die Schulen offenzuhalten und den Präsenzunterricht dauerhaft zu sichern”, heißt es in einem Beschluss. Daher müssten es an den Schulen aber auch weiter Schutzmaßnahmen wie Maskenpflicht und Corona-Tests geben. Mit Blick auf das unterschiedliche Vorgehen der Länder zu Lockerungen der Maskenpflicht verwies die KMK-Präsidentin auf die ungleichen Corona-Infektionslagen und die Akzeptanz vor Ort.

Gebärdensprache: Die KMK beschloss außerdem Empfehlungen für ein Wahlpflichtfach oder Wahlfach „Deutsche Gebärdensprache”in der Sekundarstufe I. Nach KMK-Angaben gibt es in Berlin, Brandenburg und Hamburg bereits Rahmenpläne. „Die Empfehlungen sind ein großer Schritt zur Gleichstellung der Gebärdensprache mit anderen Sprachen. Sie machen Aussagen zum Erwerb einer gebärdensprachlichen Handlungskompetenz.“