Deutschkenntnisse : Sprachstandstests für künftige Erstklässler

Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann fordert, dass Kinder ausreichend Deutsch sprechen müssen, bevor sie an der Grundschule aufgenommen werden. Damit hat er eine Debatte angestoßen: Wie können Kinder, die kein Deutsch sprechen, in der Grundschule integriert werden? So groß die Kritik an seinen Äußerungen ist, werden die Forderungen nach Sprachstandtests und mehr Mitteln zur Sprachförderung und Unterstützung von Kitas durch die Politik lauter.

07. August 2019
Ein Junge und ein Mädchen spielen in einem Kindergarten ein Buchstabenspiel auf dem Boden.
CDU-Politiker Carsten Linnemann fordert, dass Kinder, die kein Deutsch sprechen, von der Einschulung zurückgestellt werden. Damit hat er eine Debatte um Sprachförderung angestoßen.
©Monika Skolimowska/zb/dpa

„Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen“, sagte Linnemann der „Rheinischen Post“. Der CDU-Politiker schlägt für betroffene Kinder eine Vorschulpflicht vor. Notfalls müsse eine Einschulung auch zurückgestellt werden, sagte er.

Es müssten alle Alarmglocken schrillen, wenn bei Sprachtests wie in Duisburg mehr als 16 Prozent der künftigen Erstklässlerinnen und -klässler gar kein Deutsch könnten, sagte Linnemann. „Bis tief hinein in die Mittelschicht erlebe ich Eltern, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken, weil das Niveau an staatlichen Schulen sinkt.“ Er warnte in dem Zusammenhang vor „neuen Parallelgesellschaften“. „Die Vorfälle in Freibädern, die Tat auf dem Frankfurter Bahnsteig, die Schwertattacke in Stuttgart – das alles wühlt die Menschen auf und befeuert die Sorge, dass neue Parallelgesellschaften entstehen könnten. Dem müssen wir jetzt vorbeugen.“

Der rheinland-pfälzische CDU-Fraktionschef Christian Baldauf begrüßt die Debatte. „Die Teilnahme von Kindern am Unterricht, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, geht zu Lasten der übrigen Schüler, unabhängig vom Leistungsstand“, sagte Baldauf. „Gute und leistungsschwächere Schüler können nicht individuell gefördert werden, wenn Lehrer einen Großteil der Unterrichtszeit für Kinder ohne Deutschnkenntnisse aufbringen müssen.“ Im Interesse aller sei deshalb ein Ausbau der frühkindlichen Sprachförderung und auch des schulischen Sprachförderunterrichts notwendig.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger sagte der Deutschen Presse-Agentur, Linnemann habe natürlich Recht damit, dass die eigentliche sprachliche Förderung vor der Grundschule erfolgen müsste. Kinder sollten nach Meidingers Ansicht schon lange vor der Einschulung verpflichtende Sprachtests durchlaufen. „Ich bin ein absoluter Anhänger von bundesweiten, flächendeckenden Sprachstandstests bei Drei- und Vierjährigen.“ Es gebe Ansätze dafür in einigen Ländern, aber leider passiere dann zu wenig, weil ausgebildetes Personal fehlte, und Grundschullehrerinnen und -lehrer seien sowieso Mangelware.

Heftige Kritik an Linnemanns Aussagen

Kritik am Vorstoß des Unionsfraktionsvizes kommt vom Verband Bildung und Erziehung (VBE). Die Forderung, Kinder, die kein Deutsch könnten, nicht einzuschulen, sei eine Bankrotterklärung der Politik, sagte der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann der dpa. Zudem sei sie diskriminierend. „Denn es läuft doch darauf hinaus, dass vor allem Kinder mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung zurückgestellt werden würden.“ Der VBE forderte mit Blick auf Sprachförderung von der Politik mehr Unterstützung für die Kitas. Fast alle Kinder gingen inzwischen vor der Einschulung dorthin. Aber trotz hohen Engagements der Erzieherinnen und Erzieher führten Gruppengrößen, unzureichende Personalschlüssel und fehlende Sprachexpertinnen und -experten dazu, dass manche Kinder nicht angemessen gut Deutsch sprächen.

Auch der Landesvorsitzende der VBE in Rheinland-Pfalz, Gerhard Bold, kritisierte Linnemann. Der Schwerpunkt müsse auf der Förderung von Kindern mit Migrations- oder Fluchterfahrung liegen, nicht auf deren Ausgrenzung. „Kinder im Grundschulalter sind begeisterte Lernende, die neues Wissen förmlich aufsaugen“, erklärte er. Hinzu komme als sozialer Faktor, „dass sie ihre Mitschüler und Mitschülerinnen mitziehen – dabei ist es egal, welche Herkunft oder Vorkenntnisse ein Kind hat.“

Die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien (CDU) wies den Vorstoß von Linnemann ebenfalls vehement zurück. Prien sprach in der „Süddeutschen Zeitung“ von „populistischer Unfug“ und „der völlig falsche Weg“. Diese Kinder gehörten vielmehr „im Rahmen der Regelbeschulung“ in Deutsch-als- Zweitsprache-Klassen.

Die SPD-Bildungspolitikerin Marja-Liisa Völlers sagte der dpa, die Aussagen Linnemanns seien „wirklich zum Fremdschämen und populistisches Getöse wie in Wahlkampfzeiten“. Man könne Kinder nicht von der Grundschule ausschließen, nur weil sie schlecht Deutsch sprächen. Das schaffe Parallelgesellschaften und langfristige Integrationsprobleme, anstatt sie zu lösen. „Die Kinder sind genau richtig da, wo sie sind. Ein besseres Lernumfeld für alle Kinder als Schulunterricht mit Gleichaltrigen gibt es doch gar nicht.“

dpa