Sachsen-Anhalt : „Wir überlegen, die Stundenzahl der verlässlichen Grundschule zu reduzieren“

In Sachsen-Anhalt ist die Personalnot an den Schulen besonders groß. Die Folge: Im Schnitt liegt die Unterrichtsversorgung nur noch bei 92 Prozent, bei vielen Schulen sogar deutlich darunter. Es ist die geringste Unterrichtsversorgung in der Geschichte des Landes. Als Folge droht ein massiver Unterrichtsausfall, und das Land kann die verlässliche Grundschule nicht mehr in voller Stundenzahl garantieren. Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht, auch weil in Sachsen-Anhalt in den kommenden Jahren im Vergleich zu anderen Bundesländern besonders viele Lehrkräfte pensioniert werden. Wie geht das Land mit dieser Situation um? Das Schulportal sprach mit Sachsen-Anhalts Bildungsministerin Eva Feußner (CDU) über die Folgen des Lehrermangels, eine Vier-Tage-Woche in der Schule und Headhunter, die auf der Suche nach Lehrkräften im Ausland sind.

Annette Kuhn 05. September 2022
Kultusministerin Eva Feußner
Sachsen-Anhalts Kultusministerin Eva Feußner (CDU) weiß, dass den Schulen noch eine lange Durststrecke bevorsteht.
©Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Deutsches Schulportal: Kaum ein Bundesland steht im Bildungsbereich vor so vielen Herausforderungen wie Sachsen-Anhalt: Lehrermangel, Abwanderung von Lehramtsabsolventen, höchste Schulabbrecherquote. Was steht für das neue Schuljahr ganz vorn auf Ihrer Agenda?
Eva Feußner: Der Lehrkräftemangel ist in allen Bundesländern akut, bei uns aber besonders. Daher ist es unsere größte Herausforderung, Lehrerinnen und Lehrer zu gewinnen. Wir haben eine Vielzahl von Maßnahmen eingeleitet, um die Situation vor Ort zu verbessern und die Unterrichtsversorgung sicherzustellen – auch für die zusätzlichen Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine. Auf der Agenda steht aber auch das Programm „Aufholen nach Corona“, das wir als Land bis zum Jahr 2027 fortführen wollen. Und natürlich ist die Digitalisierung ein wichtiges Thema.

Wie viele Lehrkräfte haben Sie zum neuen Schuljahr eingestellt?
Seit Jahresbeginn haben wir 758 Lehrerinnen und Lehrer sowie 349 Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger eingestellt. Bis zum Ende des Jahres wollen wir weitere Lehrkräfte einstellen. Dazu schreiben wir im September noch mal 1.000 Stellen aus.

Aber wir werden nicht alle besetzen können. Pro Ausschreibung können wir etwa ein Viertel bis zu einem Drittel der ausgeschriebenen Stellen besetzen. Um die Unterrichtsversorgung abzudecken, bräuchten wir jetzt noch 700 bis 1.000 Lehrkräfte zusätzlich. Ich bin mir sicher, dass wir bis zum Jahresende noch viele Lehrkräfte einstellen werden. Aber das reicht noch nicht.

Unterrichtsversorgung in Sachsen-Anhalt nur noch bei 92 Prozent

Wie ist die Lehrerabdeckung derzeit in den Schulen? Manche Schulen sprechen von nur noch 70 Prozent. Für welche Schularten ist die Situation besonders kritisch?
Nach ersten Schätzungen des Landesschulamts liegt die Unterrichtsversorgung bei 92 Prozent. Genau wissen wir das erst im Herbst. Wir haben Schulen, die bei 100 Prozent, sicherlich aber auch Schulen, die unter 90 Prozent liegen. Schwierig ist die Unterrichtsversorgung vor allem in den ländlichen Regionen. Betroffen sind vor allem Sekundar-, Gemeinschafts- und Förderschulen, teilweise auch Grundschulen. Da betrifft es vor allem sehr kleine Grundschulen im ländlichen Raum.

Können Sie im neuen Schuljahr noch überall die verlässliche Grundschule sicherstellen?
Diese Frage steht tatsächlich im Raum. Laut Schulgesetz sollen wir eine verlässliche Grundschule sicherstellen, und wir haben festgelegt, dass die verlässliche Öffnungszeit fünfeinhalb Zeitstunden umfasst. Einige Grundschulen können das aber nicht mehr gewährleisten. Daher überlegen wir, die Stundenzahl der verlässlichen Öffnungszeiten zu reduzieren. Aber da hängt viel Planung dran: Die Schulen müssen Absprachen mit den Eltern treffen, und eine Änderung der Zeiten hat Auswirkungen auf den Einsatz der Schultransporte und auf die Hortbetreuung.

Kultusministerin Eva Feußner möchte Besoldung von Grundschullehrkräften erhöhen

In welchem Maße wird im kommenden Jahr aufgrund des Lehrermangels Unterricht ausfallen, und welche Fächer betrifft das vor allem?
Das kann ich heute noch nicht sagen. Unterrichtsausfall wird es wohl geben, aber der wird nicht bestimmte Fächer betreffen. An einer Schule fehlt vielleicht die Geografielehrkraft und an der anderen Schule die Mathelehrkraft. Die Kernfächer stehen für uns aber im Fokus, da soll möglichst wenig Unterricht ausfallen. Der Unterrichtsausfall hängt aber nicht nur mit der Personalnot zusammen. Wir haben auch immer noch eine pandemische Lage und müssen mit einem höheren Krankenstand rechnen. Wir werden Unterrichtsausfall also nicht gänzlich vermeiden können.

Mit welchen Konzepten wollen Sie dem Lehrermangel begegnen?
Wir haben bereits einige Maßnahmen eingeleitet: Mit der Kampagne „Weltenretter“ werben wir für den Lehrerberuf und wollen auch Seiteneinsteigende gewinnen. Darüber hinaus wollen wir demnächst Stipendien für Lehramtsstudierende vergeben, die sich für bestimmte Fächer und Regionen verpflichten. Das Programm startet ab diesem Wintersemester. Wir haben außerdem die Plätze im Lehramtsstudium von 1.000 auf 1.200 erhöht.

Und wir diskutieren derzeit in der Koalition auch, ob wir die Besoldung von Grundschullehrkräften von A 12 auf A 13 anheben können. Das steht nicht im Koalitionsvertrag, aber wir können die Grundschullehrkräfte aus unserem Land nicht abwerben lassen. Die benachbarten Bundesländer haben die Anhebung bereits umgesetzt oder zumindest angekündigt.

Ist schon klar, ob – und wenn ja, wann – die Anhebung kommt?
Nein, das kann ich heute noch nicht sagen.

Ganz exklusiv haben wir auch Headhunter engagiert, die uns bei der Akquise von Lehrkräften unterstützen. Der erste Durchlauf ist beendet. Aber wir stehen kurz vor einer Neuausschreibung. Das ist ein Erfolgsmodell.

Die Maßnahmen, die Sie genannt haben, sind auf die Zukunft gerichtet. Welche Maßnahmen treffen Sie gegen den akuten Lehrermangel in diesem Schuljahr?
Wir haben zusätzliche pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt und werden weitere akquirieren. Die pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in erster Linie Erzieherinnen und Erzieher. Sie können im Unterricht unterstützen oder auch die Betreuung einer Klasse übernehmen, wenn Schülerinnen und Schüler eigenständig Aufgaben lösen, oder sie übernehmen die Aufsicht, wenn Unterrichtsangebote gestreamt werden.

Wir haben außerdem zusätzliche Stellen für Schulverwaltungsassistenz geschaffen, die insbesondere die Schulleitungen unterstützen. Bislang haben wir 50 ausgeschrieben, wollen diese Zahl aber noch erhöhen.

Zum Jahreswechsel hatten wir auch Lehrkräfte angeschrieben, die kurz vor der Pensionierung standen oder bereits im Ruhestand sind, und sie gefragt, ob sie ihre Lebensarbeitszeit verlängern oder aus dem Ruhestand zurückzukehren. Da haben wir einen guten Rücklauf: 61 Lehrkräfte haben ihre Lebensarbeitszeit verlängert, 59 Lehrkräfte sind aus dem Ruhestand zurückgekehrt und wurden befristet wieder eingestellt.

Ganz exklusiv haben wir auch Headhunter engagiert, die uns bei der Akquise von Lehrkräften unterstützen. Der erste Durchlauf ist beendet. Aber wir stehen kurz vor einer Neuausschreibung. Das ist ein Erfolgsmodell.

Bislang 75 Lehrkräfte haben Headhunter an Schulen in Sachsen-Anhalt gebracht

Wie viele Lehrerinnen und Lehrer sind über das Headhunter-Programm an Schulen in Sachsen-Anhalt gekommen, und woher kommen diese Lehrkräfte?
75 Lehrkräfte waren es im ersten Durchlauf. 69 von ihnen sind auch schon im Unterricht, sechs treten ihren Dienst im Herbst an. Die Headhunter werben Lehrkräfte im Ausland an. Sie kommen vorwiegend aus dem europäischen Ausland, aber zum Beispiel auch aus Argentinien oder Indien (haben dann aber schon eine Weile in Europa gelebt). Voraussetzung ist, dass sie die deutsche Sprache beherrschen. Mindestanforderung ist C1-Niveau, nach der Probezeit müssen sie das C2-Niveau erreichen.

Lohnt sich der Aufwand, Headhunter zu engagieren?
Das kostet viel Geld – aber der finanzielle Aufwand ist auf jeden Fall geringer als das, was uns die grundständige Ausbildung einer Lehrkraft kostet. Jede Lehrkraft, die wir durch diese Maßnahme einstellen können, ist ein Gewinn für unsere Schulen.

Vier-Tage-Woche ab diesem Schuljahr in der Erprobung

Sie haben gesagt, dass Sie den Einstieg für Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger erleichtern wollen – was planen Sie hier?
Wir haben das Qualifizierungssystem für die Seiteneinsteigenden sukzessive verbessert. Seiteneinsteigende können jetzt ein Zusatzstudium in den Kernfächern Deutsch, Mathe, Englisch aufnehmen. Auch für Seiteneinsteigende in der Grundschule bieten wir ab dem kommenden Semester ein Zusatzstudium an. Wenn sie das abgeschlossen haben, können sie für den Vorbereitungsdienst zugelassen werden. Wenn Voraussetzungen fehlen, wollen wir Qualifikationen passgenau anbieten. Die entwickeln wir gemeinsam mit den Universitäten.

Darüber hinaus ist auch geplant, die Stellen für seiteneinsteigende Lehrkräfte mit einem Bachelorabschluss künftig schon nach einem Jahr Beschäftigung und einer erfolgreichen Bewährungsfeststellung zu entfristen. Diese Lehrkräfte bekommen aber die Auflage, sich einer aufbauenden Qualifizierung in einem Unterrichtsfach der Sekundarschule zu unterziehen und diese erfolgreich abzuschließen. Auch hier sind wir im Gespräch mit den Universitäten. Die Voraussetzungen sind gut, dass wir dieses Angebot in Kürze machen können.

Sachsen-Anhalt hat eine Vier-Tage-Woche als Modellprojekt gestartet. Ist das Projekt ein Instrument gegen den Lehrkräftemangel?
Das „4-plus-1-Modell“ ist eine mögliche Form der Unterrichtsorganisation. Schulen sollen dadurch mehr Flexibilität in der Unterrichtsgestaltung bekommen. Voraussetzung für dieses Modell ist, dass der Rahmenlehrplan erfüllt wird. Die Schülerinnen und Schüler lernen am fünften Tag zum Beispiel an einem anderen Ort. Digitale oder hybride Formate sind denkbar, oder die Schülerinnen und Schüler können am fünften Tag auch in einem Unternehmen Praxiswissen erwerben. Es soll aber nicht so sein, dass wir die Schülerinnen und Schüler zu Hause mit Aufgaben sich selbst überlassen.

Zunächst zwölf Schulen nehmen an dem Modellprojekt teil, es wird in diesem Schuljahr erprobt. Das Projekt wird vom Landesschulamt und vom Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt (LISA) begleitet und evaluiert. Danach entscheiden wir, was man ins Regelsystem übernehmen kann.

Wieso gibt es das Modell nur an Sekundarschulen? Also dort, wo der Lehrermangel besonders groß ist?
Es spricht nichts dagegen, das Modell auch an Gymnasien zu erproben, aber wir müssen vorher noch abklären, ob es mit den Standards der KMK in der Oberstufe vereinbar ist.

Ich schließe aber tatsächlich nicht aus, dass sich Schulen auch aus der Personalnot heraus auf den Weg machen, um neue Unterrichtsmodelle zu entwickeln.

Die Situation ist nicht schön, und die Herausforderungen sind sehr groß. Wir müssen jetzt eine Durststrecke bewältigen und schnell handeln, denn die Situation wird sich erst in fünf bis acht Jahren entspannen.

Sachsen-Anhalt kämpft nicht nur mit dem Lehrermangel. Nirgendwo anders gibt es mehr Schulabbrecherinnen und Schulabbrecher. Wie wollen Sie hier gegensteuern?
Wir haben dazu eine Studie bei der Universität in Magdeburg in Auftrag gegeben, um herauszufinden, was wir an der Stelle anders machen können. Vornehmlich geht es um Förderschülerinnen und Förderschüler, die die Schule ohne Schulabschluss verlassen. Ihnen müssen wir mehr Möglichkeiten geben, einen Schulabschluss zu erlangen. Dazu müssen wir Förderschule und Sekundarschule stärker miteinander verknüpfen. Außerdem wollen wir die Schulsozialarbeit qualifizieren, um Schülerinnen und Schüler, die Schwierigkeiten haben, besser zu begleiten.

Bei so vielen Baustellen – ist das Bildungssystem in Sachsen-Anhalt in der Krise?
Die Situation ist nicht schön, und die Herausforderungen sind sehr groß. Wir müssen jetzt eine Durststrecke bewältigen und schnell handeln, denn die Situation wird sich erst in fünf bis acht Jahren entspannen – das ist fast eine Schülergeneration.

Dass Eva Feußner selbst Lehrerin ist, hilft bei der Zusammenarbeit mit Schulen

Wieso sind Sie in dieser schwierigen Situation eigentlich Kultusministerin geworden?
Ich wusste, was auf mich zukommt und dass diese Legislaturperiode nicht einfach werden wird. Aber wer die Herausforderung nicht annimmt, hat schon verloren. Es ist nicht so, dass man mich zwingen musste, dieses Amt anzunehmen.

Inwieweit hilft es Ihnen als Kultusministerin, dass Sie Lehrerin sind?
Lehrkräfte sind für mich Kolleginnen und Kollegen – wir können offen miteinander reden. Sie wissen, dass ich ihre Probleme verstehe und ernst nehme. Das ist ein Wert an sich. Und das hilft sehr in der Zusammenarbeit.

Zur Person

  • Eva Feußner ist seit 2021 Bildungsministerin des Landes Sachsen-Anhalt. Zuvor war sie von 2018 bis 2021 Staatssekretärin im Ministerium für Bildung.
  • Von 1998 bis 2011 war sie bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion und von 2002 bis 2006 sowie von 2016 bis 2018 stellvertretende Vorsitzende der CDU-Fraktion, zusätzlich von 2016 bis 2018 finanzpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion.
  • Eva Feußner ist Diplom-Lehrerin für Mathematik, Physik und Astronomie. Sie hat bis 1999 an einer Sekundarschule in Eckartsberga, einer Kleinstadt im Süden Sachsen-Anhalts, gearbeitet.
  • Sie gehört damit zu den wenigen Bildungsministerinnen und Bildungsministern in Deutschland, die aus dem Lehrerberuf kommen. Neben ihr sind das noch Berlins Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD), Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) und die Bildungsministerin Simone Oldenburg (Linke) in Mecklenburg-Vorpommern.