PISA 2018 : Jeder fünfte 15-Jährige liest auf Grundschulniveau

Die neuen PISA-Ergebnisse zeigen einen leichten Negativtrend bei den Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler. Im Fokus der größten internationalen Schulleistungsvergleichsstudie von 2018, die am Dienstag vorgestellt wurde, stand diesmal die Lesekompetenz. Hier ist Deutschland nach einer leichten Verbesserung 2012 und 2015 wieder auf dem Niveau von 2009 angelangt. Bildungsforscher Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Mitautor des aktuellen PISA-Berichts, zeigt sich besorgt darüber, dass der Anteil leseschwacher Schülerinnen und Schüler gestiegen ist. Über Ursachen dieser Entwicklung und wie Schulen gegensteuern können, sprach das Schulportal mit Michael Becker-Mrotzek.

Annette Kuhn / 03. Dezember 2019
Jugendliche lesen vor Computer
Das Leseverhalten hat sich im digitalen Zeitalter verändert. Doch viele Jugendliche in Deutschland sind laut der neuen PISA-Studie auf die damit verbundenen Anforderungen nicht gut vorbereitet.
©Sebastian Gollnow/dpa

Deutsches Schulportal: Die Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler bei der Lesekompetenz haben sich zwar seit der ersten PISA-Vergleichsstudie im Jahr 2000 erkennbar verbessert, aber im Vergleich zu PISA 2009 und zur Erhebung 2015 stagnieren die Leistungen oder gehen sogar leicht zurück. Woran liegt das?
Michael Becker-Mrotzek: Die Ergebnisse bleiben im Schnitt stabil gegenüber 2009. Das ist vor dem Hintergrund einer deutlich veränderten Schülerschaft positiv zu sehen. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die einen Migrationshintergrund haben und mehrsprachig aufwachsen, hat seit 2000 zugenommen. Für sie stellt der Erwerb der deutschen Sprache eine besondere Herausforderung dar. Aber gerade an den Schulen, die nicht direkt zum Abitur führen, hat der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die auf niedrigster Kompetenzstufe lesen, zugenommen. Das ist besorgniserregend. Das Bildungssystem ist gefordert, sich dieser Schülerinnen und Schüler anzunehmen. Die Maßnahmen zur Leseförderung sind eher bei den Gymnasiastinnen und Gymnasiasten angekommen. Sie konnten ihre Leistungen noch mal steigern. Eingetreten ist also ein Matthäus-Effekt.

Der Anteil leseschwacher Schülerinnen und Schüler bleibt in Deutschland immerhin noch unter dem OECD-Schnitt.
Das ist richtig. In Deutschland erreichen 21 Prozent der getesteten Schülerinnen und Schüler die Kompetenzstufe 1 – also die niedrigste von 6 Kompetenzstufen. Im OECD-Schnitt sind es 23 Prozent. Da sind wir im Vergleich zwar nicht so schlecht, aber beispielsweise Estland hat nur 11 Prozent. Wenn man sich allerdings diejenigen anschaut, die nicht gymnasiale Schulformen besuchen, beträgt der Anteil 29 Prozent, und das ist deutlich über dem OECD-Schnitt. Fast jeder dritte dieser 15-Jährigen liest also auf Grundschulniveau. Dieser Anteil hat gegenüber den PISA-Studien 2009 und 2015 um 6 beziehungsweise 8 Prozent zugenommen.

Jungen sind bei den Leseschwachen überproportional vertreten, und auch bei den Lesemuffeln ist ihr Anteil deutlich größer.

Reichen die Maßnahmen an deutschen Schulen zur Förderung der Lesekompetenz nicht aus?
Die Länder haben seit PISA 2000 viele Programme auf den Weg gebracht, was aber fehlt, ist, die Sprachbildung systematisch, durchgängig und umfassend zu gestalten. Wir haben viele Projekte – Lesepaten, Buchpakete, Lesenächte, Kooperationen mit Bibliotheken. Das sind punktuelle Maßnahmen, und davon scheinen nur bestimmte Schülerinnen und Schüler zu profitieren. Diejenigen, denen es an basalen Fertigkeiten fehlt, profitieren davon noch nicht. Die Vermittlung der sprachlichen Fertigkeiten im Lesen, Schreiben und in der mündlichen Kommunikationsfähigkeit muss stärker als bisher systematisch erfolgen. Dabei will auch das Programm BiSS Transfer Unterstützung geben.

Was ist BiSS Transfer?
BiSS Transfer unterstützt etwa 10 Prozent der Schulen in Deutschland in den Bereichen Leseförderung, aber auch sprachsensibler Fachunterricht und Schreibförderung. Sie sollen fest in der Schul- und Unterrichtsentwicklung verankert werden. Zum Beispiel wird im dritten und vierten Schuljahr ein Leseförderband eingezogen, in dem täglich Lese- und Schreibstrategien eingeübt werden. In kurzen Arbeitsphasen, dafür möglichst täglich und über einen langen Zeitraum.

Der Unterschied zwischen Mädchen und Jungen bei der Leseleistung ist nach PISA 2018 zwar nicht mehr so groß wie noch in der Vergleichsstudie 2009, aber Schülerinnen schneiden immer noch deutlich besser ab. Was können Schulen tun, um diese Kluft zu überwinden?
In der Spitze haben die Jungen zwar aufgeholt, aber in der Tat sind Jungen bei den Leseschwachen überproportional vertreten, und auch bei den Lesemuffeln ist der Anteil der Jungen deutlich größer. Das verstärkt natürlich einen Trend: Wenn man nicht gern liest, liest man wenig, und wenn man wenig liest, hat man wenig Übung. So werden die Leseleistungen immer schlechter. Es ist daher wichtig, Jungen verstärkt in der Leseförderung zu berücksichtigen. Eine Rolle können dabei die Themen und der Lebensweltbezug der Texte sein, die man ihnen anbietet.

Wir brauchen in den Schulen eine systematische Leseförderung, die an dem ansetzt, was man auch diagnostiziert.

In der Pubertät lässt die Lesemotivation dann überdies oft nach. Wie wirkt sich das aus?
Wir sehen es ja bei den 15-Jährigen, wenn die PISA-Daten bei den Jugendlichen erhoben werden. Dieser Zeitpunkt markiert das Ende einer längeren Entwicklung, die im Kindergarten mit der sprachlichen Bildung beginnt, in der Grundschule mit dem Schriftspracherwerb weitergeht und sich in der Sekundarstufe mit dem Nutzen in der Lesekompetenz in den Sachfächern fortsetzt. Wenn man gern und viel liest, verläuft diese Entwicklung positiv und verstärkt seine Kompetenz immer weiter. Man kann aber auch in eine Negativspirale kommen, wenn man Schwierigkeiten hat, immer weniger liest und so immer schlechter wird.

Dabei spielt auch der sozioökonomische Hintergrund der Schülerinnen und Schüler gerade in Deutschland weiterhin eine große Rolle. Wer also vom Elternhaus wenig motiviert wird, zu lesen, kommt aus dieser Spirale nur schwer heraus. Wie können Schulen entgegenwirken?
Wir brauchen in den Schulen eine systematische Leseförderung, die an dem ansetzt, was man auch diagnostiziert. Wenn man also feststellt, dass eine Schülerin oder ein Schüler bestimmte Standards nicht erreicht, dann muss man sie oder ihn an dieser Stelle gezielt fördern, um die Rückstände aufzuholen. Wenn es an Leseflüssigkeit mangelt, muss ich da ansetzen. Wenn die Leseflüssigkeit da ist, aber jemand die Leselust verloren hat, muss ich da ansetzen. Es nützt nichts, mit Schülerinnen und Schülern, die noch große Schwierigkeiten mit der Leseflüssigkeit haben, eine lange Lesenacht zu machen, bei der sie sich nur langweilen, weil sie kein Buch lesen können. Viele Maßnahmen, die in den Schulen nach PISA 2000 durchgeführt wurden, setzen aber gerade in der Lesemotivation an. Die bringen wenig, wenn es an den basalen Fertigkeiten fehlt.

Wenn eine Schule sich auf den Weg machen will, dann darf im Deutschunterricht nicht Hü und im Physikunterricht Hott gesagt werden.

Wie kann das konkret aussehen?
Die systematische Förderung muss Teil der Schul- und Unterrichtsentwicklung werden. Wenn eine Schule sich auf den Weg machen will, dann darf im Deutschunterricht nicht Hü und im Physikunterricht Hott gesagt werden. Das heißt, eine Schule, ein Kollegium muss gemeinsam ein Konzept für die Sprachbildung und den Aufbau von Lesekompetenz vermitteln: Welche Strategien vermitteln wir? Wann machen wir Leseflüssigkeitstraining? Wie kann man die Strategien einsetzen? Wie gehe ich mit Quellentexten um? Dieses Konzept muss dann konsequent in allen Unterrichtsfächern umgesetzt werden. Das ist natürlich eine große Herausforderung.

Wie ändert sich das Lesen in der digitalen Welt? Sind Schüler in Deutschland darauf vorbereitet?
Die basalen Leseprozesse auf Papier oder digital sind identisch. Lesen mit digitalen Medien erfordert aber zusätzliche Qualifikationen: Ist das, was ich da lese, für mich relevant? Ist es glaubhaft? Anders als bei Büchern oder Printmedien durchlaufen viele digitale Texte keine Qualitätskontrolle mehr. Das verlangt eine Einschätzung nach der Relevanz und Glaubwürdigkeit. Gleichzeitig fehlt digitalen Medien, die aus mehreren Quellen bestehen, der rote Faden. Den müssen Leserinnen und Leser selber legen.

Die Anforderungen an die Lesekompetenz sind also noch gestiegen. Gleichzeitig gibt es eine größere Zahl von Jugendlichen, die nicht in der Lage sind, einfachste Texte zu verstehen. Das stimmt nicht gerade zuversichtlich.
In der Tat. Wenn das Bildungssystem es nicht hinbekommt, die basalen Fertigkeiten systematisch zu fördern, werden die nächsten PISA-Ergebnisse besorgniserregender.

Zur Person

Michael Becker-Mrotzek Porträt
©A. Enges/Mercator-Institut
  • Michael Becker-Mrotzek ist seit 2012 Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache.
  • Er ist Professor für deutsche Sprache und ihre Didaktik an der Universität Köln und seit 2013 Sprecher der Bund-Länder-Initiative „Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS).
  • Michael Becker-Mrotzek ist Mitautor des aktuellen PISA-Berichts und an der Auswertung des Bereichs Lesekompetenz beteiligt.