Dieser Artikel erschien am 12.08.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Sebastian Balzter

Wenig Bewerber : Schulleiter dringend gesucht

Back to School: In acht Bundes­ländern fängt die Schule wieder an – und Deutsch­land gehen die Rektoren aus. Am schlimmsten steht es um die Grund­schulen. Besserung ist nicht in Sicht. Welche Regionen sind besonders betroffen?

In vielen Schulen kehren diese Woche die Schüler aus den Ferien zurück – Schulleiter sind hingegen oft Mangelware.
In vielen Schulen kehren diese Woche die Schüler aus den Ferien zurück – Schulleiter sind hingegen oft Mangelware.
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Diese Woche geht es wieder los. In acht Bundes­ländern fängt nach den Sommer­ferien die Schule an, mehrere hundert­tausend Sechs­jährige werden eingeschult, und Zehn­tausende Fünft­klässler schnuppern zum ersten Mal die Luft der weiter­führenden Schule. Ein neuer Lebens­abschnitt für die Kinder, ein wichtiger Termin für die Schulen: die perfekte Gelegen­heit, um ein Wir-Gefühl zu schaffen, um die eigenen Ziele und Ansprüche zu formulieren, um zu Beginn des neuen Schul­jahrs Lehrer, Eltern und Schüler gleicher­maßen zu motivieren. Kurzum: Es ist, quer durch die Republik, der große Tag der Schul­leiter.

Dumm nur, dass viele Schulen in Deutschland zurzeit überhaupt keinen Schul­leiter haben. Die Stellen sind vakant, zum Teil schon seit Jahren, weil es entweder über­haupt keine oder keine geeigneten Bewerber gibt. Besonders schlimm steht es um die Grund­schulen. Fast jede zehnte ist in manchen Bundes­ländern nach einer Umfrage der F.A.S. betroffen. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel, wo 250 von rund 2700 Grund­schul­leiter­stellen offen sind. In Sachsen-Anhalt sind es 44 von knapp 450. In Bayern, wo nur 30 Leitungs­stellen offiziell unbesetzt sind, leiten rund 500 Chefs von Grund- und Mittel­schulen nicht nur ihre eigene, sondern zugleich noch eine zweite oder dritte Schule; das kaschiert den Mangel, der auch dort herrscht.

Manchmal dauert die Vakanz nur ein paar Monate. Aber es mehren sich die Fälle, in denen Schulen deutlich länger ohne Leitung auskommen müssen. In Schüttorf zum Beispiel, tief im Westen von Niedersachsen gelegen, sucht die katholische Grund­schule seit Oktober 2011 einen neuen Chef. Fast dreißig Ausschreibungen blieben frucht­los; zwei Lehrerinnen teilen sich zurzeit kommissarisch die Aufgabe. In Amelgatzen, einem 450-Einwohner-Dörfchen südlich von Hameln, gibt sich der Bürger­meister dagegen erleichtert: „Wir hatten Glück, ein junger Lehrer wollte von einer ost­friesischen Insel zurück aufs Festland und suchte genau so eine kleine Schule wie unsere.“ Vorher war die Chef­stelle sieben Jahre lang nicht besetzt.

Ein echter Traumjob?

Wie konnte es so weit kommen? Warum wollen nur noch so wenige Lehrer Schul­direktor werden? Karriere­technisch ist der Posten für sie doch nach wie vor das Höchste der Gefühle. Auch das Ansehen in der Gesellschaft ist noch einiger­maßen intakt. Schaut man sich auf dem all­jährlichen Schul­leiter­kongress um, dann wirkt das Ideal­bild vom Direktor wie eine Kreuzung aus Super­held und Spitzen­manager. Dort treten Shaolin-Mönche auf, Geheim­dienst­profis, Unternehmens­berater und Kampf­sportler, um über Willens­kraft, 007-Techniken und über­menschliche Leistungen zu referieren. Das hört sich aufregend an, nach einem echten Traum­job, noch dazu mit der Sicherheit der Verbeamtung.

Fragt man indes Schulleiter und solche Lehrer, die für eine Beförderung in Frage kommen, dreht sich das Bild schnell. Die Aufgaben haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren vervielfältigt: Inklusion und Integration, Digitalisierung und Datenschutz, diese Stich­worte fallen in den Gesprächen immer wieder. Schul­leiter haben heute außerdem deutlich mehr Entscheidungs­freiheit als damals, weil die Schulen selbständiger werden sollen. Das ist der richtige Weg, um sie besser zu machen. Nur dass mit dieser inhaltlichen Aufwertung und der gestiegenen Verantwortung weder die Arbeits­bedingungen noch die Bezahlung der Schul­leiter Schritt gehalten haben. Dafür bekommen die Schul­behörden und Kultus­ministerien jetzt bei der Suche nach Führungs­kräften die Rechnung. Dass sie sich bei der Prognose der Schüler­zahlen und damit auch des Einstellungs­bedarfs vertan haben, erschwert die Sache zusätzlich.

Vielerorts fehlen jetzt schon Lehrer. Und an Schulen, die personell unter­versorgt sind, ist der Schul­leiter­posten erst recht unattraktiv. In dieser Hinsicht sind die Aussichten für die Zukunft düster. Bis 2025, so haben es die Kultus­minister berechnet, werden in Deutschland 15.000 Stellen für Grund­schul­lehrer frei, die mangels Absolventen nicht besetzt werden können. Wenn auf dem Land eine Arzt­praxis frei wird, dann schalten die Bürger­meister Annoncen und buhlen mit günstigen Bau­plätzen und anderen Vergünstigungen um Nach­folger. Wetten, dass es mit Schul­leitern bald genauso ist?

Das Problem betrifft nicht nur die Grundschulen. Auch an den weiter­führenden Schulen wird es schwieriger, Bewerber für Leitungs­positionen zu finden. „Früher waren sechs Bewerber für eine freie Stelle keine Selten­heit“, berichtet Ralph Hartung, der Leiter der Goethe­schule, eines Gymnasiums im hessischen Neu-Isenburg. „Heute kommen oft geradeso zwei Bewerber zusammen, und auch das manchmal erst nach der zweiten oder dritten Ausschreibung.“ Feste tägliche Büro­zeiten statt freier Einteilung der Arbeits­zeit, verkürzte Sommer­ferien, Termine an Abenden und Wochenenden, vermehrter bürokratischer Aufwand, Streitereien mit unzufriedenen Eltern: Hartung fallen viele Gründe ein, warum Ober­studien­räte nicht erpicht darauf sind, Schul­leiter zu werden.

6288 Euro Gehalt

Dabei ist die Lage an den Gymnasien noch vergleichs­weise ruhig. An den Grund­schulen dagegen spitzt sie sich zu. Insgesamt haben in Deutschland rund tausend Schulen keinen Chef, schätzt der Lehrer­verband. In drei von vier Fällen handelt es sich der F.A.S.-Umfrage bei den 16 Kultus­ministerien zufolge um Grund­schulen. Allein für sie melden die Länder zusammen 761 offene Stellen.

Kein Wunder, sagt Gudrun Vogele-Wolters. Sie leitet eine Grundschule in Hamburg und ist Vorsitzende des Allgemeinen Schul­leitungs­verbands Deutschland. Grund­schul­leiter müssten in der Regel mehr unterrichten als ihre Kollegen an den weiter­führenden Schulen, an kleineren Schulen gebe es häufig weder Stell­vertreter noch ein Sekretariat. Und das Gehalt liege in einigen Fällen nur ganz knapp über dem der Kollegen ohne Führungs­aufgabe. „Netto bleiben manchmal nur 50 Euro mehr im Monat“, sagt Vogele-Wolters. „Das ist zu wenig.“

Nun steckt die Lehrerbesoldung in Deutschland voller Tücken, die einen Vergleich schwer machen. Am Beispiel von Hessen lässt sich aber grob eine typische Rechnung aufstellen: Ein frisch beamteter Grund­schul­lehrer bekommt dort in Besoldungs­stufe A12 im Monat 3772 Euro brutto. Sein Chef, der Leiter einer kleinen Grund­schule, kommt mit A13 auf 4478 Euro. Ein junger Lehrer am Gymnasium verdient 4360 Euro, fast gleich viel. Davon setzt sich der Gymnasial­direktor, A16, mit 6288 Euro indes deutlich ab.

Bildungsökonomisch betrachtet, ist dieses Gefälle kaum zu begründen. Denn der positive Effekt von Bildungs­aus­gaben auf das spätere Erwerbs­leben der Schüler ist umso größer, je früher die Schüler in den Genuss dieser Investitionen kommen. Bildung zeugt Bildung, da sind sich die Fach­leute einig, weil in den ersten Schul­jahren die Grund­lage für alles weitere Lernen gelegt wird. „Eine gute Grund­lage führt dazu, dass der Lehrerfolg in späteren Bildungs­phasen höher ist“, fasst Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft die Erkenntnisse zusammen. „Nach­reparaturen sind deutlich teurer.“ Das heißt, gut ausgestattete Grund­schulen bringen volks­wirtschaftlich mehr als gut ausgestattete Gymnasien. Und welche Aus­stattung wäre wichtiger als ein Schul­leiter?

„Für die Weiterentwicklung der Schulen sind die Schul­leitungen entscheidend“, sagt etwa der Augsburger Bildungs­forscher Klaus Zierer. „Sie müssen dafür sorgen, dass es gemeinsame Visionen gibt, dass alle an einem Strang ziehen.“ Ähnlich sieht es Cornelia von Ilsemann von der Deutschen Schul­akademie. „Eine gute Schule hält ein halbes Jahr ohne Schul­leiter aus. Danach fehlt die Orientierung“, sagt sie. Ilsemann hat früher eine Ober­stufe geleitet und gehört heute zur Jury des Deutschen Schulpreises, mit dem die Robert-Bosch-Stiftung und die Heidehof-Stiftung seit 2006 erfolgreiche Schul- und Lern­konzepte auszeichnen. Eine Schule mit verwaistem Chef­posten hat den mit 100.000 Euro dotierten Preis noch nie gewonnen.

Jetzt ist guter Rat teuer. Wie lassen sich mehr Lehrer für den Chef­posten begeistern? Mit mehr Geld, diese Vermutung liegt nah. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fordert, alle Grund­schul­lehrer in die Besoldungs­gruppe A13 einzugruppieren, einige Bundes­länder haben das auch schon getan. über den Zuschlag, den Schul­leiter für ihre zusätzlichen Aufgaben und ihre Extraportion Verantwortung bekommen sollen, ist damit aber noch nichts gesagt. Vielleicht helfen aber auch andere Dinge. Mehr Zeit zum Beispiel. Cornelia von Ilsemann aus der Schulpreis-Jury schlägt einen Sockel von 15 Stunden in der Woche für Leitungs­auf­gaben vor, auch an den kleinsten Schulen; dafür müssten die Unterrichts­verpflichtungen von Grund­schul­leitern verringert werden. Ralph Hartung von der Goethe­schule findet, für jeweils eine Handvoll Schulen sollte es zusätzlich einen Verwaltungs­manager geben, der den Schul­leitern die rein bürokratischen Angelegen­heiten abnimmt. Und Gudrun Vogele-Wolters vom Schul­leitungs­verband dringt auf einen Wandel im Berufs­bild: „Wir sind nicht Lehrer mit besonderen Aufgaben. Schul­leitung, das ist ein eigen­ständiger Beruf.“

Eine Firma, die einen neuen Chef sucht, beauftragt mit der Suche einen Head­hunter. Die Behörden, die für das Schul­personal zuständig sind, haben sich lange auf den Zufall verlassen. Inzwischen gibt es hier und da Fortbildungs­angebote für ambitionierte Lehrer, die ausdrücklich auch der Rekrutierung neuer Schul­leiter dienen sollen. „Es gibt dafür aber noch keine vernünftigen lang­fristigen Konzepte“, kritisiert der Augsburger Bildungs­forscher Klaus Zierer. „Man handelt erst, wenn die Hütte brennt.“

Schulleiter, das könnte ein Traumberuf sein für alle, die jeden Tag mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, aber gleich­zeitig eine unternehmerische Strategie, ein pädagogisches Konzept in die Tat umsetzen wollen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Der Lehrer­verband will regel­mäßig von den Schul­leitern wissen, ob sie ihren Beruf weiter­empfehlen würden. In diesem Jahr antworteten in der Umfrage zum ersten Mal mehr Schul­leiter mit „auf keinen Fall“ als mit „ja“.