Schulstrukturreform : Oberschulen haben noch Luft nach oben

Nach der Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen zieht Bremen Bilanz. Der erhoffte Fortschritt in der Bildungsgerechtigkeit blieb bisher aus. Das zeigt eine aktuelle Studie.

Florentine Anders / 23. April 2018
Die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in den neunten Klassen sind nach der Reform im Fach Deutsch konstant geblieben.
Die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in den neunten Klassen sind nach der Reform im Fach Deutsch konstant geblieben.
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Leistungen der Neuntklässler bleiben konstant

In den vergangenen Jahren haben sich die meisten Bundesländer von den Hauptschulen verabschiedet und ein zweigliedriges Schulsystem eingeführt. Nun steht die Reform auf dem Prüfstand. Nach Berlin hat jetzt auch Bremen eine Studie vorgelegt, die die Entwicklung der Schülerleistungen nach der Reform untersucht hat. Die Bilanz zeigt Licht- und Schattenseiten:

Zwar ist die Akzeptanz der neuen Schulstruktur bei allen Beteiligten sehr groß, die eigentlichen Ziele, die damit verbunden waren, wurden bisher aber noch nicht erreicht.

Seit dem Schuljahr 2009/10 gibt es in Bremen nach der Grundschule neben dem Gymnasium nur noch eine weitere Schulform: die Oberschule. Dabei gibt es Oberschulen, die eine eigene gymnasiale Oberstufe haben, wie die früheren Gesamtschulen. Schulen, die nicht vor Ort ihre Schülerinnen und Schüler bis zum Abitur führen, kooperieren mit den Oberstufen von anderen Schulen in der Region. Zentrales Ziel der Abschaffung der Hauptschulen war es, die Bildungschancen von sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern zu verbessern.

Herkunftsbezogene Ungleichheiten gehören im Bremer Schulsystem weiterhin zu einem der drängendsten Probleme.

Eine von der Schulsenatorin für Kinder und Bildung, Claudia Bogedan (SPD), mit der Evaluation beauftragte Expertengruppe vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), vom Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) und von den Universitäten Bremen und Bielefeld hat in diesem Frühjahr ihre Ergebnisse vorgelegt.

Demnach sind die Leistungen der Neuntklässlerinnen und Neuntklässler im Fach Deutsch zwischen den Jahren 2009 und 2015 an den Oberschulen weitgehend konstant geblieben. Im Fach Englisch hätten sich die Leistungen zwar positiv entwickelt, das entspreche aber einem Trend, der bundesweit unabhängig von der Schulform zu beobachten ist, heißt es in der Studie. Die erhoffte Verbesserung der Leistungsfähigkeit hat sich also bisher nicht eingestellt.

Soziale Ungleichheiten beim Bildungserfolg bleiben unverändert

Enttäuschend ist aber vor allem, dass es auch keinen Fortschritt auf dem Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit gibt. Das Ausmaß der sozialen und migrationsbedingten Ungleichheiten im Bildungserfolg ist nach Angaben der Studie weitgehend konstant geblieben. So besuchen Schülerinnen und Schüler mit einem weniger privilegierten familiären Hintergrund auch nach der Reform seltener die gymnasiale Oberstufe und erlangen auch seltener das Abitur. Sie erzielten in den neunten Klassen außerdem gleichbleibend schwächere Ergebnisse. „Herkunftsbezogene Ungleichheiten gehören im Bremer Schulsystem weiterhin zu einem der drängendsten Probleme“, urteilt die Expertengruppe.

Lehrkräfte bemängeln Defizite in der Ausstattung

Wo die Ursachen dafür liegen, hat die Studie nicht untersucht. Die Forscherinnen und Forscher weisen aber darauf hin, dass die grundsätzliche Befürwortung der neuen Struktur durch das pädagogische Personal einhergeht mit „zum Teil als erheblich wahrgenommenen Defiziten in der räumlichen, materiellen und vor allem personellen Ausstattung der Schulen“.

Ähnliche Ergebnisse wie in Bremen hatte bereits im vergangenen Jahr eine Evaluation der Strukturreform in Berlin durch das DIPF gezeigt. Auch dort gab es nach der Zusammenlegung von Hauptschulen und Realschulen im Jahr 2010/11 laut BERLIN-Studie keine Verbesserungen der Leistungen. Und auch bei der Bildungsgerechtigkeit konnte kein Fortschritt erzielt werden. Allerdings warnten die Forscherinnen und Forscher auch davor, die kurzfristigen Erwartungen bei einer solchen Reform zu hoch zu schrauben: „Mit einer strukturellen Neuordnung des Schulwesens wird eine Reform nicht beendet, sondern begonnen. Die Herausforderungen der Optimierung der Entwicklungsprozesse liegen in der pädagogischen Arbeit der Schulen und der fachlichen Qualifikation des Personals“, hieß es in der BERLIN-Studie.

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Eine Zusammenfassung der im März dieses Jahres veröffentlichten Studie zur Strukturreform in Bremen ist hier zu finden: https://www.dipf.de/de/forschung/aktuelle-projekte/pdf/steubis/bremen-evaluation-maerz-2018-zentrale-befunde

Die Ergebnisse der BERLIN-Studie zu den Bildungserträgen am Ende der Sekundarstufe I wurden im März 2017 vom DIPF veröffentlicht. Eine Zusammenfassung gibt es unter https://www.dipf.de/de/forschung/aktuelle-projekte/berlin-studie

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