Neustart nach den Sommerferien : Schule im Stop-and-go-Modus

Das neue Schuljahr soll im Regelbetrieb starten. Aber was passiert, wenn das nicht klappt? Der Überblick zu den Notfall-Plänen der Bildungspolitiker.

Dieser Artikel erschien am 22.06.2020 in DER SPIEGEL
Silke Fokken
Wie wird der Unterricht im neuen Schuljahr? Darauf haben die Kultusminister ganz verschiedene Antworten
©Getty Images

Normalität – das ist dieser Tage das Zauberwort bei Deutschlands Bildungspolitikern. Wenn es nach ihnen geht, sollen die Schulen nach den Sommerferien zum regulären Betrieb zurückkehren. Allerdings, diese Hintertür lassen sich die Kultusministerinnen und Kultusminister offen: Ob ein Regelbetrieb möglich sein wird, hängt vom Infektionsgeschehen ab.

Was genau bedeutet das? Und falls – wie aktuell im Landkreis Gütersloh – wieder flächendeckend Schulen geschlossen werden müssen, gibt es dann einen Plan B? Wie bereiten die Schulen sich auf einen neuen möglichen Shutdown vor?

Diese und weitere Fragen hat der SPIEGEL allen 16 Bildungsministerien gestellt. Die Reaktion: Knapp die Hälfte antwortete gar nicht, andere schrieben prompt und ausführlich. Einige Kultusministerien haben demnach bereits klare Leitlinien für das neue Schuljahr erarbeitet, andere beraten noch.

Einig sind sich die 16 Bundesländer darin, dass an allen Grundschulen und weiterführenden Schulen nach den Sommerferien möglichst wieder regulär Unterricht stattfinden soll: im normalen Klassenverband oder in festen Gruppen, bei voller Stundentafel. Dafür muss die Regel fallen, dass Schüler und Lehrer 1,50 Meter Abstand voneinander halten – was bei Lehrerverbänden auf massive Kritik stößt. Das Lernen in festen Gruppen, die sich nicht begegnen, soll das Ansteckungsrisiko reduzieren und im Falle des Falles ermöglichen, die Infektionskette zurückzuverfolgen.

  • In Mecklenburg-Vorpommern soll das im neuen Schuljahr so laufen: „Der Präsenzunterricht findet in festen Gruppen wie Klassen oder Kursen statt, denen Lehrkräfteteams fest zugeordnet sind. Die Stundentafel muss eingehalten werden.” Die verschiedenen Gruppen sollen sich einander nicht oder nur unter Einhaltung des Mindestabstands begegnen. Um Räume gut lüften zu können und zu gewähren, dass sich die Gruppen nicht begegnen, kann die Unterrichtszeit auf 40 oder 80 Minuten verkürzt werden. Wie genau das alles organisiert wird, lässt das Ministerium offen: „Bei der Umsetzung erhalten die Schulen weitestgehend Flexibilität.”
Zur Ehrlichkeit gehört auch dazu, dass Unterrichtsinhalte angepasst werden müssen
Stefanie Hubig, Präsidentin der Kultusministerkonferenz
  • Länder wie Berlin und das Saarland hatten schon vor der Schalte der Kultusministerkonferenz (KMK) am Donnerstag festgelegt, dass sie auf feste Gruppen setzen. Lüften und öfter Putzen – diese Maßnahmen sollen in der Hauptstadt das Infektionsrisiko zusätzlich reduzieren. Aus Saarbrücken heißt es, Ausnahmen von festen Gruppen seien beim Fachunterricht möglich. Man arbeite zudem an einem „neuen Musterhygieneplan” sowie einem „pädagogischen Rahmen mit angepassten Vorgaben für das kommende Schuljahr, etwa zu Lerninhalten und zur Leistungsbewertung”.

Das heißt: Lehrpläne werden abgespeckt und die Notenvergabe überdacht. „Zur Ehrlichkeit gehört dazu, dass Unterrichtsinhalte angepasst werden müssen”, sagte KMK-Präsidentin Stefanie Hubig. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek wurde am Wochenende noch einmal deutlicher. Sie hält die vollständige Rückkehr zu einem normalen Schulbetrieb nach den Ferien längst nicht für gesichert. „Das Virus ist nicht weg, und wir müssen immer wieder damit rechnen, dass Schulen geschlossen werden müssen, wenn sich dort jemand infiziert hat”, sagte die CDU-Politikerin der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”. „Wir müssen weiter mit Umsicht handeln.”

  • Hamburg verhält sich entsprechend zurückhaltend. „Ich bin sehr sicher, dass für die Klassenstufen 1 bis 6 nach den Sommerferien der volle Regelunterricht stattfinden wird. Für die höheren Klassenstufen ist der volle Regelunterricht wahrscheinlich, aber nicht ganz so sicher wie für die Grundschule”, sagt Bildungssenator Ties Rabe (SPD). Deshalb sollten die Schulen Alternativen für den Fall entwickeln, dass der Schulbetrieb temporär eingeschränkt werden muss.
  • Sachsen plant zwar auch den Regelbetrieb. Aber „ob es dazu kommt und wenn ja, unter welchen Bedingungen”, will die Landesregierung von Studien zur Virenlast und Antikörpern bei Kindern aus Leipzig und Dresden abhängig machen. Ob ein Regelbetrieb überhaupt praktisch möglich ist, hängt auch davon ab, wie viele Kollegen einer Schule zur Risikogruppe zählen – und damit unter Umständen für den Unterricht im Klassenzimmer ausfallen.

Eine Auswertung des SPIEGEL zeigt: In acht Bundesländern fällt mindestens jeder zehnte Lehrer für den Unterricht im Klassenzimmer aus. In einigen Ländern wie Baden-Württemberg sind es sogar 20 Prozent. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hält allein aus diesem Grund eine Rückkehr zum Regelbetrieb an den Schulen in Baden-Württemberg nach den Sommerferien für unrealistisch.

„Unser Kernproblem ist die hohe Zahl der Lehrkräfte und Erzieher, die sich zu den vulnerablen Gruppen zählen”, sagte Kretschmann in einem Interview der „Stuttgarter Zeitung”. „So kann man keinen Regelbetrieb wie vor der Corona-Pandemie machen.” In Hamburg ergab eine Stichprobe, dass sich bis zu 30 Prozent der Pädagogen wegen des Gesundheitsrisikos außerstande sehen, in die Schule zu kommen.

Diese Lücken sind schwer zu schließen. In Deutschland herrscht auch ohne Corona Lehrermangel. Das Saarland will zumindest formal dafür sorgen, dass Pädagogen eingestellt werden können. Mit dem Nachtragshaushalt habe man “eine zusätzliche Corona-bedingte mobile Lehrkräftereserve mit bis zu 100 Vollzeitstellen geschaffen.”

Wer hat einen Plan B?

„Ich bin kein Hellseher, aber wenn keine wirksamen Maßnahmen zum Gesundheitsschutz und zu klaren Maßnahmen im Falle von erneuten Infektionsausbrüchen getroffen werden, drohen erneute Schulschließungen in größerem Umfang.” Das sagt Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes. Er will wissen, was die Politik für den Fall plant, dass Schulen „abhängig vom Infektionsgeschehen” eben nicht regulär öffnen können.

  • In Baden-Württemberg heißt es, man bereite „verschiedene denkbare Szenarien” vor, aber bis September sei ja noch Zeit.
  • Hessen verweist auf eine „Konzeptgruppe”, die noch tage.
  • Sachsen-Anhalt teilt mit: „Für diesen Fall wird nach dem geltenden Modus verfahren.” An den Grundschulen des Landes wird bereits im normalen Klassenverbund nach dem Prinzip fester Gruppen gelernt. An weiterführenden Schulen gibt es einen Mix aus Fern- und Präsenzunterricht.
  • Dieses Mischmodell, in Englisch: blended learning, ist auch in Berlin der Plan B. Alle Schulen der Stadt haben einen Brief mit einem „Alternativszenario” erhalten, das detaillierte Regeln und „Mindeststandards” enthält: An Grundschulen sollen Kinder zum Beispiel mindestens drei Stunden täglich Präsenzunterricht haben, innerhalb von zwei Wochen muss die Wochenstundentafel abgedeckt sein. Jede Schule muss zudem ein Konzept erarbeiten, wie das Lernen zu Hause und im Klassenraum vernetzt werden kann. Künftig soll hier unter anderem gelten: „Lehrer müssen sich mindestens zweimal wöchentlich bei ihren Schülern melden und wöchentliche Arbeitspläne erstellen.
  • Ganz anders in Nordrhein-Westfalen. Für den Fall, dass der Regelbetrieb ausgesetzt werden muss, verweist das Kultusministerium Lehrkräfte auf umfangreiche Materialsammlungen mit „Hinweisen und Tipps für das Lernen auf Distanz”. Diese sollten aber nicht als „starres Regelwerk” verstanden werden, sondern „Orientierung bieten”. NRW spricht insgesamt von „flexiblen Vorgaben”.

Um neue Schulschließungen zu vermeiden, planen Bundesländer wie Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Berlin, Schüler und Lehrkräfte auf eine Infektion zu testen. Die genauen Modalitäten stehen noch nicht fest. Nach Ansicht von Experten könnten regelmäßige Tests aber eine zentrale Maßnahme sein, um an den Schulen nicht in einen Stop-and-Go-Modus von Normalität und Schließung zu verfallen.

„Mit einem regelhaften Screening lässt sich schnell herausfinden, wer sich angesteckt hat. In der Schule findet man dann schnell heraus, mit wem derjenige zuletzt Kontakt hatte”, sagt der Virologe Alexander Kekulé. Infizierte würden dann isoliert und der Schulalltag nicht zwingend für alle anderen lahmgelegt, so die Idee.

Onlineunterricht künftig besser?

Eins steht fest: Wird der Präsenzunterricht wieder unmöglich, sollten Schüler und Lehrkräfte besser darauf vorbereitet sein als zu Beginn der Coronakrise. Im Hauruckverfahren mussten viele Schulen Mitte März auf Onlineunterricht umschalten – und das klappte oft nur mit mäßigem Erfolg.

Schon vor Corona waren die Bundesländer in puncto digitales Lernen unterschiedlich gut aufgestellt. Wie sie nun weiter vorgehen, unterscheidet sich ebenso stark.

  • Im Saarland soll ein eigens eingerichteter Videokonferenzserver den Onlineunterricht verbessern. Alle Lehrkräfte bekommen eine schulische E-Mail-Adresse. Das ist laut der Bildungsgewerkschaft GEW nicht so selbstverständlich wie mancher denkt. Demnach arbeiten viele Pädagogen mit privaten Accounts.
  • Hessen bietet wie viele andere eine landesweite Cloud an, die im neuen Schuljahr alle Schulen nutzen können, aber nicht müssen. Anders als etwa in Mecklenburg-Vorpommern sind in Hessen in den Ferien keine Angebote für Lehrkräfte vorgesehen, um digital fit zu werden.
  • Bayern hat seit acht Jahren ein digitales Bildungsportal, mit dem sich Onlineunterricht organisieren lässt. Für Schüler und Lehrer, die sich trotzdem noch nicht damit auskennen, gibt es in der Pandemie Tutorials und kurze Erklärvideos. Wer Fragen hat, kann sich an eine Telefonhotline wenden. Lehrer wie Robert Plötz aus München bemängeln allerdings, dass der Freistaat zu wenig in professionell erstellte Inhalte für den Onlineunterricht investiert. „Das wäre keine Hexerei”, sagt er. Stattdessen suche jeder Lehrer allein nach passendem Material im Internet.

So oder so kann digitales Lernen nur funktionieren, wenn alle Schülerinnen und Schüler mit der passenden Technik ausgestattet sind. Auch daran haperte es in den vergangenen Wochen, vor allem bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien. Die Regierung stockte deshalb den Digitalpakt um 500 Millionen Euro auf 5,5 Milliarden Euro auf, damit die Schulen Leihlaptops anschaffen können. Die Geräte sind allerdings längst noch nicht bei allen Schülern angekommen.

Glaubt man den Unternehmensberatern von McKinsey, dann decken diese zusätzlichen 500 Millionen zudem noch nicht einmal zehn Prozent der anfallenden Gerätekosten ab. Ihnen zufolge sollten für alle Lehrer und Schüler Endgeräte angeschafft werden. Hintergrund: Lehrer müssten Schülerdaten auf den Geräten speichern können, was auf privaten Laptops oder Tablets nicht erlaubt sei.

Die Anschaffungskosten für die mehr als 800.000 Lehrer und elf Millionen Schüler in Deutschland beziffert die Unternehmensberatung auf rund sechs Milliarden Euro.