Dieser Artikel erschien am 28.05.2020 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Bernd Kramer und Paul Munzinger

Schulunterricht : Setzen, keine Sechs

Weniger Noten, weniger Klassenarbeiten, Schülerhilfe per Chat: Die Friedrich-Ebert-Stiftung macht Vorschläge, wie das kommende Schuljahr aussehen sollte. Manche Länder aber haben es längst eiliger mit der Rückkehr zur Normalität.

Lernen auf Abstand: Schüler in der Notbetreuung einer Grundschule im brandenburgischen Eisenhüttenstadt.
©Patrick-Pleul/dpa

Über Wochen geschlossene Schulen, Fernunterricht, Homeschooling – 2019/20 wird als Corona-Schuljahr in die Bildungsgeschichte eingehen, das steht fest. Was noch unklar ist: als erstes Corona-Schuljahr? Oder als einziges? Je näher die Sommerferien rücken – in den ersten Bundesländern starten sie Ende Juni -, desto drängender stellt sich die Frage, wie es danach weitergeht. Und welche Lehren aus den letzten Monaten zu ziehen sind.

Einen ersten Vorschlag macht nun die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung. „Die Planungen des neuen Schuljahres sollten nicht von einer Wiederkehr des gewohnten ,schulischen Regelbetriebs’ ausgehen”, mahnt die Stiftung in einem Papier, das an diesem Donnerstag vorgestellt wird und der Süddeutschen Zeitung vorab vorliegt. Die Schulen sollen sich auch für die Zeit nach den Ferien auf Fernunterricht einstellen. Dabei sollen den Schülern, die keine eigenen Laptops oder Tablets haben, zu Beginn des Schuljahres Leihgeräte zur Verfügung gestellt werden, Fernlernzeiten sollen verbindlicher geregelt werden, in Chat-Angeboten sollen die Kinder und Jugendlichen zudem psychologische Unterstützung bekommen und über Lernprobleme in den eigenen vier Wänden reden können. Erarbeitet hat die Vorschläge für die Stiftung eine 22-köpfige Kommission aus Bildungsexperten, Medizinerinnen, Juristen, Schüler- und Elternvertretern. Ihr vielleicht weitestreichender Vorschlag ist aber dieser: Das kommende Schuljahr soll auch eines mit weniger Noten sein.

Viele hoffen, dass die Kinder im Herbst wieder im Klassenzimmer sitzen. Andere warnen davor

Klassenarbeiten ließen sich nicht im Umfang wie bisher schreiben, die Mitarbeit schwer beurteilen, wenn ein großer Teil des Unterrichts zu Hause stattfindet. Es müsse daher über „andere Formen der Leistungsbewertung” nachgedacht werden, heißt es in dem Papier. Statt einer Eins oder Sechs solle es verstärkt individuelles Feedback geben. „Wir fordern nicht die grundsätzliche Abschaffung der Ziffernnoten für alle Zeiten”, sagt der Bildungsforscher Kai Maaz, der die Kommission leitete, „aber in der aktuellen Situation können sie noch viel mehr als bisher diejenigen bevorteilen, die zu Hause gute Rahmenbedingungen haben, und benachteiligt die, eher unter schwierigen Bedingungen lernen müssen.” An den Noten hängen auch andere Fragen: Muss ein Schüler eine Klasse wiederholen? Auf welche weiterführende Schule kann ein Kind wechseln? Das Autorenteam um Maaz plädiert dafür, dass die Länder auf das Sitzenbleiben verzichten und den Übertritt nach der Grundschule nicht von den Zensuren abhängig machen. Teils geschieht das schon.

Auch die Kultusministerkonferenz (KMK) hat ihren Schulausschuss beauftragt, bis Mitte Juni Vorschläge zu erarbeiten. Im Vordergrund, hört man aus den Ländern, sollen dabei ebenfalls zwei Fragen stehen: Wie lassen sich Prüfungen und Lehrpläne künftig flexibler gestalten, um kurzfristiger reagieren zu können? Und wie gelingt es, den Fernunterricht rechtlich zu einem echten Bestandteil des Schulgeschehens zu machen? Bislang gilt alles, was Kinder und Jugendliche zu Hause lernen, in den meisten Ländern als freiwillige Übung, die weder benotet noch geprüft werden kann.

Statt eines großen Wurfs dürfte es auf den kleinsten gemeinsamen Nenner hinauslaufen. Denn von der Einmütigkeit, um die sich die Länder zu Beginn der Corona-Krise so erkennbar bemühten, ist auch in der Schulpolitik wenig geblieben. Während Länder wie Bayern auf die Bremse treten, preschen andere voran – vor allem Sachsen. Seit einer Woche haben dort die Grundschulen wieder für alle Schüler geöffnet, die Klassen werden voneinander getrennt, Abstandsregeln gelten nicht. Die Argumentation, die auch außerhalb Sachsens immer mehr Anhänger findet: Kinder trügen das Coronavirus kaum weiter – und die Alternative wäre, ihnen die Schule auf unbestimmte Zeit vorzuenthalten.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) will das Modell nach den Sommerferien auf alle Schulen übertragen. Auch in anderen Bundesländern wie Thüringen oder Hamburg kann man gerade der Zuversicht beim Wachsen zusehen, dass das nächste Schuljahr deutlich normaler ablaufen kann, als noch vor wenigen Monaten befürchtet. Dass also womöglich weder Schichtmodelle noch Fernunterricht nötig sein werden, sondern alle Kinder wieder jeden Tag im Klassenzimmer lernen. Auch Nordrhein-Westfalen verweist darauf, dass sich an 6000 Schulen nur fünf Lehrkräfte infiziert hätten.

Es bahne sich ein „Paradigmenwechsel” an, sagt Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Die Akzeptanz in der Bevölkerung für behutsames Vorgehen sei „total gesunken”, eine „bestimmte Anti-Lehrer-Stimmung” mache sich breit. Die Entwicklung bereite ihm Sorgen, sagt Meidinger. Die aktuellen Maßnahmen für den Schutz der Lehrkräfte seien zum Beispiel im sächsischen Modell bei Weitem nicht ausreichend. Sollte es dennoch Schule machen, fordert Meidinger ein neues Hygienekonzept der Länder.

Der Bildungsforscher Maaz warnt davor, sich nur auf das Szenario einer Schulöffnung nach sächsischem Vorbild einzustellen. Mindestens regional könnte es immer wieder zu Schulschließungen kommen. Und die Wissenskluft, die sich jetzt zwischen den Kindern und Jugendlichen in den Phasen des Homeschoolings aufgetan hat, werde das Schuljahr prägen, selbst wenn sie wieder alle zurück in die Klassen dürften. „Wir sollten nicht vorschnell gedanklich zum Normalbetrieb übergehen.”