Bildungsstudien : Schneiden Jungen in der Schule schlechter ab?

Welche Unterschiede beim Lernerfolg gibt es zwischen Jungen und Mädchen? Sind Jungen tatsächlich die neuen Bildungsverlierer, wie so häufig behauptet wird? Und welche Rolle spielen Stereotype? Das Schulportal hat sich die empirischen Daten der jüngsten Bildungsstudien zu diesen Fragen genauer angesehen und die wichtigsten Daten in einer großen Infografik veranschaulicht.

Florentine Anders / 26. Mai 2020
©Henriette Anders

Sind Jungen tatsächlich das schwächere Geschlecht, wenn es um die Leistungen in der Schule geht? Die 2019 veröffentlichten Vergleichsstudien der IQB-Bildungstrend 2018 oder PISA 2018 haben gezeigt, dass die Kompetenzen der Jungen im Vergleich zu denen der Mädchen nicht nur im Bereich Lesen, sondern auch in den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften nachlassen.

Auch international gibt es vor allem beim Lesen oft deutliche Kompetenzunterschiede zwischen Jungen und Mädchen. Das Schulportal hat die beiden Studien noch mal speziell unter dem Gesichtspunkt der Geschlechterunterschiede ausgewertet und die Ergebnisse in einer großen Infografik veranschaulicht.

Betrachtet man die Ergebnisse im Zusammenhang, wird schnell deutlich, dass Jungen, statistisch gesehen, häufig schlechtere Ergebnisse erzielen. Die Disparitäten werden bereits bei Verteilung auf die weiterführenden Schulen deutlich. Etwa 13 Prozent der Jungen wechseln im Schuljahr 2017/18 auf eine Hauptschule, bei den Mädchen sind es rund 10 Prozent. Knapp 39 Prozent der Mädchen sind am Gymnasium, der Anteil der Jungen beträgt hier rund 32 Prozent. Dementsprechend erreichen Mädchen häufiger einen höheren Bildungsabschluss als Jungen.

Jungen lassen in den MINT-Fächern nach

Aber entspricht das auch den tatsächlichen Kompetenzen? Beim IQB-Bildungstrend und bei PISA wurden die Kompetenzen der 15-Jährigen kurz vor dem Ende der Pflichtschulzeit getestet. Beim IQB-Bildungstrend 2018 lag der Schwerpunkt auf Mathematik und den Naturwissenschaften, während PISA 2018 den Fokus auf die Lesekompetenzen richtete.

In Mathematik haben die Jungen laut IQB-Bildungstrend 2018 gegenüber den Mädchen noch einen geringen Kompetenzvorsprung, in Fächern wie Chemie oder Biologie haben die Mädchen die Nase vorn. In Physik liegen Jungen und Mädchen gleichauf. Mädchen interessieren sich offenbar auch zunehmend für mathematische und naturwissenschaftliche Studienfächer. Das spiegelt sich in den Zahlen der Studienanfängerinnen und -anfänger in den MINT-Fächern im Wintersemester 2017/18. Der Anteil der Mädchen im Erstsemester Mathematik lag knapp über 50 Prozent. Im Wintersemester 2011/12 dagegen war die Mehrheit der Studienanfänger in Mathematik noch männlich.

Auch in Physik und Informatik ist der Anteil der Frauen im Vergleich zu 2011/12 gestiegen. Allerdings bilden sie in diesen Fächern mit rund 19 und 8 Prozent noch immer die deutliche Minderheit, obwohl sie bei den Kompetenzen in diesen Fächern den Jungen nicht nachstehen.

IT-Spezialist ist der häufigste Traumberuf für Jungen

Und was sagt PISA 2018 zu den Lesekompetenzen der 15-Jährigen? Hier liegen die Schülerinnen und Schüler in Deutschland mit durchschnittlich 498 erreichten Punkten etwas über dem Mittelfeld der OECD-Staaten (487 Punkte). Die Mädchen schneiden in der Lesekompetenz insgesamt besser ab als die Jungen. In den Tests erreichen sie einen Vorsprung von 26 Punkten, was in etwa dem Lernzuwachs eines halben Schuljahres entspricht.

Im Jahr 2009 betrug der Leistungsvorsprung der Mädchen jedoch noch 40 Punkte. Die Jungen haben sich also etwas verbessert und die Mädchen etwas verschlechtert, wodurch der Abstand zwischen den Geschlechtern geringer wurde. Mädchen haben auch mehr Freude am Lesen als Jungen. So sagt die mit etwa 61 Prozent deutliche Mehrheit der Jungen, dass sie nur lesen, wenn sie müssen. Auch in allen anderen OECD-Staaten lesen die Mädchen besser als die Jungen, allerdings sind die Unterschiede unterschiedlich stark ausgeprägt. Am größten ist die Differenz ausgerechnet in Finnland, das in der PISA-Studie sonst so erfolgreich abschneidet. In Deutschland liegt die Differenz etwas unter dem OECD-Durchschnitt.

Die Berufswahl ist offensichtlich noch immer stark von Geschlechterklischees geprägt. Das zeigte die Sonderauswertung von PISA zu den Berufswünschen, die im Januar dieses Jahres veröffentlicht wurde. Bei den Jungen sind demnach die beliebtesten Berufe IT-Spezialist, Maschinenschlosser und Automechaniker, bei den Mädchen sind es Lehrerin, Ärztin und Erzieherin.