Personalnotstand : „Erst an den Erziehungsauftrag gewöhnen“

Wegen des Fachkräftemangels an Grundschulen werden dort immer häufiger Lehrkräfte aus den Gymnasien eingesetzt. Doch die Schularten haben methodisch-didaktisch fast nichts gemeinsam. Eine Lehrerin erzählt, wie sie den Wechsel erlebt hat.

Alexandra Mankarios / 03. Mai 2018
Der Unterricht an der Grundschule erfordert eine völlig andere Didaktik als am Gymnasium.
Der Unterricht an der Grundschule erfordert eine völlig andere Didaktik als am Gymnasium.
©iStock

Anna Hübenet gehört zur jüngsten Lehrergeneration in Deutschland. Im April 2017 hat die heute 27-Jährige ihr Referendariat an einem Bocholter Gymnasium abgeschlossen. Eine Stellenzusage an einem Berufskolleg hatte sie aber erst zum neuen Schuljahr. Um die dreieinhalb Monate bis dahin zu überbrücken, wechselte die Gymnasiallehrerin mit den Fächern Sozialwissenschaften und Pädagogik vertretungsweise an eine Grundschule.

Deutsches Schulportal: Frau Hübenet, warum haben Sie sich für eine Vertretungsstelle an einer Grundschule entschieden?
Anna Hübenet: In meinem näheren Umkreis gab es damals keine Vertretungsstelle an einem Gymnasium. Ich hätte dafür ins Ruhrgebiet fahren müssen, aber das war für meine Stundenanzahl sehr unattraktiv. Während des Studiums hatte ich schon mal an einer Grundschule gearbeitet – und so habe ich es als Chance für mich gesehen, noch einmal in den Bereich Grundschulpädagogik hineinzuschauen und Erfahrungen zu sammeln.

An der Schule, an die ich dann kam, war eine Sonderpädagogin wegen einer Schwangerschaft ausgefallen. Deshalb wurde ich gar nicht als „normale“ Grundschullehrerin, sondern sogar als Sonderpädagogin eingesetzt. Ich habe also Kinder mit den Förderschwerpunkten Lernen oder Sprache im Unterricht begleitet.

Die Kolleginnen und Kollegen waren froh, dass ich da war. Und ich war froh, dass sie da waren.
Anne Hübenet, Lehrerin

Was war die größte Herausforderung an der Grundschule?
Zunächst mal der Altersunterschied zu meinen vorherigen Schülerinnen und Schülern. Am Gymnasium hatte ich aufgrund meiner Fächerkombination hauptsächlich mit den höheren Jahrgängen zu tun. Deshalb musste ich mich erst an den ganz anderen Erziehungsauftrag an der Grundschule gewöhnen. Zum Beispiel spielen Regeln eine zentrale Rolle. Auch die Ansprache unterscheidet sich erheblich. Genauso wie die Didaktik oder die Einschätzung der Lernstände der Kinder – da wurde ich ein bisschen ins kalte Wasser geworfen. Am Gymnasium ist die Didaktik ganz anders, und man plant den Unterricht auf einen völlig anderen Lern- und Entwicklungsstand hin. Aber das Kollegium an der Grundschule hat mich sehr unterstützt. Die Kolleginnen und Kollegen waren froh, dass ich da war. Und ich war froh, dass sie da waren.

Was hat Ihnen an der Grundschule am besten gefallen?
Vor allem die Arbeit mit Kindern in dieser Altersklasse! Man bekommt ein bisschen mehr zurück als bei den Älteren. Zum Beispiel wurde ich mit viel mehr Freude begrüßt – die Kinder hatten sehr viel Spaß. Außerdem habe ich an der Grundschule viel gelernt. Ich kann jetzt diese Altersklasse viel genauer einschätzen und habe einen besseren Einblick, wie die Kinder lernen und wie man Unterricht für sie gestalten muss.

Welchen Tipp würden Sie Gymnasiallehrkräften geben, die an eine Grundschule wechseln?
Ganz wichtig finde ich, dass man sich Hilfe bei den Kolleginnen und Kollegen sucht, anstatt als Einzelkämpferin oder Einzelkämpfer anzutreten. Außerdem halte ich es für hilfreich, sich zuvor klarzumachen, welchen Erziehungsauftrag Grundschulen haben – damit hat man am Gymnasium viel weniger zu tun.

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