Absurde Coronastrategie : Schule in Miami schickt Schüler in Quarantäne – wenn sie sich impfen lassen

Coronastrategie verkehrt: An einer US-Privatschule müssen geimpfte Kinder in Quarantäne, und geimpfte Lehrkräfte dürfen nicht mehr unterrichten. Was soll das?

Dieser Artikel erschien am 20.10.2021 in DER SPIEGEL
Armin Himmelrath
„Umsichtige Vorsichtsmaßnahme“ oder „Unsinn“? Ein Gebäude der privaten Centner-Academy in Miami
„Umsichtige Vorsichtsmaßnahme“ oder „Unsinn“? Ein Gebäude der privaten Centner-Academy in Miami
©imago

Die Mail ging an alle Eltern, der Inhalt war eindeutig. Wer seine Kinder impfen lasse, solle das am besten erst vor den nächsten Sommerferien tun. Nach jeder Impfung müssten die Schülerinnen und Schüler nämlich für 30 Tage in Quarantäne, um Ansteckungs- und Übertragungsrisiken sowie unbekannte Nebenwirkungen auszuschließen, schrieb Bianca Erickson, Direktorin der Centner-Academy in Miami.

Einen Monat Quarantäne für geimpfte Kinder? Einen Monat lang kein Präsenzunterricht im Klassenzimmer? In der Mittelstufe habe es zu Beginn des Schuljahrs bereits eine ähnliche Regelung gegeben, so Schulgründer David Centner auf SPIEGEL-Anfrage. „Jetzt, da die Covid-Impfung für die Fünf- bis Zwölfjährigen in Betracht gezogen wird, wurde die Regelung für die jüngeren Schüler übernommen.“

Man habe sich zur Zwangspause für Geimpfte entschlossen, „weil mehrere Eltern in unserem Elternbeirat der Meinung waren, dass dies eine Überlegung wert sei“, so Centner. Zwar glaube die Schulleitung nicht, dass eine geimpfte Person eine andere Person mit Covid-19 anstecken könne, aber es gebe „zahlreiche anekdotische Berichte, die zu diesem Thema im Umlauf sind“.

Centner hatte sich in der Vergangenheit mehrfach bei Anti-Impf-Kampagnen engagiert, etwa als „executive producer“ eines angeblichen Dokumentarfilms des Anwalts Robert F. Kennedy, der wiederum auf Veranstaltungen der sogenannten „Querdenker“ in Deutschland auftrat. Centner ist außerdem Großspender der US-Republikaner und unterstützte die Wahlkampagne von Donald Trump massiv, wie unter anderem NBC berichtete.

Maßnahmen sind „Unsinn“

Dass anekdotische Erfahrungen und die Meinung einzelner Eltern möglicherweise nur eine schwache Grundlage für weitreichende Entscheidungen sind, ficht Centner nicht an. Bei allen Maßnahmen, die sich auf die Gesundheit der Schulangehörigen auswirken könnten, müsse man mit Vorsicht vorgehen, sagt der Schulgründer. „Solange es keine endgültigen und wissenschaftlich belegten Studien gibt, die diese Berichte widerlegen, müssen wir das tun, was für unsere Schüler und Mitarbeiter am besten ist.“ Die Quarantäne für Geimpfte sei daher eine „umsichtige Vorsichtsmaßnahme“.

Aileen Marty, Professorin an der Florida International University, hält die Maßnahmen dagegen für „Unsinn“. Das Vorgehen der Schule entbehre jeder wissenschaftlichen Grundlage, sagte die Medizinerin und Infektionsspezialistin dem Portal „WSVN“. „Das haben sie sich ausgedacht. Das ist Science-Fiction.“ Nein, korrigiert sie sich, das sei nicht einmal Science-Fiction, das sei „reine Fiktion“.

Die Privatschule in Florida hatte bereits im Frühjahr Schlagzeilen gemacht, als sie Lehrkräften nach der Impfung den direkten Kontakt zu Kindern und Jugendlichen untersagte. Statt zu unterrichten, dürfen diese Lehrerinnen und Lehrer nur noch administrative Aufgaben übernehmen.

Und auf der Internetseite der Schule warnen die Verantwortlichen vor einem „Anstieg chronischer Krankheiten und Behinderungen bei unseren Schülern“ durch Impfungen. Die wirre Begründung: Statistiken hätten gezeigt, „dass sich in den letzten 20 Jahren die Raten von Aufmerksamkeitsdefizitsyndromen und Lernbehinderungen bei Kindern verdoppelt, die Raten von Asthma verdoppelt, die Raten von Diabetes verdreifacht und die Rate von Autismus in jedem einzelnen Bundesstaat um 600 Prozent gestiegen sind“.

Aileen Marty kann darüber nur den Kopf schütteln. „Ich finde es schrecklich, dass all diese irreführenden Informationen von einer Institution kommen, die angeblich eine Bildungseinrichtung ist“, sagt die Medizinerin. Weil es sich bei der Centner-Academy jedoch um eine Privatschule handelt, kann die US-Schulaufsicht auf deren Entscheidungen kaum Einfluss nehmen.