DGB-Schulstudie : „Soziale Spaltung bleibt die offene Wunde unseres Bildungssystems“

Ungerecht und mit mauen Leistungen: Auch zwei Jahrzehnte nach dem Pisa-Schock dümpelt das deutsche Schulsystem vor sich hin, sagt Bildungsforscher Klaus Klemm. „Ein echter Fortschritt ist nicht erkennbar.“

Dieser Artikel erschien am 01.09.2021 in DER SPIEGEL
Armin Himmelrath
Schülerinnen und Schüler in Erfurt (Archivbild)
Schülerinnen und Schüler in Erfurt (Archivbild)
©dpa

Eine „überdurchschnittliche Bildungsungleichheit“, kombiniert mit „unterdurchschnittlichen Leistungen“ – das bescheinigte Ende 2001 die erste Pisa-Studie dem deutschen Bildungssystem. Knapp 20 Jahre später stellt eine neue Untersuchung fest: Die Beschreibung „Viel Ungleichheit – wenig Leistung“ passt für die deutschen Schulen in weiten Teilen noch immer.

Das geht aus einer bislang noch unveröffentlichten Studie hervor, die der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) erstellt hat und die dem SPIEGEL vorliegt. Klemm hatte dafür die Ergebnisse mehrerer nationaler und internationaler Schulleistungsstudien der vergangenen zwei Jahrzehnte ausgewertet. Im Resultat spricht er von einer „Konstanz sozialer Ungleichheit in und durch Deutschlands Schulen“.

Grundlage dafür ist der genauere Blick auf Studienergebnisse zu Grundschulen, zum Übergang zwischen Grund- und weiterführenden Schulen und zu den Leistungen von Jugendlichen in höheren Klassen. Klemm kommt dabei zu einem vernichtenden Urteil für die Schul- und Bildungspolitik im Hinblick auf soziale Ungleichheiten: „Ein echter Fortschritt ist nicht erkennbar“, schreibt der Bildungsforscher in seinem Gutachten.

Die Studie

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • In der Grundschule, sagt Klaus Klemm, biete sich „das Bild einer Stagnation, teils aber auch das einer tendenziellen Verschärfung sozialer Ungleichheit in der Mathematik und beim Lesen“. Lediglich in den Naturwissenschaften sei zwischen 2007 und 2019 eine leichtere Abschwächung der sozialen Ungleichheit feststellbar.
  • Auch beim Übergang von der Grund- zur weiterführenden Schule sind die Ergebnisse nicht ermutigend. Demnach hatte 2001 – bei gleich guten Schulleistungen – ein Grundschulkind von Eltern aus Dienstleistungsberufen eine um den Faktor 2,36 höhere Chance auf eine Gymnasialempfehlung als Kinder aus dem Arbeitermilieu. „Dieser Indikator sozialer Benachteiligung hat sich zwischen 2001 und 2016 kontinuierlich verstärkt: von 2,63 auf 3,37“, heißt es in der Studie.
  • In den weiterführenden Schulen dagegen sah es nach der ersten Pisa-Studie zunächst gut aus: In den ersten Jahren zeigten die Daten eine Abschwächung der beobachteten sozialen Ungleichheiten. „Dieser Reduzierung folgt dann bis 2018 eine überwiegend durch Stagnation bzw. teilweise auch durch einen Wiederanstieg geprägte Phase, in der keine Zeichen eines weiteren Abbaus von sozialer Ungleichheit in und durch Schulen zu beobachten sind“, schreibt Klemm.

Die Gesamtbewertung für das deutsche Schulsystem fällt dementsprechend schlecht aus: Bei der im Jahr 2000 durchgeführten Pisa-Studie landete Deutschland beim Ausmaß sozialer Ungleichheit auf Platz 31 von 31 teilnehmenden OECD-Ländern. „Fast zwanzig Jahre danach, 2018, hat sich die Situation immer noch nicht verbessert: Deutschland gehört immer noch zu den Schlusslichtern“, stellt Klemm fest. Bei mittlerweile 36 teilnehmenden OECD-Ländern reichte es für Platz 33.

Für Elke Hannack, stellvertretende DGB-Vorsitzende, sind die Ergebnisse ein Alarmsignal. „Die soziale Spaltung bleibt die offene Wunde unseres Bildungssystems“, sagt Hannack. In fast keinem anderen Land hänge der Bildungserfolg so stark von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland: „Und die Coronakrise verschärft die Entwicklung noch zusätzlich.“

Mit Blick auf die Bundestagswahl forderte die Gewerkschafterin „ein Ende der Lippenbekenntnisse in der Bildungspolitik“. Für die nächste Bundesregierung müssten „massive Investitionen in Bildung ein Muss“ sein. Dazu gehörten das Recht auf eine gute Ganztagsschule, mehr Investitionen in die Qualität der Kitas, eine echte Bafög-Reform mit einer satten Erhöhung der Freibeträge und Bedarfssätze und eine echte Ausbildungsgarantie.