Coronavirus : Sollten Lehrkräfte bei den Impfungen vorgezogen werden?

Viele Lehrerinnen und Lehrer haben Angst um ihre Gesundheit, wenn sie in der Schule unterrichten. Das hat zuletzt auch das Deutsche Schulbarometer Spezial Corona-Krise ergeben. Angesichts des Bestrebens, möglichst bald wieder Präsenzunterricht anzubieten, wird auch die Forderung laut, Lehrkräfte bei der Priorisierung für die Impfungen gegen Corona vorzuziehen. Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) etwa fordert aktuell in einem Interview mit der Wochenzeitung DIE ZEIT, Lehrkräfte sowie Erzieherinnen und Erzieher früher zu impfen.

Florentine Anders / 27. Januar 2021 / 1 Kommentar
Impfstopp mit Spritze
Die Forderung nach einer früheren Impfung für Lehrerinnen und Lehrer wird immer häufiger laut.
©Frank Rumpenhorst/dpa

Björn Gebauer hat sich persönlich mit einem Schreiben an die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gewandt, in dem er sich dafür einsetzt, Lehrkräfte bei den Impfungen gegen Corona vorzuziehen. Parallel ging der Brief an die Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) in Berlin und an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

Der 32-jährige Lehrer im Quereinstieg unterrichtet seit drei Jahren an einer Berliner Grundschule. Vor dem Lockdown hatte er dort täglich Kontakt mit Kindern aus 50 Haushalten. „Auslöser für den Brief war eine Meldung kurz vor der Schulschließung über den Tod eines Familienvaters und Lehrers aus Berlin, der ohne Vorerkrankungen an den Folgen einer Corona-Erkrankung verstorben ist“, erzählt Gebauer. Aus seiner Betroffenheit über die Meldung wurde bald eine persönliche Sorge um die eigene Gesundheit. Über die Weihnachtsferien reifte dann der Entschluss, sich mit einem offenen Brief an die Politik zu wenden. „Ich habe mit vielen Kolleginnen und Kollegen darüber gesprochen und wusste, dass sie meine Sorgen teilten“, sagt Gebauer.

Jede zweite Lehrkraft hat Angst vor einer Ansteckung mit Corona

Jede zweite Lehrkraft (56 Prozent) hat „große“ oder „sehr große“ Sorge, dass sie sich in der Schule mit dem Coronavirus ansteckt. Das hatte das am 13. Januar auf dem Schulportal veröffentlichte Deutsche Schulbarometer gezeigt. Die repräsentative bundesweite Umfrage wurde im Dezember 2020 durchgeführt, als die meisten Lehrkräfte noch im Präsenzunterricht arbeiteten. Bemerkenswerterweise ist laut Schulbarometer die Sorge besonders ausgeprägt bei den unter 40-Jährigen. In dieser Altersgruppe geben sogar 62 Prozent der Befragten an, Angst vor einer Ansteckung in der Schule zu haben. Die Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus ist damit unter Lehrkräften deutlich größer als in der Gesamtbevölkerung, von der Anfang Dezember in einer aktuellen Forsa-Umfrage etwa ein Drittel Sorgen bezüglich einer eigenen Ansteckung äußerte.

949 Personen haben an der Abstimmung teilgenommen.

Trotz der Pandemie wünscht sich Gebauer, möglichst bald wieder die Kinder in der Schule unterrichten zu können – aber besser geschützt: „Ich unterstütze die Forderungen nach einer möglichst langen Öffnung sowie frühzeitigen Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten. Die Schulen und wir Lehrkräfte übernehmen gerne und mit Stolz eine gesellschaftlich und sozial wichtige Aufgabe, trotz der widrigen Umstände, denen wir teilweise ausgesetzt sind und die diese Arbeit oft erschweren. Die Bedeutung dieser Aufgabe, die an vielen Stellen so oft betont wird, steht in meinen Augen jedoch im krassen Gegensatz zu der aktuellen Priorisierung der zu impfenden Gruppen“, schreibt er in seinem Brief an die Bundeskanzlerin.

Rechtsverordnung regelt, wann Lehrkräfte geimpft werden

Nach bisheriger Regelung werden zunächst Menschen über 80 Jahre, Bewohner von Alten- und Pflegeheimen sowie Pflegekräfte und medizinisches Personal, das im direkten Kontakt mit Corona-Patienten steht, geimpft. Diese erste Gruppe hat laut Rechtsverordnung des Bundesgesundheitsministeriums die „höchste Priorität“. Es folgen, in der zweiten Gruppe mit „hoher Priorität“, alle Menschen über 70 Jahre, Personen mit Trisomie 21, Demenz oder Empfängerinnen und Empfänger von Spenderorganen. Auch medizinisches Personal wie Hausärzte mit direktem Patientenkontakt.

Zur Gruppe 3 mit „erhöhter Priorität“ gehören alle Menschen über 60 Jahre, Personen mit Vorerkrankungen sowie Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher. Auch Menschen mit wichtigen Funktionen in staatlichen Institutionen – bei der Polizei, Feuerwehr, Justiz – und im Lebensmitteleinzelhandel zählen dazu.

„Bis der Personenkreis der Gruppe 3, in der wir Lehrer uns befinden, geimpft wird, vergehen Wochen und Monate, in denen wir einer extrem hohen gesundheitlichen sowie psychischen Gefahr ausgesetzt sind“, so Gebauer. Dies bedeute nicht, dass Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher zuerst geimpft werden sollen. Die aktuelle Priorisierung in der Gruppe 1 sei geboten und notwendig. Um den geforderten Schul- und Kindergartenbetrieb aufrechtzuerhalten, solle jedoch zeitlich parallel dazu eine Impfung für alle Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher, unabhängig vom Alter, erfolgen. Mit dieser Auffassung ist der Berliner Lehrer Björn Gebauer nicht allein.

Auch Verbände drängen auf vorgezogene Impfungen für Lehrer und Erzieher

Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) fordert, Lehrkräfte sowie Erzieherinnen und Erzieher früher zu impfen. „Für mich spricht einiges dafür, dass Lehrerinnen und Lehrer schneller geimpft werden, als die Pläne es derzeit vorsehen. Ebenso wie Erzieherinnen und Erzieher“, sagt Eisenmann im Interview mit der Wochenzeitung DIE ZEIT laut einer Voranmeldung vom 27. Januar.

Eisenmann spricht sich für eine rasche Rückkehr zum Präsenzunterricht in den Schulen aus. Sie finde den Kurs der Kanzlerin in der Pandemie grundsätzlich sehr gut, sie habe allerdings „eine andere Meinung dazu, ob man alle Schulen pauschal schließen“ solle. Man müsse verhindern, dass die junge Generation für die Schulschließungen büßen müsse, so die baden-württembergische Ministerin.

Die scheidende Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Stefanie Hubig (SPD), hatte bereits im Dezember in einem Interview der Zeitungen der VRM-Gruppe gesagt, sie habe sich frühere Corona-Impfungen für Lehrkräfte und Erzieher gewünscht, als es die Regelung des Bundesgesundheitsministeriums vorsieht.

Auch die Schulleitungsvereinigung Nordrhein-Westfalen forderte Anfang Januar, dass Lehrerinnen und Lehrer früher als derzeit vorgesehen geimpft werden. Medizinisches Personal und Pflegepersonal in Hotspots sollten sicherlich Vorrang haben, aber es könne auch nicht sein, dass Lehrerinnen und Lehrer irgendwann im Sommer drankämen, sagte der Vorsitzende der Schulleitungsvereinigung Nordrhein-Westfalen, Harald Willert, der Deutschen Presse-Agentur.

In Berlin drängte der Verband der Kleinen und Mittelgroßen Kitaträger (VKMK) gleichfalls darauf, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Kindertagesstätten noch im Januar ein Impfangebot zu machen, um die frühkindliche Bildung und Betreuung wieder möglich zu machen.

Eine Priorisierung beim Impfen ist derzeit nötig, weil der verfügbare Impfstoff gerade zu Beginn der Herstellung knapp ist. Wenn Lehrkräfte bevorzugt werden, könnte dies zulasten einer anderen systemrelevanten Berufsgruppe gehen. Die Politik müsse hier eine Lösung finden, wie die priorisierten Personengruppen alle schnell zu einer Impfung kommen, sagt Gebauer dazu.

Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in Berlin hat ihm in ihrer Antwort auf seinen Brief jedoch wenig Hoffnung auf eine Änderung gemacht. Die Priorisierung sei vom Bundesgesundheitsministerium in der „Verordnung zum Anspruch auf Schutzimpfung“ festgelegt. Eine solche Verordnung zu ändern sei vermutlich allein aufgrund des zeitlichen Aufwands kaum hilfreich, hieß es aus der Behörde.

Update

Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern hatten sich am 22. Februar geeinigt, Lehrkräfte an Grund- und Förderschulen und Kita-Erzieher in der Impfreihenfolge von der Gruppe drei (erhöhte Priorität) in die Gruppe zwei (hohe Priorität) hochzustufen. In vielen Bundesländern beginnen die vorgezogenen Impfungen im März, allerdings nicht immer ohne Streit um die Rangfolge.

1 Kommentar

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27.02.2021 Margit S.

Lehrkräfte sollten nicht vorgezogen werden

Lehrkräfte sind bereits in Impfgruppe 3 und ein Teil der Lehrkräfte ist sogar in Impfgruppe 2, wenn die dortigen Voraussetzungen vorliegen. Um Lehrkräfte zu schützen, gibt es eine Reihe von anderen Möglichkeiten: -Tägliche Schnelltests bei Lehrern und Schülern -Einbau von Lüftungsanlagen und ggf. UV-C-Lampen sowie öffnungsfähige Fenster in allen genutzten Räumen => Ist das denn noch inmmer nicht ? -Bis zur Impfung der Impfgruppe 3 kann man den Präsenzunterricht ganz ausfallen lassen und man kann ggf. auch den Unterricht zu Hause noch ein paar Wochen lang ausfallen lassen. Was sind denn ein paar Wochen, wenn es um so eine Pandemie geht? Jeder Lehrer, der früher geimpft wird, nimmt einem Menschen, der die Impfung aus gesundheitlichen Gründen DRINGENDST benötigt, eine Impfung weg. Dies führt zwangsläufig zu mehr Todesfällen. Alle Maßnahmen wie Lockdown, Impfverordnung, etc. zielen darauf ab, die Risikogruppen zu schützen. Das Vorziehen der Lehrer führt dies ins Lächerliche!