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Deutsches Schulbarometer : Pandemie trifft Förderschulen besonders hart

Eine Sonderauswertung des Deutschen Schulbarometer zeigt: Die Förderschulen arbeiten in der Corona-Pandemie häufig unter erschwerten Bedingungen. Gleichzeitig sind die Herausforderungen dort besonders groß. Die Mosaikschule in Marburg, Preisträgerschule des Deutschen Schulpreises Spezial 20I21, hat dennoch einen innovativen Weg gefunden, mit der Krise umzugehen. Welche Gelingensbedingungen brauchen Förderschulen? Und wie kann die Politik dabei unterstützen? Darüber sprach das Schulportal mit Susanne Geller, Schulleiterin der Mosaikschule, und Alexander Lorz, Kultusminister in Hessen.

Florentine Anders 03. Dezember 2021 1 Kommentar
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Die Herausforderungen der Corona-Pandemie sind für Förderschulen offenbar besonders groß. Das zeigt eine Sonderauswertung des Deutschen Schulbarometers, eine repräsentative Lehrerbefragung im Auftrag der Robert Bosch Stiftung. Entsprechend ausgeprägt sind auch die Lernrückstände und emotionalen Defizite, die durch die Pandemie an Förderschulen entstanden sind.

An den Förderschulen gaben die Lehrkräfte in der Befragung vom September an, dass im Durchschnitt 42 Prozent der Schülerinnen und Schüler erhebliche Lernrückstände haben. Der Durchschnitt über alle Schularten lag bei 33 Prozent. Dennoch haben die Förderschulen weniger Unterstützung durch das Aufholprogramm: 59 Prozent der Lehrkräfte an Förderschulen sagten, dass es kein zusätzliches Personal, wie etwa Lehramtsstudierende oder pensionierte Lehrkräfte, im Rahmen des Aufholprogramms an ihrer Schule gibt. Insgesamt, über alle Schularten hinweg, sagten das 45 Prozent.

Förderschulen arbeiten oft unter erschwerten Ausgangsbedingungen. So sahen beispielsweise 84 Prozent der befragten Lehrkräfte an Förderschulen den größten Verbesserungsbedarf für den Fern- bzw. Hybridunterricht in der technischen Ausstattung der Schülerinnen und Schüler, der Durchschnitt aller Schularten lag bei 76 Prozent. Die wichtigsten Ergebnisse der Sonderauswertung Förderschulen sind in einer Infografik zusammengefasst.

Das Schulportalhat nachgefragt, wo in der Praxis die besonderen Herausforderungen für Förderschulen liegen, welche Lösungswege es gibt und was die Politik zur Unterstützung tun kann. In einem Interview sprachen Susanne Geller, Leiterin der Mosaikschule in Marburg, und Alexander Lorz (CDU), Kultusminister in Hessen, gemeinsam über diese Fragen.

Frau Geller, für viele Förderschulen ist die Corona-Krise offensichtlich schwieriger zu stemmen als für andere Schularten. Das zeigt die aktuelle Umfrage des Deutschen Schulbarometers. Wo sahen und sehen Sie die größten Herausforderungen in der Pandemie für Ihre Schule?

Repräsentative Umfragen zur Lage der Schulen in Deutschland

Daten zu allen Ausgaben des Deutschen Schulbarometers auf einen Blick

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Susanne Geller, Schulleiterin
©Privat

Susanne Geller: Die Herausforderungen unterscheiden sich natürlich je nach Förderschwerpunkt. Unsere Schule hat den Schwerpunkt „Geistige Entwicklung“. Unsere Herausforderung war zunächst, dass wir zu Beginn der Pandemie, was die Hygienevorgaben und Abstandsregelungen betraf, als Schulform gar nicht mitbedacht wurden. Die Schülerschaft der Förderschule sollte wohl besonders geschützt werden, und deshalb sollten erst mal sicherheitshalber alle zu Hause bleiben. Das hat sich dann aber schnell geändert – anfangs hatte eben niemand ein fertiges Konzept in der Tasche.

Für uns stellten und stellen sich drei besondere Herausforderungen. Zum einen konnten einige unserer Schülerinnen und Schüler keinen Abstand halten. Manche Schülerinnen und Schüler sind auch nicht in der Lage, zu Hause mit digitalen Werkzeugen umzugehen. Und dann haben wir natürlich auch einige sehr vulnerable Schülerinnen und Schüler, die besonders geschützt werden müssen.

Herr Minister Lorz, hatte die Verwaltung die Förderschulen anfangs weniger im Blick? Medial war ja der Fokus zu Beginn der Pandemie stark aufs Abitur gerichtet.

Alexander Lorz: Medial stehen die Förderschulen generell weniger im Fokus. Frau Geller kennt dieses Schicksal. Für Menschen, die nicht selbst ein Kind an einer Förderschule haben, sind diese Schulen gedanklich in der Regel weit weg. Mich ärgert oft, dass in den Medien die Gymnasien im Vordergrund stehen.

Im Kultusministerium haben wir natürlich alle Schulformen gleichermaßen im Blick. Unsere Expertinnen und Experten für die Sonderpädagogik haben von Beginn der Pandemie an gemeinsam mit den Förderschulen mögliche Maßnahmen besprochen.

Um zu wissen, welche Lösungen es für die einzelnen Förderschulen gibt, braucht es die sonderpädagogische Expertise. Deshalb ist es mir auch so wichtig, das Förderschul-Lehramtsstudium zu erhalten und jetzt zusätzlich in Kassel sogar neu aufzubauen.

Alexander Lorz, Kultusminister in Hessen
©Fabian Schindler

Frau Geller, Ihre Schule hat die schwierige Situation besonders innovativ gemeistert. Sie wurde ausgezeichnet mit dem Deutschen Schulpreis Spezial Corona-Krise. Welche Gelingensbedingungen waren dafür notwendig?
Geller:Wir konnten auf eine bestehende strukturierte und ritualisierte Unterrichtsstruktur zurückgreifen. Im Grunde war die Corona-Pandemie für uns eine Evaluation des vorhandenen Schulkonzepts. Wir haben einen schulspezifischen Hygieneplan entwickelt und an das vorhandene Konzept angepasst. Unser sehr strukturierter Ablauf hat geholfen, uns schnell umzustellen. Es kamen ja dann auch Regelungen für Förderschulen von der Verwaltung. Aber die mussten dann individuell an die Gegebenheiten jeder Schule angepasst werden. Dabei haben wir viel Handlungsspielraum gehabt. Große Unterstützung gab es für uns beim Staatlichen Schulamt. Unser Ansprechpartner dort war für uns Tag und Nacht gesprächsbereit. Auch die Stadt und das Gesundheitsamt haben uns sehr unterstützt.

Herr Lorz, die Mosaikschule war offenbar durch sehr viel Eigeninitiative schon zu Beginn der Corona-Pandemie gut aufgestellt. Schulamt, Stadt, Gesundheitsamt und Mosaikschule konnten in Kooperation die Spielräume des Kultusministeriums sinnvoll nutzen. Kann dieses Zusammenspiel beispielhaft für andere Schulen sein?
Lorz: Eigeninitiative und Zusammenarbeit führen eigentlich immer zum Erfolg. Es ist wunderbar, solche gelungenen Beispiele zu sehen. Das Schulamt spielt dabei eine wichtige Rolle. Wichtig ist aber auch die Zusammenarbeit mit dem Schulträger, der für die Ausstattung der Schulen zuständig ist. Gerade Förderschulen benötigen ja eine besondere Ausstattung, erst recht unter den Bedingungen der Pandemie. Auch die schon vorhandene digitale Ausstattung gehört neben dem Schulkonzept zu einem wichtigen Erfolgsfaktor der Mosaikschule. Es wäre wünschenswert, wenn wir diesen Stand für alle Förderschulen erreichen würden.

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Das Video zeigt das Konzept, das die Mosaikschule in der Pandemie entwickelt hat.

Frau Geller, für viele Lehrkräfte an Förderschulen war und ist es offenbar schwierig, die passenden digitalen Tools für ihre Schülerinnen und Schüler zu finden. Wie haben Sie das an der Mosaikschule geschafft?
Geller: Wir hatten einen deutlichen Vorteil, weil wir schon seit über zehn Jahren ein Medienkonzept haben. Wir haben schon lange alle Klassenräume mit interaktiven Tafeln ausgestattet – wir sind durch und durch digital aufgestellt. Wir hatten auch schon mit dem Konferenztool „Webex“ gearbeitet, bevor der erste Lockdown kam. Heute machen wir Dienstbesprechungen noch immer über diesen Weg.

In der Corona-Pandemie konnten wir in Sachen Ausstattung schnell nachrüsten. Die Stadt hat uns mit zusätzlichen iPads unterstützt. Dann konnten wir für unsere Schülerinnen und Schüler spezielle Apps auswählen, mit denen wir sie im Distanzunterricht gut erreichen konnten.

Für jede Klasse gibt es einen „Webex“-Zugang, allerdings können wir wohl künftig aus Datenschutzgründen nicht mehr damit arbeiten. Eine Umstellung auf ein anderes System wäre zwar möglich, aber nicht jedes Instrument ist für unsere Schülerinnen und Schüler geeignet. „BigBlueButton“ beispielsweise, das empfohlen wird, ist in der Bedienung zu kompliziert. Wir werden die Umstellung auf ein geeignetes Konferenztool schaffen. Aber ich kann auch verstehen, wenn Schulen, die sich in der Pandemie mühsam mit „Teams“ oder „Webex“ auf den Weg gemacht haben, jetzt resignieren.

Lorz: Deshalb arbeiten wir mit Hochdruck an einer landesweit einheitlichen, nutzerfreundlichen Videokonferenzlösung für unsere Schulen. Das System hätte auch schon in unsere digitale Lehr- und Lernplattform, das „Schulportal Hessen“, integriert werden können, wenn nicht ein bei der Ausschreibung unterlegener Bewerber geklagt hätte. Wir erhoffen uns noch in diesem Jahr neue Informationen zum Stand des Verfahrens.

Viele Schulen wünschen sich eine Art „Whitelist“ für digitale Anwendungen, die für Schulen geeignet sind. Wie kann das Ministerium da unterstützen, damit Förderschulen geeignete digitale Anwendungen finden und bekommen?
Lorz: Es gibt eine ganze Reihe von Initiativen in Bezug auf digitale Lern- und Lehrmaterialien. Aber wir haben als öffentliche Hand das Problem, dass wir bei kommerziellen Anbietern aus wettbewerbsrechtlicher Sicht keine Empfehlungen aussprechen können. Das dürften wir nur, wenn wir zuvor ein Ausschreibungsverfahren durchgeführt haben.

Im nichtkommerziellen Bereich stellen wir über die Lehrkräfteakademie schon jetzt viele digitale Instrumente zur Verfügung. Wir arbeiten diesbezüglich auch länderübergreifend zusammen. Es gibt bereits die länderübergreifende Datenbank „Mundo“, auf der schon eine Reihe von Anwendungen zu finden ist. Außerdem entwickeln wir gerade zusammen mit dem Bund „Educheck Digital“. Dahinter verbirgt sich ein länderübergreifendes Prüfverfahren für digitale Lehr- und Lernmaterialien. Natürlich wird es dort auch Material für Förderschulen geben, das dann, wenn es das Prüfverfahren erfolgreich durchlaufen hat, in allen 16 Ländern eingesetzt werden kann.

Frau Geller, wo sehen Sie jetzt den größten Aufholbedarf bei den Schülerinnen und Schülern Ihrer Schule?
Geller: Lernrückstände an einer Förderschule mit dem Schwerpunkt „Geistige Entwicklung“ sehen anders aus als Lernrückstände an anderen Schulformen. Die Kinder bei uns sind durchgängig gut in Mathe und Deutsch unterrichtet worden – das ist nicht das Problem. Bei uns ist eher der fehlende soziale Kontakt ein Problem. Es haben keine Klassenfahrten, Wandertage, Schulfeste oder klassenübergreifende Arbeitsgemeinschaften stattgefunden. Das ist für unsere Schülerinnen und Schüler aber sehr wichtig. Hinzu kommt, dass der lebenspraktische Unterricht ins Stocken geraten ist. Praktika außerhalb der Schule waren nicht möglich. Das geht leider aktuell auch nicht aufzuholen.

Welche Hilfestellung gibt es vonseiten des Ministeriums für Schulen, um Folgen durch die Corona-Pandemie aufzufangen?
Lorz: Wir haben das Programm „Löwenstark – Der BildungsKICK“ mit 150 Millionen Euro aufgelegt. Die Hälfte der Mittel kommt vom Bund, die andere Hälfte vom Land. Dieses Programm ist genau für solche Dinge gedacht, wie sie Frau Geller anspricht. Da geht es nicht primär um das Aufholen von Lernstoff. Es geht explizit auch darum, Angebote für sozialen Zusammenhalt und für kulturelle Bildung zu machen. Für all das, was normalerweise zum Schulleben dazugehört und was während der Pandemie nicht möglich war.

Ich verstehe vollkommen, dass das, wie Frau Geller sagt, in ihrem Bereich noch wichtiger ist als an anderen Schulformen. Obwohl auch dort unzweifelhaft Nachholbedarf besteht. Allerdings werden wir angesichts der aktuellen Lage wohl noch die nächsten drei Monate mit erheblichen Einschränkungen zu kämpfen haben. Das ist keine Frage des Geldes, sondern eine Frage der fehlenden Möglichkeiten in der pandemischen Lage.

Frau Geller, wie wollen Sie Ihr Konzept weiterentwickeln, wie kann Ihre Schule es auch nach der der Pandemie nachhaltig verändern?
Geller: Wir werden auf jeden Fall die wöchentlichen Dienstbesprechungen, auch unabhängig von der Pandemie, weiterhin digital durchführen. Das Konferenztool wollen wir auch weiterhin für Elterngespräche nutzen. Es war eine gute Erfahrung, dass wir damit auch Eltern dazuschalten konnten, die zum Beispiel gerade in den USA weilten. Auch bei Kindern, die einen langen Krankenhausaufenthalt haben, werden wir diese Möglichkeit mit Sicherheit weiterhin nutzen.

Wir wollen uns im Kollegium dazu immer wieder fortbilden. Unsere Medienbeauftragte bietet auch intern Fortbildungen an, je nachdem wo gerade im Kollegium ein Bedarf besteht. Ganz wichtig ist uns auch, dass wir über den Tellerrand schauen und uns mit anderen Schulen austauschen und vernetzen. In den vergangenen zwei Jahren sind wir im Entwicklungsprogramm der Robert Bosch Stiftung begleitet worden und erhalten in diesem Rahmen jetzt auch ein Feedback von Pears aus anderen Schulen, die sich unser Förderkonzept genauer angucken.

Herr Lorz, wie kann man Bedingungen schaffen, damit Innovationen aus der Krise langfristig wirken und Schulen nicht wieder zu alten Routinen zurückkehren?
Lorz: Bei der Mosaikschule muss ich mir da wohl keine allzu großen Gedanken machen. Hier wird die Innovationskraft auf jeden Fall beibehalten. Diese Voraussetzungen bringt natürlich nicht jede Schule immer mit. Deshalb werden wir vor allem in die Schulentwicklungsberatung und in die Lehrkräftefortbildung investieren. Die Fortbildungen zum Thema Digitalisierung haben wir bereits verdoppelt..

Wir zeichnen jetzt auch Praxiszentren für digitale Bildung aus, die als Vorbild für andere Schulen dienen. Die Mosaikschule wäre sicher auch ein guter Kandidat dafür. Ich nehme an allen Schulen wahr, dass sich die Haltung zur Digitalisierung während der Pandemie stark gewandelt hat. Die Zurückhaltung, die es bei einigen vor März 2020 noch gab, ist fast überall einer Aufbruchsstimmung gewichen. Die Bereitschaft, sich auch nach der Pandemie darauf einzulassen, ist meiner Meinung nach sehr groß.