Ländervergleich : Quereinstieg: Große Länder­unterschiede

Bis 2030 werden laut Prognosen die Schulen in Deutschland mit einem Mangel an ausgebildeten Lehrkräften konfrontiert sein. Viele Bundes­länder greifen bereits heute auf Bewerberinnen und Bewerber aus dem Quer- beziehungs­weise Seiten­einstieg zurück, um die Unterrichts­versorgung sicher­zu­stellen. Doch die Unter­schiede sind groß. Während in einigen Bundes­ländern fast jede zweite neueingestellte Lehr­kraft nicht voll ausgebildet ist, können andere Bundes­länder ihren Bedarf voll­ständig mit qualifizierten Fach­kräften decken. Eine Unter­suchung der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt, wie hoch der Anteil von Quer- und Seiten­einstieg bei den Neueinstellungen in den einzelnen Bundes­ländern im Schuljahr 2017/18 war. Die Unter­suchung gibt auch einen Blick darauf, wie sich der Bedarf an Lehr­kräften entwickelt.

Fabian Schindler / 12. Juni 2019
Quereinstieg an Schulen
Mit Seiten- und Quereinsteigern versuchen viele Länder, den Mangel an Fachpersonal zu kompensieren. Gerade im ländlichen Raum fällt es schwer, Lehrkräfte für Schulen anzuwerben, damit Unterricht stattfinden kann.
©dpa

Der durchschnittliche Anteil der Quer­einsteigerinnen und Quer­einsteiger unter den neu eingestellten Lehr­kräften lag im Schul­jahr 2017/18 bei 12 Prozent. Das ist das Ergebnis, das der Bildungs­forscher Klaus Klemm in seiner Unter­suchung für das „Netzwerk Bildung“ ermittelt hat. Die von der Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlichte Studie zeigt dabei ein sehr uneinheitliches Bild in den Ländern.

Demnach wurden im Jahr 2017/18 bundesweit 34.281 Lehr­kräfte eingestellt, davon kamen 4.367 über den Seiten- oder Quer­ein­stieg an Schulen. Das ergibt eine durch­schnittliche Quote von 12,7 Prozent. Die Unter­schiede in den einzelnen Bundes­ländern waren jedoch extrem groß.

In Sachsen war die Quote des Quereinstiegs mit 46,6 Prozent aller Neu­einstellungen am höchsten, gefolgt von Berlin mit einem Anteil von 41,5 Prozent. Bayern, Saarland und Hessen hingegen mussten nicht eine einzige Stelle über den Quereinstieg besetzen.

Die absolut gesehen geringste Anzahl an Neueinstellungen gab es im Saarland. Dort wurden 357 neue Lehr­kräfte eingestellt, darunter keine Lehrkräfte aus dem Seiten­einstieg. Die größte Zahl an Neueinstellungen für das Lehramt gab es in Nordrhein-Westfalen. In dem bevölkerungs­reichsten Bundes­land wurden 7.652 Fach­kräfte eingestellt, der Anteil der Seiten­ein­steiger­innen und Seiten­einsteiger belief sich auf 789. Das entspricht einer Quote von 10,3 Prozent.

Infografik Seiteneinstieg
Zwischen den einzelnen Bundesländern gab es im Jahr 2017/18 deutliche Diskrepanzen bei der Neueinstellung von Seiten- und Quereinsteigern an Schulen. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung.
©Lisa Natrup

Pensionierungswelle hat Berlin stark getroffen

Diese Zahlen gewinnen zusätzliches Gewicht, wenn die Pro-Kopf-Relation der eingestellten Lehr­kräfte in den jeweiligen Ländern mit der Anzahl der Einwohner verglichen wird: In Niedersachsen beispiels­weise, wo fast acht Millionen Menschen leben, wurden im unter­suchten Zeitraum 3.501 Lehrkräfte eingestellt, davon 586 Seiten­einsteiger. Das ergibt eine Quote von 16,7 Prozent.

In Berlin (Pro-Kopf-Faktor 1,18) mussten fast genauso viele Lehrer­stellen an Schulen neu besetzt werden wie in Niedersachsen (Faktor 2,27), obwohl hier nicht einmal halb so viele Menschen leben. Aufgrund wachsender Kinder­zahlen und einer Pensionierungs­welle ist in Berlin eine riesige Personal­lücke entstanden. Insgesamt wurden in der Hauptstadt mit ihren 3,6 Millionen Einwohnern alleine 2017/18 insgesamt 3.047 Lehrkräfte eingestellt. Davon waren 41,5 Prozent Quer­einsteiger­innen und Quer­einsteiger. Die Hansestadt Hamburg (Faktor 1,8) hingegen mit 1,8 Millionen Einwohnern hat nur 951 Lehrkräfte eingestellt, also pro-Kopf gerechnet etwa ein Drittel weniger Lehrkräfte als Berlin. Und in Hamburg waren nur 2,9 Prozent (28 Personen) Seiten­einsteiger oder Seiten­einsteigerinnen.

Diese Zahlen zeigen, dass die beiden Millionen­städte Berlin und Hamburg 2017/18 pro Einwohner gerechnet mehr Lehrkräfte neu eingestellt haben als etwa Niedersachsen. Berlin hat aber zur Deckung des Lehrkräftebedarfs sehr viel stärker auf den Seiten­einstieg setzen müssen als Hamburg. Es stellt sich die Frage, warum das so ist. Hat Hamburg besser geplant oder spielen andere Faktoren eine Rolle?

Eine einfache Antwort für die Unterschiedlichen Zahlen gibt es vermutlich nicht, stattdessen spielen wohl diverse Aspekte eine Rolle. Einen Einfluss könnten unterschiedliche Gehälter in den Ländern oder auch eine unterschiedliche Attraktivität der Standorte haben, im Falle Berlins etwa auch, dass das Land als einziges nicht mehr verbeamtet. Das bedeutet für die Lehr­kräfte einen erheblichen Nach­teil in der Gehalts­höhe und der Alters­versorgung gegen­über allen anderen Ländern. Eine Rolle spielt möglicher­weise auch, ob die Zahl der angebotenen Studienplätze in der Lehramts­ausbildung in den Ländern im gleichen Tempo gewachsen ist wie der Bedarf.

Bedarfs­lücke kann weiterhin nicht geschlossen werden

Klemm betont, dass viele Bundesländer auch in den kommenden Jahren ihren Bedarf an Lehrkräften nicht durch die ausgebildeten Lehrkräfte decken können. Für den Zeit­raum 2018 bis 2030 rechnet die Kultus­ministerkonferenz KMK mit einem durch­schnittlichen jährlichen Einstellungs­bedarf von knapp 31.900 Lehrerinnen und Lehrern. Dem stehe ein jährliches Angebot von 31.200 Absolventinnen und Absolventen des Vorbereitungs­dienstes gegen­über. Dabei nimmt der Mangel im Laufe der Jahre ab. Die Lücke im kommenden Schul­jahr wird erneut groß sein.

In ihren momentanen Prognosen für das Schuljahr 2020/21 geht die KMK davon aus, dass bundesweit alleine für die Primarstufe 2.150 qualifizierte Lehrkräfte fehlen werden; im stufenübergreifenden Lehramt Primarstufe/Sekundarstufe I sind es 900 qualifizierte Lehr­kräfte. Bei der Sekundarstufe I gibt es voraus­sichtlich ein Manko von 2.320 Fachkräften, bei den Förder­schulen 940 und in der Sekundarstufe II (Berufsbildende Schulen) weitere 370. Lediglich im Bereich der Sekundarstufe II (Allgemein­bildende Schulen) wird ein Überschuss erwartet. Er wird etwa bei 3.250 Lehrkräften liegen. Diese Zahlen sind aber nicht final, denn für Sachsen liegen keine Prognose­werte vor.

Klemm beurteilt die Prognose der KMK sogar als zu optimistisch, denn die von ihr im selben Zuge voraus­gesagten jährlichen Steigerungen der Absolventen­zahlen für die verschiedenen Lehr­amts­befähigungen seien nicht durch aktuelle Zahlen gedeckt. Im Gegen­teil: Die Zahl derer, die die erste Lehramts­prüfung zuletzt bestanden hätten, liege für bestimmte Lehramts­befähigungen signifikant unter der prognostizierten Zahl an neu ausgebildeten Lehrkräften.

Bisheriges Engagement der Länder reicht nicht aus

Zudem seien bei den jahresbezogenen Bilanzzahlen der KMK die unbesetzten Lehrerstellen der vorherigen Jahre nicht berücksichtigt. Als Beispiel führt Klemm die berufs­bildenden Schulen an. Für diese sei für 2020/21 ein Fehl von 370 Fachkräften berechnet, was auf den ersten Blick nicht alarmierend erscheint. Doch bereits 2018 habe eine Bedarfs­lücke von 1.620 Lehrkräften in diesem Bereich bestanden – für 2019 seien weitere 760 offene Stellen prognostiziert. Unter Berücksichtigung der zwischen­zeitlich besetzten Stellen bestehe alleine in dem begrenzten Zeitraum von 2018 bis 2020/21 eine kumulierte Lücke von 2.750 fehlenden Lehr­kräften nur für diesen Lehr­amts­bereich. In anderen Lehr­amts­bereichen gebe es vermutlich nochmals deutlich höhere Werte.

Immerhin: Alle Bundesländer, so Klemm, zeigten sich zumindest engagiert, um den Heraus­forderungen zu begegnen. „Alle Länder haben Opportunitäten für Personen geschaffen, die kein Lehramts­studium absolviert haben sowie für solche, die zwar ein Lehramts­studium abgeschlossen haben, für das aber keine Nachfrage besteht – beziehungs­weise für das studierte Fach“, heißt es in dem Abschluss der Unter­suchung.