OECD-Ländervergleich „Bildung auf einen Blick“ : So steht es um das deutsche Bildungs­system

Lob für Kitas und Kindergärten, Sorgen wegen des drohenden Lehrermangels: Ein neuer OECD-Bericht beleuchtet den deutschen Bildungs­sektor – und zieht eine durch­wachsene Corona­bilanz.

Dieser Artikel erschien am 16.09.2021 in DER SPIEGEL
Miriam Olbrisch
Schüler:innen im Klassenzimmer
Schüler in Bayern (Symbolfoto)
©dpa

Wie steht es um das deutsche Bildungssystem im internationalen Vergleich? Jedes Jahr im Herbst zieht die Organisation für wirtschaftliche Zusammen­arbeit und Entwicklung (OECD) eine umfang­reiche Bilanz. Auf 568 Seiten geht es erneut um Klassen­größen, Lehrer­gehälter, Bildungs­ausgaben, Ein­kommens­unterschiede bei Absolventen – und in diesem Jahr besonders um die Corona­pandemie.

Die Studie „Bildung auf einen Blick“ zu 48 Mitgliedstaaten, die an diesem Donnerstag vorgestellt wird, lag dem SPIEGEL vor Veröffentlichung vor. Positiv bewerteten die Forscherinnen und Forscher, dass in Deutschland im Vergleich deutlich mehr Kinder an Angeboten der früh­kindlichen Bildung teilnehmen. Fast 40 Prozent der Kinder unter drei Jahren besuchten 2019 eine Krippe, Kita oder wurden von Tages­eltern betreut – im OECD-Durch­schnitt waren es nur ein Viertel. Bei Kindern zwischen drei und fünf Jahren waren es sogar 94 Prozent.

Mit Sorge blicken die OECD-Analysten auf einen drohenden Lehr­kräfte­mangel an Deutschlands Schulen. Im Jahr 2019 waren an den weiter­führenden Schulen der Sekundar­stufe I 43 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer mindestens 50 Jahre alt und könnten in den nächsten zehn Jahren das Ruhe­stands­alter erreichen. Dieser Anteil liegt signifikant über dem OECD-Durch­schnitt (36 Prozent).

Hohe Gehälter – bei weniger Arbeits­zeit

Dabei dürfte der Beruf in Deutschland mit Blick auf den Verdienst deutlich attraktiver sein als anderswo: Nach den Berechnungen der Wissen­schaftlerinnen und Wissen­schaftler verdienen Lehrkräfte in Deutschland besser als in allen anderen OECD-Ländern mit verfügbaren Daten. Im Jahr 2020 lagen die Gehälter deutscher Lehrkräfte aller Schulformen in Deutschland mehr als 1,7-mal so hoch wie im OECD-Mittel­wert: An Grund­schulen im Durch­schnitt bei 76.997 US-Dollar im Jahr (umgerechnet rund 65.000 Euro) und an weiter­führenden Schulen in der Sekundarstufe I bei 84.869 US-Dollar (umgerechnet rund 72.000 Euro).

Gleichzeitig arbeiten Lehrkräfte in Deutschland durchschnittlich weniger Stunden pro Jahr als ihre Kolleginnen und Kollegen im OECD-Ausland. Besonders groß ist die Diskrepanz an Grund­schulen. Hier unterrichten Lehrkräfte in Deutschland im Jahr 2020 691 Stunden – und damit ganze 100 Stunden weniger als im Durch­schnitt der betrachteten Staaten. Lehrerinnen und Lehrer an weiter­führenden Schulen unterrichteten in der Sekundarstufe I durch­schnittlich 641 Stunden (OECD-Schnitt: 723 Stunden).

Schulen lange beeinträchtigt

Ein besonderes Augenmerk richtet die Analyse in diesem Jahr auf den Umgang der OECD-Mitglieder mit der Corona­pandemie. Seit März 2020 mussten 37 OECD-Staaten ihre Schulen für kurze oder längere Zeit­räume komplett schließen. Die Zahl der ausgefallenen Schul­tage variiert aller­dings erheblich. In Deutschland blieben die Grund­schulen an insgesamt 64 Tagen voll­ständig geschlossen, die weiter­führenden Schulen in der Sekundar­stufe I an 85 Tagen – beide Zahlen liegen im Durch­schnitts­bereich der OECD-Staaten.

Allerdings blieb der Schulbetrieb in Deutschland deutlich länger beeinträchtigt als in den meisten anderen Staaten in der Auswertung. Zwischen März 2020 und Mai 2021 öffneten die Bildungs­einrichtungen hierzulande an weiteren 103 Tagen nur teilweise, etwa für Wechsel- oder Hybrid­unterricht – und damit fast doppelt so häufig wie im Durchschnitt der betrachteten Länder (57 Tage).

„Allerdings führt weniger Lernzeit nicht automatisch zu schlechteren Ergebnissen“, sagte Andreas Schleicher, Leiter des Direktorats Bildung bei der OECD in einer Online-Presse­konferenz. „Gute Lern­ergebnisse sind immer ein Produkt von Quantität und Qualität.“ Deshalb solle man die Schließ­zeiten nicht über­bewerten.

Zusätzlich analysierten die Forscherinnen und Forscher, welche Maßnahmen die Länder ergriffen, um Schülerinnen und Schüler zu unter­stützen, die von den Folgen der Pandemie besonders betroffen sein könnten. 22 der 36 betrachteten Staaten, auch Deutschland, investierten etwa in die technische Ausstattung und stellten Kindern und Jugendlichen digitale Geräte zur Verfügung. Außerdem bemühten sich 29 Länder, benachteiligten und gefährdeten Kindern eine frühere Rückkehr in die Klassen­zimmer zu ermöglichen.

„Die Coronapandemie hat den Bildungsbereich vor große Heraus­forderungen gestellt, aber auch deutlich vor Augen geführt, wo wir in Zukunft besser werden müssen“, kommentierte Hessens Kultus­minister Alexander Lorz (CDU). Mit der finanziellen Unter­stützung aus dem Digital­pakt und den eigenständigen Programmen der Länder sei ein großer Schub ausgelöst worden.

Frauen verdienen weniger

In ihrem Bericht warnen die Autorinnen und Autoren vor den wirtschaftlichen Folgen der Corona­pandemie für junge Menschen – auch wenn Deutschland hier etwas besser dasteht als der Durchschnitt der OECD-Staaten. Als besonders gefährdet gelten Jugendliche und junge Erwachsene mit niedrigem oder ohne Bildungsabschluss. Schon 2020 lag die Arbeits­losen­quote der 25- bis 34-Jährigen, die höchstens die Realschule abgeschlossen haben, hierzulande bei 12,1 Prozent.

„Unser Bildungssystem schneidet im internationalen Vergleich in vielen Bereichen sehr gut ab – zum Beispiel beim Übergang in das Berufsleben“, sagte Bundes­bildungs­ministerin Anja Karliczek (CDU). „In kaum einem anderen Land finden so viele junge Menschen sofort nach ihrer Ausbildung einen Job wie in Deutschland. Dennoch sind wir in puncto Chancen­gerechtigkeit noch nicht am Ziel.“

Weitere zentrale Ergebnisse der Studie im Überblick:

  • Deutschland gibt anteilig weniger Geld für seine Bildungseinrichtungen aus als der Durchschnitt der OECD-Staaten. Im Jahr 2018 – neuere Vergleichsdaten lagen nicht vor – investierte die Bundesrepublik 4,3 Prozent ihres Brutto­inlands­produktes in Kitas, Schulen und Hochschulen. Im OECD-Mittel waren es 4,9 Prozent.
  • Weibliche Lehrkräfte sind an allen deutschen Schulformen über­repräsentiert, an Grundschulen liegt ihr Anteil mit 87 Prozent am höchsten. Im sogenannten „tertiären Bildungsbereich“, an Hochschulen und in der beruflichen Bildung, kehrt sich das Bild um. Hier sind nur noch 39 Prozent der Lehrpersonen weiblich.
  • In fast allen OECD-Ländern bekommen Frauen ein geringeres Gehalt als Männer mit vergleichbarem Bildungsstand. In Deutschland ist diese Lücke im internationalen Vergleich besonders groß. Eine Frau mit Berufs­ausbildung oder Hoch­schul­abschluss erzielt im Schnitt nur 70 Prozent des Einkommens eines Mannes.
  • Generell ist in den OECD-Ländern ein Zusammenhang zwischen Migrations­hinter­grund und schwächeren PISA-Leistungen zu beobachten. In Deutschland sind die Leistungs­unterschiede zwischen Kindern mit und ohne Zuwanderungs­geschichte über­durch­schnittlich groß.
  • Studiengebühren für öffentliche Hochschulen sind in Deutschland im Vergleich zu den anderen OECD-Staaten besonders niedrig. Im Jahr 2018 zahlten Studierende im Durchschnitt 148 US-Dollar pro Jahr für eine Bachelor-, Master- oder Promotions­ausbildung.