Dieser Artikel erschien am 01.09.2018 in der taz
Autorin: Kaija Kutter

Hausaufgaben : „Sie wollen nicht, dass ihr Kind sich blamiert“

Hausaufgaben sollen selbstständiges Lernen fördern. Doch für Kinder ängstlicher Helikopter-Eltern sind sie ein Risiko, ebenso für Kinder aus bildungs­fernen Familien, warnt der Erziehungs­wissen­schaftler Hans Brüggelmann.

Ein Kind löst Matheaufgaben mit Fingern
Sind Hausaufgaben sinnvoll? Ja und Nein.
©dpa

taz: Herr Brügelmann, Hamburgs Schul­senator Ties Rabe fordert mehr Haus­auf­gaben. Machen Haus­auf­gaben Sinn? Was sagt die Forschung?
Hans Brügelmann: Das ist differenziert zu sehen. Die Studien, die es gibt, beziehen sich auf verschiedene Länder, verschiedene Schul­stufen mit einem unter­schiedlichen Selbst­ständig­keits­grad der Schüler und unter­schiedliche Fächer. Mal geht es um Vokabeln lernen, dann um das Schreiben von Auf­sätzen. Deshalb kann man nicht generell sagen: Haus­auf­gaben sind gut oder schlecht.

Aber sagt nicht die Meta-Studie des Australiers John Hattie: Es profitierten eher ältere, leistungs­starke Schüler als Grund­schüler und leistungs­schwächere Schüler?
Stimmt, aber auch innerhalb dieser Gruppen gibt es wieder sehr große Unter­schiede.

Können Haus­auf­gaben Schülern auch schaden?
Es gibt zwei Risikolagen. Das eine Kind kommt nach Hause, wo der Haushalt chaotisch ist, und es keinen Platz hat, um sich in Ruhe um die Haus­auf­gaben zu kümmern, und wo es keine Hilfe bekommt. Für diese eher vernachlässigten Kinder sind Haus­auf­gaben eine Falle, weil sie sie nicht erledigen können.

Das andere Risiko?
Das sind die sogenannten Helikopter-Eltern. Ihr Kind kann über Hausaufgaben nicht lernen, selbst­ständig zu arbeiten. Denn Mama oder Papa erledigen das für sie oder kontrollieren so stark, dass das Kind eine Abwehr entwickelt. Auch ihnen hilft die Haus­auf­gabe nicht. Was der Schul­senator erreichen will, dass die Kinder lernen, selbst­ständig zu lernen, können Haus­auf­gaben für diese beiden Gruppen nicht leisten.

Erklären Sie noch mal genauer, worin besteht das Risiko?
Wir müssen schauen, wozu brauchen wir Hausaufgaben? Zum einen geht es um das Üben, etwa das Einmaleins oder Recht­schreibung im Grund­wort­schatz. Dafür reicht die Zeit in der Halb­tags­schule nicht. Darum gibt sie auf, dies nach­mittags zu Hause zu machen. Die zweite Haus­auf­gaben­funktion ist, dass ein Kind lernt, ohne Fremd­antrieb auf ein Ziel hin zu lernen, eben selbst­ständig zu arbeiten. Dann haben aber manche Eltern die Sorge, ihr Kind blamiert sich und bekomme schlechte Noten, deshalb helfen sie mit.

Wo liegt die Grenze zwischen Helikopter-Haltung und guter Förderung?
Eltern sollten den Kindern schon für Fragen bereit stehen, aber es zunächst ermuntern, selbst den nächsten Schritt zu machen. Wenn ein Kind etwas nicht verstanden hat, sollten Eltern ihr Kind ermutigen, dies dem Lehrer zu sagen. Für Lehrer sind Haus­auf­gaben ein Spiegel, um zu sehen, ob die Kinder verstanden haben, was sie im Unter­richt vermittelt haben. Wenn Eltern helfen, bekommt der Lehrer ein falsches Bild.

Sie haben Angst davor, dass ihr Kind die Schule nicht schafft.
Eltern denken kurzfristig richtig. Sie wollen nicht, dass ihr Kind sich blamiert. Aber beide Seiten sollten ehrlich mit­einander umgehen. Wenn ein Kind sich nicht traut, diese Rück­meldung zu geben, könnten Eltern auch dem Lehrer einen Brief mitgeben, in dem sie erklären, ihr Kind konnte die Haus­auf­gaben nicht machen, weil es die Sache nicht verstanden hat. Haus­auf­gaben können als Brücke hilf­reich sein. Auch die Eltern bekommen so mit, was in der Schule läuft. Für manche Lehrer sind Haus­auf­gaben auch eine Möglich­keit, Kinder stärker an der gemeinsamen Arbeit zu beteiligen: „Guck mal, ob ihr zu dem Thema selbst etwas findet.“ Wichtig ist generell, dass die Aufgabe aus dem Unter­richt heraus erwächst. Wenn Aufgaben nur so hinten dran­geklebt werden, bringen sie nichts.

Gibt es nicht auch gute Gründe für Eltern, ein positives Bild zu zeigen und die Blamage zu vermeiden? Schließlich droht am Gymnasium nach Klasse 6 die Abschulung auf die Stadt­teil­schule.
Das ist nachvollziehbar. Aber was gewinnt ein Kind, das Schwierig­keiten hat, und später nicht mitkommt, wenn die Eltern es nur irgend­wie auf der höheren Schule halten? Dann spricht doch mehr dafür, dass es zur Stadt­teil­schule wechselt, wo es mit den Aufgaben selbst­ständig klar kommt.

Ist diese Struktur nicht eine Falle für Eltern?
Ja, entweder es gibt das begehrte Papier am Ende, aber dafür leidet das Kind über Jahre hinweg. Oder das Kind hat eine gute Schul­zeit und am Ende ein Zertifikat, dass auf dem Arbeits­markt einen geringeren Wert hat. Wobei die Stadt­teil­schule ja ein Bau­kasten-System bietet, in dem es auch möglich ist, einen höheren Abschluss zu machen.

Fördern Hausaufgaben soziale Ungerechtigkeit?
Ja. Eltern, die selbst Abitur haben, können ihren Kindern meist besser helfen als Eltern mit Haupt­schul­ab­schluss. Die einen haben Bücher und einen ruhigen Schreib­tisch zu Hause, die anderen nicht.

Wurde deshalb nicht die Ganztags­schule eingeführt? Und sollte die nicht die Haus­aufgaben über­flüssig machen?
Sie haben recht. Eine der Kernideen der Ganz­tags­schule ist, allen Kindern den gleichen Raum zum Lernen zu schaffen. Die Realität sieht anders aus, denn es gibt zwei Formen der Ganz­tags­schule. Die eine ist bloß eine verlängerte Halb­tags­schule. Da lernen die Kinder auch nach­mittags nicht, selbst­ständig zu arbeiten. Oder es ist eine halbe Ganz­tags­schule, in der der Nach­mittag mit dem Vormittag nichts zu tun hat. Die Kinder haben eine Haus­auf­gaben­zeit, während der sie aber keine qualifizierte Hilfe bekommen.

Wie müsste Ganztags­schule ohne Haus­auf­gaben gestaltet sein?
Das selbstorganisierte Lernen muss den Schul­alltag insgesamt bestimmen. Im Unterricht müssten stärker Phasen von Frei­arbeit enthalten sein. Die Schulen sind oft reine Belehrungs­anstalten, da lernt man nicht, selbst­ständig zu arbeiten. Ich wünsche mir eine andere Didaktik. Dass die Kinder täglich zwei Stunden für Frei­arbeit haben und sich mit Hilfe eines Wochen­plans entscheiden: Mache ich erst mal die schwierige Mathe-Aufgabe oder fange ich mit einer Recht­schreib­übung ab. Wir brauchen andere Formen des Unter­richts wie zum Beispiel in der Max-Brauer-Schule hier in Hamburg. Da lernen die Schüler tagtäglich, sich selbst zu organisieren.

Müsste es nicht heißen, nach 16 Uhr ist richtig schul­frei, keine Haus­auf­gaben!
Ja. Wenn wir uns überlegen, dass Kinder sonst einen längeren Arbeits­tag haben als erwachsene Arbeit­nehmer, müsste es so sein. Wobei bestimmte Erkundungs­auf­gaben wie zum Beispiel „Inter­view mal deine Nachbarn zu dem und dem“ noch möglich sein müssten.

Leider gibt es keine Kinder­gewerk­schaft.
Stimmt. Ich höre von Halbtags­schulen, wo die Kinder nach der Schule noch zwei bis drei Stunden an Aufgaben arbeiten, und von Ganz­tags­schulen, wo es immer noch ein bis zwei Stunden sind. Wenn Hamburgs Schul­senator sagt, es sollten täglich für Grund­schüler nur 20 Minuten und für ältere 30 Minuten sein, ist das eher ein Haus­auf­gaben-Sparprogramm. Wobei aber das eine Kind für eine Aufgabe vielleicht nur fünf Minuten braucht und ein anderes 40 Minuten, also die achtfache Zeit.

Tatsächlich?
Ja, es kommt wie immer auf das einzelne Kind an. Das ist das Dilemma von Politik. Gleiche Zeiten sind nur sinn­voll, wenn die Kinder unter­schiedliche Aufgaben bekommen. Oder es mehr Zeit in der Schule gibt. Dafür müssten wir aber anständig aus­gestattete Ganz­tags­schulen schaffen.

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