Übergang ins Berufsleben : Gestärkt durch Corona?

Viel wird derzeit über Lernrückstände und psycho-soziale Defizite gesprochen, unter denen Schülerinnen und Schüler infolge der Corona-Pandemie leiden. Der Tübinger Bildungsforscher Richard Göllner ist davon überzeugt, dass der Umgang mit der Krise aber auch zu einem Kompetenzgewinn geführt hat – gerade bei Schulabgängerinnen und Schulabgängern. Im Interview mit dem Schulportal erklärt er, inwieweit die Erfahrungen mit der Corona-Pandemie Schülerinnen und Schüler in ihrer Entwicklung gestärkt haben, ihre Bildungskarriere prägen und was Schulen daraus lernen sollten.

Annette Kuhn 15. Juli 2021 Aktualisiert am 16. Juli 2021
3 Jugendliche in der Natur - Gestärkt durch Corona?
Hat die Corona-Krise Jugendliche selbstständiger gemacht? An der Elisabeht-Selbert-Schule in Hameln gehört eigenverantwortliches Lernen zum Konzept - während der Schulschließungen wurde es an vielen Schulen selbstverständlich..
©Theodor Barth/Robert Bosch Stiftung

Deutsches Schulportal: Gibt es eine „Generation Corona“?
Richard Göllner: Die Generation der Schülerinnen und Schülern der vergangenen beiden Jahre unterscheidet sich natürlich von den Schülerinnen und Schülern davor – sowohl was die Lern- und Leistungsentwicklung anbelangt, aber sicher auch, was bestimmte Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung betrifft. Die Schülerinnen und Schüler konnten weniger Erfahrungen machen, die für Generationen von Jugendlichen davor selbstverständlich waren. Sie hatten weniger soziale Kontakte, konnten nicht ins Ausland gehen oder schulbegleitende Praktika machen. Aber es gibt sicher auch positive Aspekte.

Welche sind das?
Die Kinder und Jugendlichen sind mit der Corona-Pandemie und den Schulschließungen in eine völlig neue Situation hineingeraten. Sie mussten auf einmal sehr viel eigenverantwortlicher ihre Lernprozesse organisieren und managen. Dabei mussten sie sich Gedanken darüber machen, wie sie ihren Tag gestalten und was sie dazu beitragen können, um Dinge zu lernen. Und vor allem mussten sie einen Lernweg finden, der zu ihnen passt. Dabei haben sie viel über sich selbst und ihr Arbeitsverhalten gelernt.

Die Fähigkeiten zur Selbststeuerung und Selbstorganisation sind nicht einfach da – man muss sie üben.

Ist das allen Schülerinnen und Schülern gleichermaßen gelungen?
Die Fähigkeiten zur Selbststeuerung und Selbstorganisation sind nicht einfach da – man muss sie üben. Das heißt, Schülerinnen und Schüler müssen im Idealfall sehr langsam an ein selbstverantwortliches Lernen herangeführt werden. Der persönliche Kontakt, regelmäßiges Feedback, klare zeitliche Vorgaben und keine zu langen Arbeitsintervalle sind gerade am Anfang dafür sehr wichtig.

Selbstverständlich spielt auch der familiäre Hintergrund beim Lernen zu Hause eine zentrale Rolle. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Forschungsbefunden im Bereich der Hausaufgabenforschung, die zeigen, welche häuslichen Bedingungen die selbstregulatorischen Fähigkeiten der Kinder fördern. Das sind Eltern, die den Kindern eine Struktur geben, sie bei der Zeiteinteilung und der Einrichtung des Arbeitsplatzes unterstützen. Und das sind Eltern, die verlässlich ansprechbar sind und helfen können, die den Kindern aber auch Raum lassen, ihre eigene Arbeitsweise zu finden, und sich nicht in alles einmischen.

Und neben diesen häuslichen Bedingungen sind die Persönlichkeit und das Alter weitere wichtige Faktoren. Ältere Schülerinnen und Schülern können ihren Lerntag natürlich besser selbst organisieren als jüngere Kinder. Besonders bei Abiturientinnen und Abiturienten konnte man sehen, dass sie von der Corona-Pandemie sogar profitiert haben.

In welcher Weise sind sie durch Corona gestärkt?
Im Unterschied zu den unteren Jahrgängen hatten gerade die Jugendlichen der Abschlussjahrgänge ein festes Ziel vor Augen. Zugleich waren sie in der Verantwortung, sehr viel selbstständiger den Lernstoff bewältigen zu müssen. Außerdem hatten die Schulen die Schulabgängerinnen und Schulabgänger besonders im Blick. Für sie fiel weniger Unterricht aus, und sie haben viel Unterstützung bekommen. Daher denke ich, dass die Abschlussjahrgänge in diesem und im vergangenen Jahr vermutlich relativ gut durchgekommen sind und sogar wichtige zusätzliche Kompetenzen erlangt haben.

Wird das auch für die kommenden Abschlussjahrgänge gelten?
Für die kommenden Abschlussjahrgänge wird das so wahrscheinlich nicht gelten. Die Schulen haben sich jetzt primär auf die Abschlussklassen konzentriert, die anderen Jahrgänge sind ein Stück weit hintenübergefallen. Die Schülerinnen und Schüler, die also erst im kommenden Schuljahr in die Abschlussklassen kommen, haben vermutlich eine weitaus größere Hypothek. Sie waren von den Schulschließungen in den vergangenen beiden Jahren vermutlich sehr viel stärker betroffen. Ich vermute daher, dass hier mit deutlich stärkeren Defiziten zu rechnen ist. Aber es fehlen im Moment noch Daten, um solche Fragen hinreichend beantworten zu können. Ich hoffe aber, dass die Überbrückungsangebote vor allem diese Schülerinnen und Schüler erreichen, denn sie stellen ohne Frage eine Risikogruppe dar.

Viele Schülerinnen und Schüler haben vom Digitalunterricht erstaunlich gut profitiert.

Werden Schülerinnen und Schüler, die in der Corona-Zeit ihren Schulabschluss machen, bei Universitäten und Ausbildungsbetrieben einen Corona-Makel haben?
Ich denke nicht, dass es so eine Stigmatisierung gibt. Es sind doch alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen betroffen, das heißt, der Arbeitsmarkt wird am Ende ohnehin mit den Jugendlichen arbeiten müssen, die zur Verfügung stehen.

Und auch wenn den Jugendlichen manche Erfahrungen fehlen, vertraue ich auf die Robustheit der jungen Menschen. Es wird vielleicht eine längere Übergangsphase geben, aber das wird sich einpendeln. Sie werden im Ausbildungsmarkt oder im Studium ankommen.

Was sollten Schulen und Lehrkräfte vor diesem Hintergrund für die Unterrichtsentwicklung mitnehmen?
Die Corona-Pandemie hat viele Möglichkeiten für digitalen Unterricht eröffnet. Jetzt geht es darum, zu schauen, welche Elemente im Präsenzunterricht bestehen bleiben und weiterentwickelt werden können. Viele Schülerinnen und Schüler haben vom Digitalunterricht erstaunlich gut profitiert. Das waren Schülerinnen und Schüler, die vielleicht sozial Schwierigkeiten in der Klasse haben, die sich leicht ablenken lassen und damit eigentlich keine gute Leistungsprognose für die Zeit des Online-Unterrichts hatten. In diesem Zusammenhang können die Erfahrungen der letzten Monate dazu beitragen, hilfreiche und flexible Lernangebote auch zukünftig möglich zu machen. Zum Beispiel könnten Schülerinnen und Schüler auch weiter die Möglichkeit haben, zumindest teilweise zu Hause oder an einem anderen außerschulischen Lernort zu arbeiten, sofern die rechtlichen Rahmenbedingungen dies erlauben.

Also soll es Ihrer Ansicht nach weiter Homeschooling geben?
Nein, eine wichtige Voraussetzung für solche flexiblen und individuellen Lösungen ist natürlich, dass sie nicht auf dem Rücken der Eltern praktiziert werden. Die Verantwortlichkeit muss klar bei der Schule bleiben. Das ist auch wichtig mit Blick auf die Bildungsgerechtigkeit. Je mehr wir das Lernen aus der Schule herausgeben, desto größer ist die Gefahr, dass Unterschiede zwischen Schülerinnen und Schülern aufgrund ihrer Herkunft größer werden. Das müssen wir in jedem Fall vermeiden.

 

Zur Person

Richard Göllner Universität Tübingen
Bildungsforscher Richard Göllner
©Uni Tübingen
  • Richard Göllner hat Psychologie studiert und ist Professor für Educational Effectiveness/Educational Trajectories am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen.
  • Er befasst sich mit Bildungsverläufen von Schülerinnen und Schülern. Zu seinen Forschungsgebieten gehören dabei u. a. die Erfassung und Entwicklung dispositionaler Persönlichkeitseigenschaften in der Schul- und Ausbildungszeit und die Modellierung von Kompositions- und Kontexteffekten im schulischen Umfeld.