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S-CLEVER-Studie : Digitales Lernen hat für Schulleitungen oberste Priorität

Welche Erfahrungen haben Schulleitungen während der Corona-Pandemie gemacht? Wie hat die Pandemie die Schulentwicklung geprägt? Bildungsexpertinnen und Bildungsexperten aus Deutschland, Österreich und der Deutschschweiz haben Schulleiterinnen und Schulleiter im Schuljahr 2020/21 an drei Zeitpunkten zu diesen Themen befragt. Die Ergebnisse der Längsschnittstudie S-CLEVER liegen jetzt vor. An der Studie mitgewirkt hat Bildungsforscher Tobias Feldhoff. Das Schulportal sprach mit ihm darüber, welche Ergebnisse ihn überrascht haben, welche Voraussetzungen darüber bestimmen, wie eine Schulleitung durch die Krise manövriert, und wieso sich die Steuerung von Schulen verändern wird.

Annette Kuhn 26. Januar 2022
S-CLEVER Grafik zur Studie

Deutsches Schulportal: Was hat Sie an den Ergebnissen der Längsschnittstudie S-CLEVER besonders überrascht?
Tobias Feldhoff: Besonders überrascht haben uns die Unterschiede in den Einschätzungen der Schulleiter:innen bezüglich der Lernzeit und der Lernziele, die Schüler:innen erreicht haben. Rund zwei Drittel der Schulleiter:innen in Deutschland sind der Meinung, dass ihre Schüler:innen im Schuljahr 2020/21 weniger Lernzeit hatten als vor der Pandemie und auch weniger Lernziele erreicht haben als in den Jahren zuvor. In der Deutschschweiz sagen das nur 30 Prozent, in Österreich 40 Prozent der Schulleitungen.

Wie erklären Sie sich diese Unterschiede?
Eine mögliche Erklärung ist, dass Schulen in Deutschland viel länger geschlossen bzw. im Wechselunterricht waren als in den anderen beiden Ländern. Zu bedenken ist aber auch, dass die Einschätzungen der Schulleiter:innen nicht gleichzusetzen sind mit Befunden, die durch Tests valide die Lernstände und Kompetenzen der Schüler:innen ermittelt haben. Diese Daten gibt es bundesweit noch nicht.

Hohe Arbeitsbelastung für Lehrkräfte in der Pandemie

Wie haben sich die Herausforderungen für die Schulleitungen während der Pandemie verändert?
Positiv ist, dass die Herausforderungen am Ende des Schuljahres 2020/21 insgesamt weniger groß sind. Für Deutschland liegen sie aber immer noch auf einem relativ hohen Niveau. Etwa gleich groß ist die Herausforderung, Schüler:innen emotional und motivational zu unterstützen und vor allem die Unterstützung gefährdeter Schüler:innen sicherzustellen. Und auch die Arbeitsbelastung von Lehrer:innen ist auf hohem Niveau geblieben. Deutlich geringer wird hingegen die Herausforderung der unterschiedlichen technischen und digitalen Kompetenzen bei den Lehrer:innen eingeschätzt.

Zur Person

Tobias Feldhoff
©Jürgen Hartmann
  • Tobias Feldhoff ist seit 2015 Professor für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Schulforschung am Institut für Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
  • Er hat Pädagogik an der Universität Dortmund studiert.
  • Zu seinen aktuellen Forschungsschwerpunkten gehören Schulentwicklungs- und Schuleffektivitätsforschung sowie Schulleitungs- und Schulmanagement.

Welche Prioritäten setzen Schulleitungen vor dem Hintergrund der Pandemie-Erfahrung?
Bei den Prioritäten gibt es drei zentrale Schwerpunkte: die Sicherstellung der Unterstützung gefährdeter Schüler:innen, die Förderung des selbstständigen Lernens – das ist ein Thema, das in der Pandemie deutlich nach vorne gerückt ist – und vor allem die Weiterentwicklung der Digitalisierung der Schule und des Unterrichts. Das spiegelt sich in unterschiedlichen Bereichen: sei es in Fortbildungen zur Kompetenzentwicklung, sei es in der Verbesserung der digitalen Ausstattung, sei es in der Erstellung eines Konzepts für digitales Lernen.

Aus der Schulentwicklungsforschung wissen wir grundsätzlich, dass Schulen, die eine höhere Fähigkeit zur Weiterentwicklung haben, sich besser an Herausforderungen anpassen können und leichter durch Krisen kommen.

Was lässt sich daraus für die Schulentwicklung ableiten?
Oberste Priorität für die Schulleiter:innen in Deutschland hatte im Schuljahr 2020/21 das Thema digitales Lernen, gefolgt von Unterrichtsqualität. Mit Blick auf die zukünftige Schulentwicklung für das Schuljahr 2021/22 gewichten die Schulleiter:innen diese beiden Themen nun aber fast gleich stark.

Vorerfahrungen im Digitalen haben Schulen geholfen

Erstaunlich sind hier die Unterschiede zwischen den Ländern, besonders zwischen Deutschland und der Deutschschweiz. Während Schulleitungen in Deutschland für das Schuljahr 2020/21 das digitale Lernen mit 38 Prozent an die erste Stelle der Schulentwicklungsvorhaben gesetzt haben, haben in der Deutschschweiz das Thema nur 10 Prozent der Schulleitungen verfolgt. Wie erklären Sie sich diesen Unterschied?
Eine mögliche Erklärung ist, dass viele Schulen in der Deutschschweiz schon vor der Pandemie eine bessere digitale Ausstattung und teilweise auch mehr Erfahrungen im digitalen Unterricht hatten. Außerdem gab es in der Schweiz keine zweite Phase der Schulschließungen und eine geringere Zeit von Wechselunterricht. Das könnten Faktoren dafür sein, dass Schulleiter:innen die Notwendigkeit im Bereich Digitalisierung geringer eingeschätzt haben als in Deutschland.

Welche Voraussetzungen spielen eine Rolle dabei, wie gut Schulleitungen ihre Schule durch die Pandemie manövrieren konnten?
Aus der Schulentwicklungsforschung wissen wir grundsätzlich, dass Schulen, die eine höhere Fähigkeit zur Weiterentwicklung haben, sich besser an Herausforderungen anpassen können und leichter durch Krisen kommen. Entscheidend sind dabei das Schulleitungshandeln, die Kooperationsstrukturen, die Innovationsbereitschaft und die Selbstwirksamkeit.

Außerdem spielen die digitale Ausstattung und die Vorerfahrung mit digitalem Lernen eine wichtige Rolle. Unsere Daten zeigen, dass Schulen, die besser ausgestattet waren, auch besser durch die Krise gekommen sind.

Wie gut die Krisenbewältigung gelingt, hängt aber auch von der sozialen Lage und der Heterogenität der Schülerschaft ab. Schulen in heraufordernder Lage berichten in der Regel über höhere Herausforderungen.

Besonders große Herausforderungen für Grundschulen

Lassen sich Unterschiede in der Krisenbewältigung zwischen den Schularten ausmachen?
Die Schulart allein ist kein entscheidender Faktor. Was sich aber schon sagen lässt, ist, dass Grundschulen grundsätzlich vor besonders großen Herausforderungen standen, weil für die jüngeren Schüler:innen der Unterricht durch digitales Lernen schwerer zu ersetzen ist, ihre Aufmerksamkeitsspanne bei Videounterricht nicht so lang ist und auch die Fähigkeiten zur Selbststeuerung noch geringer ausgeprägt sind. Auch an Förderschulen waren digitale Lösungen nur zum Teil möglich.

Zu allen drei Befragungszeitpunkten der S-CLEVER-Studie haben sich Schulleitungen sehr zufrieden damit gezeigt, wie sie durch den Lockdown gekommen sind. Dabei waren anderthalb Jahre nach Beginn der Pandemie viele Probleme noch ungelöst – wie passt das zusammen?
Man muss hier die Ebenen unterscheiden. Aus Sicht der Schulen finde ich diese Befunde plausibel, weil eine Schulleitung darauf schaut, unter welchen Rahmenbedingungen – also zum Beispiel mit welcher Personaldecke und mit welcher digitalen Ausstattung – sie sich den Herausforderungen stellen muss. Unter diesen Gegebenheiten hat sie aus der eigenen Sicht vielleicht das Beste daraus gemacht.  Das schließt aber nicht aus, dass es trotzdem noch zahlreiche Baustellen gibt – für das Schulsystem insgesamt, aber auch für jede einzelne Schule.

Schulen brauchen eine individuell passgenaue Unterstützung

Was sollten sich Schulleiter:innen jetzt auf die Agenda setzen?
Sie müssen vor allem analysieren, was gut und was vielleicht weniger gut gelaufen ist. Um Nachhaltigkeit zu erreichen, sollten Schulleiter:innen die Dinge, die in der Krise gut gelaufen sind, sicherstellen und weiterentwickeln.

Die neue KMK-Präsidentin Karin Prien hat zu Beginn ihrer Amtszeit gesagt, Schulen bräuchten mehr Autonomie und mehr Raum fürs Experimentieren. Ist das auch ein Bedürfnis von Schulleitungen in Deutschland?
Der Wunsch nach Autonomie hat sich in der Pandemie an vielen Schulen noch mal verstärkt. Auch deshalb, weil sie in der Pandemie tatsächlich mehr Autonomie gehabt haben. Entweder haben sie diese bekommen, oder sie haben sich diese genommen, weil Dinge nicht anders umzusetzen waren. Gleichzeitig brauchen Schulen aber auch eine passende Unterstützung, die sich an den Bedarfen der jeweiligen Schule orientiert. Wichtig dabei ist eine gute Schulentwicklungsberatung. Die Schulaufsicht sollte das Gespräch mit den Schulen auf Augenhöhe suchen und Zielvereinbarungen vereinbaren.

Es kommt jetzt darauf an, die Erfahrungen in der Pandemie in die Zeit danach zu überführen und zu überlegen, wie das Gesamtsystem der Steuerung nun aussehen kann. Das ist eine große Herausforderung für die Administration, auch weil so viele verschiedene Akteur:innen beteiligt sind.

Die S-CLEVER-Studie

  • „S-CLEVER. Schulentwicklung vor neuen Herausforderungen“ ist eine Längsschnittstudie, die Erfahrungen von Schulleiterinnen und Schulleitern in Deutschland, Österreich und der Deutschschweiz während der Corona-Pandemie fokussiert.
  • Im Rahmen der Studie wurden Schulleiterinnen und Schulleiter der allgemeinbildenden Schulen in 14 deutschen Bundesländern, in Österreich und der Deutschschweiz zu drei Zeitpunkten im Schuljahr 2020/21 zur Entwicklung ihrer Schule im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie befragt: im Herbst 2020, im Frühjahr 2021 und im Sommer 2021.
  • Ein erster Bericht zu S-CLEVER erschien im Frühjahr 2021 zur ersten Befragungsrunde. Der zweite Bericht wurde im Januar 2022 veröffentlicht.
  • An der trinationalen S-CLEVER-Studie sind sechs Hochschulen bzw. Forschungsinstitute beteiligt. Für Deutschland gehören zum Konsortium die Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher Nina Jude von der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Tobias Feldhoff von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Falk Radisch von der Universität Rostock und Kai Maaz vom DIPF I Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. Für die Deutschschweiz ist Katharina Maag Merki von der Universität Zürich und für Österreich Stefan Brauckmann-Sajkiewicz von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt beteiligt.
  • Die Studie wird gefördert von der Robert Bosch Stiftung, der Jacobs Foundation und der Stiftung Mercator Schweiz.
  • Mehr zur S-CLEVER-Studie und zu den bislang erschienen Publikationen gibt es unter s-clever.org 
  • Der aktuelle Bericht von Januar 2022 zur länderübergreifenden S-CLEVER-Studie steht hier als PDF zum Download bereit: