Dieser Artikel erschien am 17.07.2019 in DIE ZEIT
Autor: Manuel J. Hartung

Abitur : Schluss mit der gemeinen Hoch­schul­reife

Mitten in der Ferienzeit fordern mehrere Kultusminister die Einführung eines bundes­weiten Abiturs. Die Länder sollten endlich einlenken. Es wäre das Beste für alle.

Schluss mit der gemeinen Hochschulreife
Schluss mit der gemeinen Hochschulreife
©Getty Images

Fast alle Bundesländer haben derzeit Ferien, und ausgerechnet jetzt bricht ein Schul­streit aus: Einige Kultus­minister fordern – unter­stützt von der Bundes­bildungs­ministerin – ein deutsch­land­weites Abitur. Die CSU hingegen schreit: „Zentralismus!“ Und besorgte Lehrer warnen schon vor dem „Billig-Abitur“.

Hinter dem Streit steht ein alter Skandal: Das Abitur ist von Bundes­land zu Bundes­land unter­schiedlich schwer. Nieder­sächsische Absolventen waren dieses Jahr im Schnitt eine Drittelnote schlechter als thüringische. Die Nieder­sachsen dürften zwar nicht dümmer sein als die Thüringer, kommen aber nun schwerer an begehrte Studien­plätze. Die „eingeschränkte länder­über­greifende Vergleich­bar­keit“ kritisierte selbst das Bundes­verfassungs­gericht. Kurzum: Die Allgemeine Hoch­schul­reife ist so ungerecht, dass man sie schon „Gemeine Hoch­schul­reife“ nennen könnte.

Ein Deutschland-Abitur wäre gut für alle: für die Schüler, die gerechtere Noten bekämen; für die anspruchs­vollen Lehrer, die stärker wert­geschätzt würden; und für das Abitur an sich, das nur dann einen Wert behält, wenn es für Hochschulen und Arbeit­geber wirklich etwas über den Absolventen aussagt.

Und es wäre gut für die Bildungsnation Deutschland: Früher grassierte die Sorge, durch ein einheitliches Abi würden alle Schulen schlechter – überall Bremen statt über­all Bayern. Die Furcht vor der Standardisierung ist aber unberechtigt, denn heute steht Standardisierung dank der zahl­losen Pisa-Studien und inter­nationalen Vergleichs­tests für Niveau­steigerung. Ein Bundes-Abi dürfte also Sogwirkung haben – nach oben.

Bildung ist eines der wenigen Felder, auf denen die Bundes­länder noch Macht haben. Deren Kultus­minister haben sich zwar redlich bemüht, die 16 Landes­abiture vergleich­barer zu machen, verhedderten sich aber dann doch immer wieder im egoistischen Klein-Klein. Mit dem über­greifenden Abitur käme auch der Bildungs­föderalismus alter Prägung an sein Ende.

Auf Abi-Partys von morgen könnte man dann nicht nur die Absolventen feiern, sondern auch die einsichtigen Minister – die auf Einfluss verzichten, um die Bildung zu stärken.