Petition : Prominente fordern: „Jedes Kind muss lesen lernen!“

Schriftstellerin Boie hatte mit einem Aufschrei gerechnet, als die IGLU-Studie zur Lesekompetenz von Grundschülerinnen und -schülern veröffentlicht wurde.
Doch schnell sei das Thema wieder aus der Öffentlichkeit verschwunden gewesen. Boie blieb dran und gewann immer mehr namhafte Mitstreiter.

15. August 2018
ein Kind mit Buch
Kinder sollten das Lesen an Grundschulen in Kleingruppen üben, fordern die Unterzeichner der Petition.
©Johnny McClung (unsplash)

Prominente Vertreterinnen und Vertreter aus Bildung, Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft sorgen sich um die Lesekompetenz von Kindern in Deutschland und fordern die Politik zum Handeln auf. In einer «Hamburger Erklärung» appellieren Unterzeichnenden wie die Schriftstellerinnen und Schriftsteller Kirsten Boie, Ulla Hahn und Ulrich Wickert an die Bildungspolitik, das Lesenlernen und Lesen sehr viel stärker in den Fokus zu rücken. Mit rund 25 namhaften Erstunterzeichnern startet die Petition «Jedes Kind muss lesen lernen!» am Mittwoch auf der Plattform Change.org.

«Dass fast ein Fünftel unserer Zehnjährigen nicht richtig lesen kann, ist dramatisch», sagte Kinder- und Jugendbuchautorin Boie («Ritter Trenk», «Skogland») der Deutschen Presse-Agentur. Die 68-Jährige, die selbst früher Lehrerin war, ist Initiatorin der «Hamburger Erklärung». Alarmierend fand sie die Ende vergangenen Jahres veröffentlichten Ergebnisse der internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) 2016, die feststellte, dass knapp ein Fünftel (18,9 Prozent) der Zehnjährigen in Deutschland nicht so lesen kann, dass der Text dabei auch verstanden wird.

16 Länder haben Deutschland in der Lesekompetenz überholt

Im internationalen Vergleich rutschte Deutschland damit seit 2001 von Platz 5 auf Platz 21 aller beteiligten Länder ab. «Ich hatte mit einem Aufschrei gerechnet, doch nach wenigen Tagen war das Thema aus der Öffentlichkeit wieder verschwunden», sagte Boie. «Dass uns 16 Länder überholt haben, zeigt doch, dass es möglich ist, etwas zu tun – auch in vergleichbaren Ländern.» Noch  dazu gehört Deutschland zu den Ländern, bei denen das Ergebnis am stärksten von der sozialen Herkunft der Kinder abhänge.

Nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Literatur- und Sprachwissenschaft verschiedener Einrichtungen, Stiftungen und der Universität der Hansestadt unterstützen die Schriftstellerin. Die Liste der Erstunterzeichnerinnen und Erstunterzeichner reicht von Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter und dem Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper, Kent Nagano, über den ehemaligen Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) und den Ärztlichen Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKE, Michael Schulte-Markwort, bis hin zu Moderatorin Bettina Tietjen und Michel-Pastor Alexander Röder.

Das Lesen darf nicht den derzeitigen (kosten)intensiven Bemühungen um die Digitalisierung der Schulen zum Opfer fallen.

Was die Unterzeichnenden fordern: frühzeitige Fördermaßnahmen in Kleingruppen an den Grundschulen und mehr Studienplätze für die Lehrerausbildung, um ausreichend Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer einstellen zu können. Außerdem müsse es Bibliotheken, Lesungen und Lektüreprogramme gerade auch an solchen Schulen geben, deren Schülerschaft eher bildungsfern ist. «Für all diese Zwecke müssen jetzt genügend Mittel in den Haushalten ausgewiesen werden», heißt es in der Petition. “Das Lesen darf nicht den derzeitigen (kosten)intensiven Bemühungen um die Digitalisierung der Schulen zum Opfer fallen.”

Auch das PEN-Zentrum Deutschland unterstützt die Aktion

Mit Nachdruck unterstützt auch das PEN-Zentrum Deutschland die Aktion, Präsidentin Regula Venske gehört zu den Erstunterzeichnern. Dass Deutschland mit diesem Abschneiden unter dem EU- wie auch dem OECD-Durchschnitt liege, sei ein Skandal, der nicht länger hingenommen werden könne, heißt es in einer Mitteilung. Es gefährde die Demokratie, «wenn ein beträchtlicher Teil der Bürger unseres Landes nur noch unzureichend oder gar nicht mehr sinnentnehmend lesen und somit gar nicht oder unzureichend mitreden kann».

Wer nach der Grundschulzeit nicht sinnentnehmend lesen könne, werde es in den weiterführenden Schulen nicht lernen, heißt es in der «Hamburger Erklärung». Denn hier werde Lesen nicht mehr gelehrt, sondern vorausgesetzt. Die Lösung des Problems dürfe nicht länger an Eltern oder Ehrenamtliche delegiert werden, forderte Boie. «Nur die Schule erreicht wirklich alle Kinder.» Am Weltkindertag (20. September) sollen die Unterschriften an Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU), die Kultusministerkonferenz und die zuständigen Politikerinnen und Politiker in den Bundesländern übergeben werden.

«Wir hoffen, dass wir viele Menschen in Deutschland finden, die mit ihrer Unterschrift zeigen, dass ihnen das Thema wichtig ist», sagte Boie. «Das Lesen hat sonst keine Lobby, eigentlich müsste die deutsche Bevölkerung die Lobby fürs Lesen werden.»

dpa

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