Dieser Artikel erschien am 10.04.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Anna Günther

Bildung : Söder will neues Schulfach in Bayern einführen

Das neue Fach, das sich Söder in Bayern wünscht, soll „Alltags­kompetenz und Lebens­ökonomie“ heißen. Es deckt Bereiche wie Wissen über heimische Natur und Land­wirtschaft, Klima­schutz und Praktisches für den Alltag ab. Mehr Praxis­nähe ist seit Jahren auch ein Wunsch des Landes­schüler­rats. Schul­minister Michael Piazolo (Freie Wähler) nennt Söders Idee erstmal nur eine „Willens­bekundung“.

Ministerpräsident Markus Söder (CSU)
Ministerpräsident Markus Söder (CSU) wünscht sich das neues Schulfach „Alltagskompetenz und Lebensökonomie“.
©dpa

Kaum haben Schüler den Abschluss in der Tasche, sind sie vom Leben über­fordert. Von der Vielfalt an Möglichkeiten, von der Frage Uni oder Ausbildung, von praktischen Dingen wie Miet­verträgen, Versicherungen oder Koch­rezepten. Derlei Klagen, dass die Schule Mädchen und Buben nicht auf das Leben danach vorbereitet, kommen regel­mäßig auf. Ein neues Schul­fach soll es nun in Bayern richten, so will es Minister­präsident Markus Söder (CSU) in seinem Maß­nahmen­paket zum Arten­schutz. „Alltags­kompetenz und Lebens­ökonomie“ soll dieses Fach heißen und Kindern mehr Wert­schätzung sowie Wissen über heimische Natur und Land­wirtschaft vermitteln, über Klima­schutz und Praktisches für den All­tag informieren.

Mehr Praxisnähe ist seit Jahren auch ein Wunsch des Landes­schüler­rats (LSR), genauer der LSR-Gymnasiasten: Statt in mehreren Sprachen Gedichte zu interpretieren, müssten Schüler lernen, Miet­verträge abzuschließen. Als „Lebens­kunde“ bezeichnete Matthias Wein­gärtner, der frühere Koordinator des LSR in Bayern und Sprecher der beruflichen Ober­schulen, diese Inhalte in der Diskussion zum Lehrplan für das neue G 9. Auch die Studenten­sprecher klagen über zu viele Erst­semester, die nicht einmal mit Word und Excel umgehen könnten. Bisher waren aber schon zusätzliche Stunden für existierende Fächer wie Sozial­kunde ein Tabu, um keine neuen Verteilungs­kämpfe der Fächer­vertreter um Stunden und Bedeutung auszulösen. Von neuen Fächern ganz zu schweigen. Dabei war mehr Zeit für politische Bildung sogar ein Argument der CSU für das neue G 9.

Schulminister Michael Piazolo (Freie Wähler) nennt Söders Idee „Willens­bekundung“ und betont, dass seine Fraktion schon 2013 mehr All­tags­wissen an Schulen gefordert hatte. Einen aktuellen Plan gibt es trotzdem nicht. Welche Themen in diesem neuen Fach behandelt werden, ob es für alle Schularten gedacht ist und welche Lehrer es unterrichten sollen, steht genauso wenig fest wie der Status Wahl- oder Pflicht­fach für alle.

„Denkverbote“ gebe es nicht, sagte Piazolo dazu. Dafür soll es jetzt schnell gehen. Ergebnisse will er vor der Sommer­pause präsentieren. Das Ministerium solle auch prüfen, welche Projekte bereits existieren. Lange suchen muss man nicht: Das Staats­institut für Schul­qualität und Bildungs­forschung hat vor Jahren ein Konzept veröffentlicht, das eben­falls „Alltags­kompetenz und Lebens­ökonomie“ heißt und Schülern von der ersten bis zur zehnten Klasse fächer­über­greifend Wissen zu Ernährung, Gesundheit, Haus­halts­führung und Umwelt vermitteln soll. An vielen Real­schulen gibt es seit 2014 zudem das Wahlfach „Verbraucher­profi“.