Schuljahr 2022/23 : Was sind die größten Herausforderungen im neuen Schuljahr?

Zu Beginn des neuen Schuljahres 2022/23 ist in allen Bundesländern klar, dass dieses Jahr eine Reihe besonderer Herausforderungen mit sich bringt. Was sind die größten Schwierigkeiten, und welche Schritte sind jetzt nötig, um diese zu bewältigen? Diese Fragen haben wir, unabhängig voneinander, der Bildungsforscherin und Co-Vorsitzenden der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz (KMK), Felicitas Thiel, dem KMK-Generalsekretär Udo Michallik sowie auch dem „Spiegel“-Redakteur und Bildungsjournalisten Armin Himmelrath gestellt. Die Analyse der Herausforderungen fällt bei allen dreien auffallend ähnlich aus; was die Konsequenzen daraus betrifft, unterscheiden sich die Antworten allerdings je nach Blickwinkel.

Florentine Anders 13. September 2022
In allen Bundesländern hat das Schuljahr begonnen. Der Lehrermangel ist bundesweit ein Problem.
©Philipp von Ditfurth/dpa

Deutsches Schulportal: Was ist aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung, vor der die Schulen im Schuljahr 2022/23 stehen?
Felicitas Thiel: Im neuen Schuljahr verdichten sich unterschiedliche Herausforderungen: Fehlende Lehrkräfte bei gleichzeitig stark steigenden Schülerzahlen aufgrund der geflüchteten Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine. Dazu kommt wahrscheinlich eine wachsende Zahl an Corona-Infizierten ab Herbst, die die Mangelsituation durch längere Ausfälle bei Lehrkräften noch einmal verschärft. Und dies alles vor dem Hintergrund eines dramatischen Zuwachses in der Gruppe von Schülerinnen und Schülern, die die Mindeststandards verfehlen. Dies setzt alle Akteure – Lehrkräfte und Schulleitungen, aber auch Schulverwaltung und Schulpolitik – unter großen Stress.

Udo Michallik: Lehrkräfte. Wir brauchen viele – gute und die richtigen Lehrkräfte!

Armin Himmelrath: Es ist schwierig, von nur einer Herausforderung zu sprechen. Denn es gibt – wie in den Vorjahren – ein ganzes Paket an Herausforderungen, die vielfach miteinander verwoben sind. Konkret spüren wir natürlich immer noch die Auswirkungen der Pandemie und die Zuwanderung geflüchteter Schülerinnen und Schüler, derzeit vor allem aus der Ukraine. Die daraus resultierenden Aufgaben liegen auf der Hand, verweisen aber gleichzeitig auf die großen vier Baustellen unseres Schulsystems: die Frage von Bildungsungleichheit und -gerechtigkeit; die Fragen der Digitialisierung und – ganz grundsätzlich – des Zustands der Schulgebäude; den dramatischen Mangel an Lehrerinnen und Lehrern; und schließlich das Nebeneinanderher von 16 Schulpolitiken, die es kaum schaffen, Einigkeit in zentralen Fragen zu erzielen.

Welche Veränderungen sind jetzt kurzfristig nötig, um diese Aufgaben zu lösen?
Thiel: Erstes Ziel muss es sein, die Unterrichtsversorgung in den Kernfächern sicherzustellen. Dabei muss sich Schule insbesondere um die Schülerinnen und Schüler kümmern, die aus unterschiedlichen Gründen zu Hause keine oder nur wenig Unterstützung beim Lernen bekommen. Neben der Aktivierung von Vertretungslehrkräften sollten für einen begrenzten Zeitraum auch Maßnahmen wie die maßvolle Erhöhung der Klassenfrequenzen oder die Begrenzung der Möglichkeit zur Reduktion der Arbeitszeit genutzt werden.

Michallik: Es klingt abgedroschen, aber es ist und bleibt wahr: Als Bildungsverwaltung müssen wir unseren Lehrkräften und Schulleitungen etwas zutrauen und nicht immer nur zumuten. Vertrauen in ihre Professionalität – aber sie auch genau daran messen.

Himmelrath: Im Grunde benötigen wir gleich mehrere Kraftakte: einen finanziellen ebenso wie einen personalplanerischen und einen didaktisch-strategischen. Ob das allerdings angesichts der Uneinigkeit zwischen den Bundesländern kurzfristig gelingen kann, bezweifle ich – und meine Hoffnungen etwa auf einen Masterplan zur Lösung der Personalengpässe sind nicht besonders stark ausgeprägt. Vielleicht könnte man an anderer Stelle beginnen: Ein guter erster, relativ kurzfristig umzusetzender Schritt wäre aus meiner Sicht eine Stärkung der Rolle der Schulleitungen, die dann allerdings auch zusätzliche Ressourcen benötigen, um konkrete Herausforderungen an ihrer jeweiligen Einrichtung anzugehen.

Gibt es weitere Veränderungen im Bildungssystem, die in diesem Schuljahr aus Ihrer Sicht unbedingt auf der Agenda stehen sollten?
Thiel: Mittel- und langfristig muss unbedingt darauf geachtet werden, dass die Notmaßnahmen zur Bewältigung der akuten Herausforderungen nicht einfach verstetigt werden. Das gilt insbesondere für den Quer- und Seiteneinstieg. Ein zweiter Weg ins Lehramt ist weitgehend unstrittig. Er sollte aber die Standards für die Lehrkräftebildung und Erkenntnisse der Forschung nicht unterlaufen. Es geht nicht um eine Systemreform – zum Beispiel eine Rückabwicklung der akademischen Qualifizierung der Grundschullehrkräfte durch eine Verlagerung der Ausbildung an Fachhochschulen –, sondern um eine kluge Nutzung und bessere Vernetzung der vorhandenen Strukturen. Das heißt aber auch, dass die Universitäten sich im Quereinstieg stärker engagieren müssen.

Michallik: Weg von Corona, weg von Angst und raus aus dem Krisenmodus! Zurück zur Schule und zur Schulentwicklung. Wir haben so viel Zeit verloren, um die Schulen weiterzuentwickeln, Schülerinnen und Schülern wirklich wieder Perspektiven anzubieten.

Himmelrath: Ja, auf jeden Fall! Neben den oben bereits genannten Herausforderungen sollten Schulpsychologie und Schulsozialarbeit dringend ausgebaut und an jeder einzelnen Schule viel stärker in den Alltag integriert werden.

Zur Person

Bildungsforscherin Felicitas Thiel, Co-Vorsitzende der SWK
©privat
  • Felicitas Thiel ist Professorin für Schulpädagogik und Schulentwicklungsforschung an der Freien Universität Berlin. Seit Mai 2021 ist sie Co-Vorsitzende der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz (KMK).
Udo Michallik, Generalsekretär der KMK
©Sekretariat der Kultusministerkonferenz
  • Udo Michallik ist seit 2011 Generalsekretär der Kultusministerkonferenz. Zuvor war der CDU-Politiker Staatssekretär im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Mecklenburg-Vorpommern.
Armin Himmelrath, Bildungsjournalist und Sachbuchautor
©Privat
  • Armin Himmelrath ist Bildungs- und Wissenschaftsjournalist. Er hat auch zahlreiche Sachbücher zu Bildungs- und Wissenschaftsthemen veröffentlicht. Zuletzt erschien 2020 „Das Schuljahr nach Corona. Was sich nun ändern muss“ (herausgegeben mit Julia Egbers) im hep Verlag.