Dieser Artikel erschien am 23.10.2018 in der taz
Autorin: Simone Schmollack

OECD-Bericht zu Bildungsgerechtigkeit : Postleitzahl entscheidet über Zukunft

Die Chancengleichheit für Kinder in Deutschland hat zugenommen. Doch noch immer gilt: Wer einmal als „abgeschrieben“ gilt, bleibt es.

Schüler meldet sich im Unterricht
Der Wohnort entscheidet in Deutschland noch immer über den Erfolg in der Schule.
©dpa

Ein Kind, bei dem im Klassenbuch unter „Adresse“ die Postleitzahl 10437 verzeichnet ist, hat größere Chancen, Chemi­ker*in, Musik­lehrer*in oder Wirtschafts­prüfer*in zu werden, als ein Kind, bei dem 28237 steht. 10437 steht für Berlin-Prenzlauer Berg, Hotspot Helmholtz­platz. Dort wohnen haupt­sächlich Akademiker*innen mit gut bezahlten Jobs in geräumigen Alt­bau­wohnungen, die den Be­wohner*innen in der Regel gehören. In Gröpelingen mit der Post­leit­zahl 28237 sieht es anders aus: Der Bremer Stadt­teil gilt als sozialer Brenn­punkt mit einer Arbeits­losen­quote von über 26 Prozent. Die mehrheitlich migrantischen Groß­familien leben in viel zu kleinen Wohnungen, die Polizei ist oft im Einsatz vor Ort.

Zwei Postleitzahlen, die im Grunde nichts aussagen – und doch alles: Der Zufall des Geburts­ortes entscheidet noch immer über Bildungs- und Entwicklungs­chancen eines Kindes. Die Spanne zwischen den „Gewinner*innen“ und „Verlierer*innen“ ist laut des am Dienstag veröffentlichten neuen Bildungs­berichts der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammen­arbeit (OECD) zwar gesunken. Das heißt aber noch lange nicht, dass sich die Bildungs­chancen von Kindern in Deutschland merklich verbessert haben. Im Gegen­teil: Im inter­nationalen Ranking liegt Deutschland noch immer hinter Ländern wie Schweden, Dänemark und Neusee­land und in etwa auf Höhe von Chile, Mexiko, Montenegro.

Das deutsche Spezifikum: Wer zu Hause gefördert und gefordert wird, wer mit Büchern und Eltern aufwächst, die dem Kind die Welt erklären, geht gestärkter und selbst­bewusster ins Leben als jemand, dessen Eltern zu den sogenannten Bildungs­fernen und „Abgehängten“ zählen. Das heißt nicht, dass diese Mütter und Väter ihre Kinder weniger liebe­voll erziehen und versuchen, ihnen das mitzu­geben, von dem sie glauben, dass es richtig sei für einen Alltag, in dem es nicht selten ums nackte Über­leben geht.

Darin steckt das deutsche Dilemma: Wer einmal als „abgeschrieben“ gilt, der bleibt abgeschrieben. Den Betroffenen gilt häufig die rhetorische Solidarität der politischen Elite, daraus folgen aber selten reale Handlungen. Bildungs­karrieren wie die eines Gerhard Schröder, der auf einem Bauern­hof geboren und Jahrzehnte später Bundes­kanzler wurde, gehören mittlerweile zur sozial­demokratischen Bildungs­nostalgie: Mit uns kann aus jedem Kind etwas werden.

Der aktuellen OECD-Studie zufolge wird heute fast die Hälfte der Kinder mit erschwerten sozialen Bedingungen in Schulen geschickt, in denen sie auf andere benachteiligte Kinder stoßen. Die Folgen benennt die OECD deutlich: Der Anteil schwacher Schüler*innen in Deutschland ist von rund 25 Prozent im Jahr 2006 auf über 32 Prozent im Jahr 2015 gestiegen – so stark wie in kaum einem anderen Land.

Was hilft dagegen? Ausreichende frühkindliche Bildung, gemischte Klassen, längeres gemeinsames Lernen, Ganztags­schulen. All das sind keine neuen Vorschläge, sondern alt­hergebrachte Ideen. Offenbar aber lassen sie sich leichter fordern, als sie umzusetzen sind. Dafür nun aber ausschließlich „die Politik“ in die Pflicht zu nehmen, ist so fatal wie verkehrt.

Manchmal sind es die Ak­teur*innen selbst, die das Dilemma fortschreiben. So grenzen manche Lehrer*innen benachteiligte Kinder aus und empfehlen sie nicht für weiter­bildende Schulen, obwohl die Mädchen und Jungen die Leistungen dafür haben. Und nicht wenige Eltern, darunter Bildungs­kritiker*innen par excellence, schicken ihre eigenen Kinder lieber auf Elite- und Privat­gymnasien als auf Schulen mit einem mehr oder weniger hoher Migrant*innen­anteil. Auf diese Weise bleiben die Kinder aus 10437 weiter unter sich. Und die aus 28237 eben auch.