Offener Brief : Bildungsexperten fordern Umdenken der KMK

In einem offenen Brief an die Kultusministerkonferenz fordern 42 namhafte Bildungsexpertinnen und Bildungsexperten, Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Verhältnissen bei der Schulöffnung vorrangig zu berücksichtigen. In dem Brief appellieren sie an die zuständigen Ministerinnen und Minister: „Finden Sie eine Lösung.“

Annette Kuhn / 20. April 2020 / 1 Kommentar
Kind am Fenster vor Plattenbau
Bildungsexperten fordern in einem offenen Brief, dass vor der offiziellen Schulöffnung vor allem Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen gefördert werden sollen.
©Getty Images

In einem offenen Brief haben sich 42 namhafte Bildungsexpertinnen und Bildungsexperten am Montag an die Kultusministerkonferenz gewandt. Sie fordern, bei der Schulöffnung vorrangig den Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Lebensverhältnissen den Schulbesuch zu ermöglichen. Denn gerade auf sie wirke sich die Corona-Krise besonders schwerwiegend aus. Es bestehe die Gefahr, dass sie weiter abgehängt werden. „Deshalb appellieren wir an Sie als verantwortliche Ministerinnen und Minister: Finden Sie eine Lösung, mit der diese Kinder und Jugendlichen bei einer schrittweisen Öffnung der Schulen bevorzugt berücksichtigt werden“, heißt es in dem Brief.

Auf einen Blick

Hier finden Sie den offenen Brief an die Kultusministerkonferenz im Wortlaut:

Wenn nicht alle Schülerinnen und Schüler gleichzeitig in die Schulen zurückkehren könnten, „sollte eine Chance vor allem denjenigen gegeben werden, die Unterstützung besonders dringend nötig haben“, ist weiter zu lesen. Gerade auf viele Kinder aus benachteiligten Familien hätten sich die Schulschließungen negativ ausgewirkt: „Es fehlen vielfach nicht nur die erforderlichen digitalen Geräte und der Internetzugang. Vor allem sind die Möglichkeiten der familiären Unterstützung eingeschränkt, denn nicht alle Eltern beherrschen das in Schule geforderte Deutsch und sind vertraut mit den Bildungsinhalten.“ Daher müsse hier dringend gegengesteuert werden.

Der offene Brief, der am Montagnachmittag an die Kultusministerkonferenz ging, enthält 42 Unterschriften, darunter auch Namen wie Anne Sliwka, Olaf Köller, Isabell van Ackeren, Anand Pant, Silvia-Iris Beutel, Olaf Köller und Eckhard Klieme.

Förderprogramm sollte freiwillig sein

Die Idee zum offenen Brief an die Kultusministerkonferenz entwickelte sich in der vergangenen Woche im Rahmen einer Online-Konferenz des Entwicklungsnetzwerks zur Unterstützung von Schule in kritischer Lage, das die Robert Bosch Stiftung unterstützt. Siegfried Arnz und Cornelia von Ilsemann, die beide dem Netzwerk angehören, haben den Brief danach aufgesetzt und viele namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Bildungsexpertinnen und -experten sowie engagierte Schulleitungen aus dem Preisträgernetzwerk des Deutschen Schulpreises als Mitunterzeichner gewonnen.

Siegfried Arnz, der früher selbst eine Hauptschule geleitet hat und danach bis zu seiner Pensionierung bei Abteilungsleiter bei der Berliner Bildungsverwaltung war, sagte dazu dem Schulportal: „Ziel ist es, dass die Kultusminister nicht nur über Bildungsbenachteiligung sprechen, sondern in dieser Situation auch etwas dagegen unternehmen“. Zumindest möchten er und die anderen Unterzeichner des Briefes dazu einen Anstoß geben.

Auch Lehrkräfte fürchten wachsende Bildungsungleichheit nach der Schulöffnung

In dem Brief werden auch Hinweise zur konkreten Umsetzung genannt. Die Auswahl der Schülerinnen und Schüler sollten demnach die Lehrkräfte vornehmen, denn „sie wissen am besten, wen sie in den letzten Wochen mit ihren Angeboten nicht erreicht haben“. Wenn in einer Schule sehr viele Kinder und Jugendliche betroffen seien, wären zeitlich versetzter Unterricht oder Unterricht an außerschulischen Lernorten denkbar. Entscheidend sei die Freiwilligkeit der Teilnahme an einem solchen Programm. Doch Arnz ist überzeugt, dass diese Bereitschaft hoch sei.

Die Gefahr, dass die Schulschließungen Bildungsungleichheit vergrößern, sehen auch viele Lehrkräfte. So geht aus dem Deutschen Schulbarometer Spezial Corona-Krise – einer Forsa-Umfrage unter Lehrerinnen und Lehrern im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT – hervor, dass  86 Prozent  Lehrkräfte befürchten, dass sich die soziale Ungleichheit durch die Schulschließungen weiter verstärkt.

Mehr zum Thema

Der offene Brief ist nicht der einzige Appell an die Bildungspolitik zum Thema Schulöffnung. Vielerorts gibt es Kritik daran, dass den Prüfungen Priorität eingeräumt wird, statt dafür Sorge zu tragen, dass Kinder und Jugendliche gestärkt aus dieser Krise hervorgehen.

  • Eine am Donnerstag auf der Plattform change.org veröffentlichte Petition drängt darauf, den Weg der Wiederöffnung der Schulen zu überdenken. Unter dem Titel „Güterabwägung in der Krise“ stellen Anke Langner von der Technischen Universität Dresden, Martin Heinrich von der Universität Bielefeld und Hans Brügelmann von der Universität Siegen, infrage, ob die gewohnten Formen schulischen Unterrichts der richtige Weg sei, um Kinder in dieser Situation psychisch und sozial zu entlasten.
  • Sie beabsichtigen außerdem, mit der Petition, eine Debatte um die Schulöffnung anzustoßen, bevor diese nun vor allem unter leistungsorientierten Prämissen vollzogen wird. Dazu heißt es in der Petition: „Leistungsdruck und Angst dürfen in den nächsten Monaten nicht den Unterricht und das Leben der Schülerinnen und Schüler bestimmen, nur um die herkömmlichen Übergänge im Bildungssystem in herkömmlicher Form zu sichern.”
  • Bis Montagabend hatte die Petition mehr als 2100 Unterschriften.