Philologenverband : „Geschenkt bekommt sein Abitur niemand”

Schlauere Schüler oder gesunkene Anforderungen? Immer öfter bekommen Abiturienten die Note Eins. Der Hochschulverband warnte kürzlich vor einer „Noteninflation". Der Philologenverband fordert eine Anhebung des Niveaus bei den Prüfungen und sieht verschiedene Gründe für die Zunahme von Abizeugnissen mit einer Eins vor dem Komma.

04. Oktober 2019
Schüler im Abitur bei einer Klausur
Sind die Aufgaben im Abitur zu einfach? Ein Schüler liest sich bei der Prüfung in eine Deutschaufgabe ein.
©Felix Kästler,dpa

In der Debatte um eine steigende Zahl von Abiturientinnen und Abiturienten mit der Note Eins im Abitur hat der Philologenverband Qualitätseinbußen zurückgewiesen. „Geschenkt bekommt sein Abitur niemand. Abiturienten wissen viel, in der Tiefe und in der Breite”. Das sagte die Bundesvorsitzende des Philologenverbands (DPhV), Susanne Lin-Klitzing, der Deutschen Presse-Agentur. Das Abitur sei nach wie vor ein anspruchsvoller Abschluss. In allen Schularten sei allerdings „ein politisch gewünschter Trend zu besseren Noten zu verzeichnen”.

Der Hochschulverband (DHV) hatte angesichts einer deutlich steigenden Zahl von Abiturientinnen und Abiturienten mit mindestens der Abschlussnote 1,9 jüngst gefordert, man solle einer „Noteninflation” Einhalt gebieten. Aus den Hochschulen kämen Klagen über das Text- und Schreibverständnis der Studentinnen und Studenten und über Schwierigkeiten in Mathematik. Es sei zutreffend, dass auf jedem vierten Abiturzeugnis 2018 eine Eins vor dem Komma stand, während zehn Jahre zuvor „nur” etwa jeder fünfte ein „Einser-Abiturient” war, schilderte Lin-Klitzing.

Um zu bestehen, müssen Prüflinge im Abitur 45 Prozent des Abgefragten wissen

Ein Faktor könne eine spezielle Notenverordnung der Kultusministerkonferenz (KMK) von 2016 sein. Sie sei mit dem begrüßenswerten Ziel geschaffen worden, eine höhere Vergleichbarkeit der Abschlüsse unter den Bundesländern zu erreichen. Es deute nun aber einiges darauf hin, dass das Niveau etwas gesenkt worden sei. Beispiel: Um eine Abi-Klausur zu bestehen, müssen Schülerinnen und Schüler nach der KMK-Verordnung nur noch 45 Prozent des Abgefragten wissen. In manchen Ländern seien dafür zuvor 50 Prozent nötig gewesen. Bis 2020 müsse die Umsetzung der Verordnung in allen Länder umgesetzt sein.

Der Philologenverband, der vor allem Gymnasiallehrerinnen und -lehrer vertritt, plädierte dafür, dass Niveau anzuheben, wenn man eine bessere Vergleichbarkeit herstellen wollen. So wäre es sinnvoll, bundesweit fünf Abitur-Prüfungsfächer einzuführen, darunter verpflichtend Deutsch, Mathe und eine Fremdsprache, so wie etwa aktuell in Bayern. Tatsächlich sei das Bild hier derzeit aber unterschiedlich. Das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen etwa verlange nur vier Fächer.

Da auch wegen Zuwanderung und Inklusion viel Energie in die Unterstützung von Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf gesteckt werde, falle die Begabtenförderung oft sehr schwach aus, kritisierte Lin-Klitzing. „Der Gedanke ist: Die Guten schaffen es sowieso, die anderen muss ich stützen.” Die wichtige Förderung besonderer Talente bei begabten Schülerinnen und Schülern – etwa in Arbeitsgemeinschaften oder mit zusätzlichen Fremdsprachen – habe abgenommen, hier gebe es eine größere Lücke.

dpa