Überblick : Lehrer gesucht – Wie der Quereinstieg ins Lehramt funktioniert

Quereinsteiger und Quereinsteigerinnen an Schulen sind in den meisten Bundesländern unverzichtbar angesichts des Lehrermangels. Was einst als Notlösung gedacht war, ist längst zum Normalfall geworden, und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Doch bis heute fehlt es bundesweit an einheitlichen Bedingungen und Qualitätsstandards für den Quer- und Seiteneinstieg. Das Schulportal bietet in diesem Beitrag einen Überblick über die verschiedenen Wege für Quereinsteigende in den Bundesländern, über die Qualifizierung und über den Stand der Wissenschaft dazu.
Florentine Anders 05. Mai 2022 Aktualisiert am 24. Mai 2022
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Lehrerin in Grundschule
Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger kommen meist mit wenig pädagogischen Kenntnissen an die Schule und werden berufsbegleitend qualifiziert.
©Sebastian Gollnow/dpa
Schon jetzt gehört der Lehrermangel zu den größten Herausforderungen im Bildungssystem. Und weder kurz- noch langfristig werden genügend Absolventinnen und Absolventen die Hochschulen verlassen, um diesen Mangel auszugleichen. Bis 2035 werden mindestens 23.800 Lehrkräfte fehlen, prognostiziert die Kultusministerkonferenz (KMK). Addiert man den zusätzlichen Bedarf durch den Ganztagsausbau oder auch durch geflüchtete Kinder und Jugendliche dazu, ist das Defizit noch wesentlich größer. Ein Studie des Bildungsexperten Klaus Klemm geht sogar von 158.700 fehlenden Lehrkräften bis 2035 aus. Zusätzlich werden, Prognosen der KMK zufolge, in den kommenden Monaten 24.000 Pädagoginnen und Pädagogen für geflüchtete Kinder und Jugendliche aus der Ukraine fehlen. Eine entscheidende Stellschraube, um diesem Problem zu begegnen, ist der Quereinstieg.

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Welche Wege für Quereinsteiger ins Lehramt gibt es in den Bundesländern?

Quereinsteigende haben meist zwei für das Lehramt relevante Fächer studiert, aber kein Lehramtsstudium absolviert. Voraussetzung für den Quereinstieg in die Schule ist, dass es in einem der Fächer nicht genügend ausgebildete Lehrkräfte gibt. Die sogenannten Mangelfächer unterscheiden sich von Jahr zu Jahr und von Bundesland zu Bundesland. Meist sind die MINT-Fächer betroffen, aber auch Fächer wie Musik oder Kunst sind häufig dabei. Die Quereinsteigenden besuchen, je nach Bundesland, vor dem Einsatz im Schuldienst einen mehrwöchigen oder manchmal auch nur mehrtägigen Einführungskurs und werden dann berufsbegleitend weiterqualifiziert. Außerdem werden sie in den Schulen besonders unterstützt, etwa durch Mentoring. In einigen Bundesländern gibt es den Quereinstieg nur in das berufsbegleitende Referendariat.

Informationen dazu gibt es in den Kultusministerien der Länder:

Der Ukraine-Blog für Schulen:

Alle aktuellen Beiträge und praxisrelevanten Infos an einem Ort.

Zum Blog

Wie lange dauert der Quereinstieg in die Schule?

Auch das ist je nach Bundesland unterschiedlich. Die Vorbereitungskurse sind in der Regel relativ kurz und umfassen nur einige Wochen. Häufig erfolgt der Einstieg in den Schuldienst direkt über das Referendariat. Die Dauer des Referendariats schwankt in den Bundesländern zwischen 12 und 24 Monaten. In den meisten Ländern sind es 18 Monate. Mehrere Universitäten bieten mittlerweile auch Masterstudiengänge für Quereinsteigende ins Lehramt an. Der Masterstudiengang K2teach an der FU Berlin beispielsweise bereitet Quereinsteiger und Quereinsteigerinnen auf die Herausforderungen des Lehrerberufs vor. Das Schulportal hatte das 2016 gestartete Angebot  in einem Beitrag genauer vorgestellt.

Was verdient man als Quereinsteigerin oder Quereinsteiger in den Lehrerberuf?

Wer das berufsbegleitende Referendariat abgeschlossen hat, verdient wie jede andere ausgebildete Lehrkraft auch. Anders ist es bei Seiteneinsteigenden, die keine volle Lehrbefähigung bekommen können, weil sie bestimmte Voraussetzungen nicht erfüllen und deshalb nur befristet, zum Beispiel als Vertretungslehrkräfte, eingesetzt werden.

Wo gibt es die meisten Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger in den Leherberuf?

Zu beachten ist, dass die Begriffe „Quereinstieg“ oder „Seiteneinstieg“ in den Bundesländern sehr unterschiedlich definiert sind. Einige erfassen den Einstieg in das Referendariat ohne Lehramtsstudium gar nicht als „Quereinstieg“, andere dagegen schon. Die Zahlen sind deshalb nicht oder nur eingeschränkt vergleichbar. In der Regel haben Quereinsteigende einen Uni-Abschluss, aber kein abgeschlossenes Lehramtsstudium und werden etwa über Nachqualifizierungen in Pädagogik geschult.

Vor allem die ostdeutschen Bundesländer müssen seit Jahren in großem Umfang auf Quereinsteigende setzen. Das zeigt auch die Abfrage des Schulportalszu Beginn des Schuljahres 2021/22.

In Berlin etwa waren 60 Prozent der Neueinstellungen Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger. Damit war Berlin absoluter Spitzenreiter.

In Brandenburg wurden 21 Prozent der Stellen mit Quereinsteigenden besetzt, 13 Prozent mit befristeten Bewerbern ohne Lehramtsausbildung.

In Mecklenburg-Vorpommern hatten 20 Prozent der Neueinstellungen kein Lehramtsstudium absolviert.

Sachsen-Anhalt hat für die Ausschreibungsrunde von Mitte Februar bis März 2021 laut Ministerium erstmals Agenturen eingeschaltet, die gezielt nach Lehrkräften aus dem Ausland sowie nach Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern suchen.

Auch in einigen westdeutschen Bundesländern wurden offene Lehrerstellen in Mangelfächern, für die es keine ausgebildeten Bewerberinnen und Bewerber gab, mit Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern besetzt – allerdings in geringerem Umfang.

Seit dem Schuljahr 2021/22 gibt es erstmals auch in Bayern Quereinsteigende in den Vorbereitungsdienst an Mittelschulen. Das Kultusministerium bezeichnet diesen Weg ins Lehramt als „Sondermaßnahme“.

Welche wissenschaftliche Erkenntnisse zum Quereinstieg ins Lehramt gibt es?

Die Studie „Unterschiedliche Wege ins Lehramt – unterschiedliche Kompetenzen?“, die im Jahr 2020 veröffentlicht wurde, hat gezeigt, dass die Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger im Vergleich zu den regulären Lehramtsanwärterinnen und -anwärtern in fachlicher Hinsicht nicht schlechter abschneiden. Sie zeigte auch mehr Stressresistenz bei den Quereinsteigenden. An der Untersuchung beteiligt waren Christin Lucksnat und Dirk Richter von der Universität Potsdam. „Die fachlichen und fachdidaktischen Kompetenzen und auch die Motivation sind auf einem ähnlichen Niveau. Ungünstigere Voraussetzungen haben wir bei den Quereinsteigern nur in den pädagogisch-psychologischen Kenntnissen festgestellt“, sagte Lucksnat im Interview mit dem Schulportal.

Im November 2020 legte das Verbundprojekt „Monitor Lehrerbildung“ die Untersuchung „Flexible Wege ins Lehramt?! Qualifizierung für einen Beruf im Wandel“ vor. Demnach gab es zu diesem Zeitpunkt nur an 8 von 61 deutschen Hochschulen berufsbegleitende Weiterbildungsstudiengänge für Seiteneinsteigende ohne Lehramtsqualifikation. 16 Hochschulen hatten Quereinstiegs-Masterstudiengänge in Vollzeit für das Lehramt konzipiert, viele aber nur für das Lehramt an Berufsschulen der gewerblich-technischen Fachrichtungen.

Im März 2019 hat Bildungsforscher Klaus Klemm im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung in einer Übersicht veröffentlicht, wie viele Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger 2017/18 in den 16 Bundesländern beschäftigt wurden. Bundesweit lag der Anteil damals bei 12,7 Prozent. Außerdem hat Klemm die für jedes Land seinerzeit gültigen Bestimmungen skizziert, welche Voraussetzungen zu erfüllen sind, um als Lehrer oder Lehrerin eingestellt zu werden, und wie die weitere Qualifizierung aussieht.

Die Bertelsmann Stiftung hatte 2018 in einer Studie nachgewiesen, dass sich die Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger in Berlin tatsächlich, je nach sozialer Lage der Schule, ungleich verteilen. Der Anteil der Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger war demnach schon im Schuljahr 2016/17 an Grundschulen in sozial schwierigen Lagen mit durchschnittlich knapp 7 Prozent mehr als doppelt so hoch wie an Schulen in besser gestellten Lagen. Über die Ergebnisse und die Konsequenzen sprach das Schulportal mit Alexandra Marx und Dirk Zorn aus dem Autorenteam der Studie.

Wie werden Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger an Schulen unterstützt?

Neben einer Ausbildung ist auch die Unterstützung für die Quereinsteigenden an den Schulen entscheidend für den Erfolg. Christin Tellisch, Vizepräsidentin für Forschung der Hochschule für angewandte Pädagogik in Berlin, hat sich solche Mentoring-Programme genauer angeschaut und erklärt im Interview mit dem Schulportal, welche Unterstützung Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern in der Schule brauchen, wie Mentorinnen und Mentoren von dem Input der Mentees profitieren können und wie sich Mentoring auch in Zeiten von Lehrkräftemangel umsetzen lässt.