Dieser Artikel erschien am 15.05.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Edeltraud Rattenhuber

Studie zu Hortplätzen : So teuer wird der Ausbau der Ganztagsbetreuung

Die Koalition möchte bis 2025 ein Recht auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter schaffen. Von diesem Ziel ist Deutschland noch weit entfernt. Einer aktuellen Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) zufolge wünschen sich mehr als 70 Prozent der Eltern eine Ganztagsbetreuung für ihr Kind. Derzeit gibt es für nicht einmal die Hälfte der Schüler ein entsprechenes Angebot - sei es Hort, Ganztagsschule oder zumindest Mittagsbetreuung. Hunderttausende zusätzliche Plätze werden benötigt, Milliardeninvestitionen sind notwendig.

In Deutschland wünschen sich laut DJI-Studie 71 Prozent der Eltern eine Ganztagsbetreuung für ihre Kinder. Derzeit gibt es aber nur für 48 Prozent ein entsprechendes Angebot.
In Deutschland wünschen sich laut DJI-Studie 71 Prozent der Eltern eine Ganztagsbetreuung für ihre Kinder. Derzeit gibt es aber nur für 48 Prozent ein entsprechendes Angebot.
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In den kommenden Wochen und Monaten wird in vielen Familien Deutschlands wieder gebangt – denn es steht die Vergabe der Hort­plätze für das neue Schul­jahr an. Und da ernten viele Eltern vor allem in den alten Bundes­ländern zunächst einmal eine Absage. Wer keinen Platz ergattert, muss sich ander­weitig behelfen, weicht zum Beispiel auf Betreuungs­omas aus oder akzeptiert, schweren Herzens, nur einen Platz in der Mittags­betreuung, obwohl er doch eine Ganz­tags­betreuung bräuchte.

Vom im Koalitionsvertrag erklärten Ziel, bis 2025 ein Recht auf Ganz­tags­betreuung auch im Grund­schul­alter anzubieten, ist Deutschland noch weit entfernt. Und damit auch von der Verbesserung von Verein­barkeit von Familie und Beruf sowie besserer Bildungs­gerechtig­keit – ebenfalls erklärte Ziele der Bundes­regierung.

Nun aber soll sich etwas tun. Bei der Jugend- und Familien­minister­konferenz, die am Donnerstag und Freitag in Weimar statt­findet, will Bundes­familien­ministerin Franziska Giffey (SPD) laut Medien­berichten eine rasche Einigung mit den Ländern. Wie praktisch, dass genau zu diesem Termin das Deutsche Jugend­institut (DJI) die bundes­weiten Gesamt­kosten für einen bedarfs­gerechten Ausbau der Ganz­tags­betreuung bis zum Jahr 2025 errechnet hat.

Flickenteppich

Deutschland gleicht, was die Ganz­tags­betreuung von Schülern angeht, einem Flicken­teppich. Zentrale Modelle sind der Hort – teil­weise integriert in ganz­tägige schulische Angebote – sowie die Ganz­tags­schule in offener und gebundener Form, aber auch verschiedene Formen der Mittags­betreuung, organisiert als „verlässliche Grundschule“ oder durch Eltern­initiativen. Länder mit fast ausschließlich schulischem Ganz­tags­angebot sind laut DJI-Studie Berlin, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Thüringen. In den ost­deutschen Flächen­ländern wird dagegen die Verzahnung von Hort und Schule gefördert. In den west­deutschen Flächen­ländern existieren Hort und Ganz­tags­schule neben­einander. Die Eltern können hier selbst entscheiden, welches Modell sie bevorzugen – wenn sie denn die Wahl haben. SZ

Ergebnis der Studie, die der Süddeutschen Zeitung vorab vorliegt: Will man alle aktuellen Eltern­wünsche durch ein entsprechendes Angebot abdecken, würden bis 2025 zwischen 322.000 und 665.000 zusätzliche Plätze benötigt – je nachdem, wie man rechnet, ob man also auch jene Eltern zählt, die „nur“ eine Mittags­betreuung brauchen, oder nur jene, die wirklich einen Ganz­tags­platz haben wollen. Kosten würde das Bund und Länder zwischen 1,9 und 3,9 Milliarden an Investitionen bis 2025. Die jährlichen Betriebs­kosten nach Abschluss des Ausbaus liegen je nach Szenario bei 1,3 bis 2,6 Milliarden Euro.

Nach Angaben von Thomas Rauschenbach, dem Direktor des Deutschen Jugend­instituts, war es gar nicht so einfach, die Basis­daten für die Studie zusammen­zustellen. „Aber wir wollten endlich einmal ermitteln, was das eigentlich alles kostet, damit wir die Zahlen greif­bar machen,“ sagt er. In Deutschland sei es ja, wie immer, kompliziert. Es entscheide ja nicht eine Ebene alleine, bereits auf Bundes­ebene gebe es zwei Ressorts – Familie und Bildung. Und dann seien auf Länder­ebene die Kultus- sowie Jugend- und Sozial­ministerien involviert.