Britta Ernst : Nichts dazugelernt?

Corona zwingt Schüler und Lehrer in den Fernunterricht, zum zweiten Mal. Welche Fortschritte gibt es beim digitalen Lernen seit dem Frühjahr? Das „Deutsche Schulbarometer” hat Lehrkräfte dazu befragt, es ist die erste repräsentative Umfrage dieser Art. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Wir haben die neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz damit konfrontiert, Brandenburgs Schulministerin Britta Ernst.

Dieser Artikel erschien am 13.01.2021 in DIE ZEIT
Martin Spiewak
Homeschooling
Noch immer ist nicht garantiert, dass jeder Schüler, der zu Hause bleibt, regelmäßigen Kontakt zu seiner Schule hat.
©Getty Images

DIE ZEIT: Die Schulen sind erneut im Shutdown, doch laut dem Deutschen Schulbarometer sagen immer noch mehr als 60 Prozent der Lehrkräfte, ihre Schule sei technisch nicht auf einen Fernunterricht vorbereitet. Was hat die Schulpolitik im vergangenen Dreivierteljahr eigentlich gemacht?
Britta Ernst: Wir haben sehr viel gemacht. In Brandenburg etwa, wo ich zuständig bin, haben wir die Pilotphase der offiziellen Lernplattform des Landes ausgeweitet. Hatten im März 54 von 900 Schulen Zugang, sind es jetzt 572, mehr als zehnmal so viele. Das ist eine riesige Steigerungsrate, die wir ohne Pandemie nicht hätten. In anderen Bundesländern sieht es ähnlich aus.

ZEIT: Trotzdem fehlt weiterhin vielen Schulen so eine Anbindung. Wie soll da Fernunterricht funktionieren?
Ernst: Deutschland hängt bei der Digitalisierung der Schulen fünf bis acht Jahre zurück. Das kann man leider nicht in neun Monaten aufholen.

ZEIT: Im ersten Shutdown wurde kritisiert, dass der Fernunterricht zu sehr vom einzelnen Lehrer abhing: Während einige stets ansprechbar waren, meldeten sich andere über Wochen nicht. Auch jetzt sagen noch 40 Prozent der Lehrkräfte, ihre Schule habe kein Konzept, um den Kontakt zu den Schülern zu garantieren. Wie ist das möglich?
Ernst: Der regelmäßige Kontakt zwischen den Lehrkräften und den Klassen ist zentral. In Brandenburg müssen alle Schulen für den Distanz- beziehungsweise Wechselunterricht ein verbindliches Konzept haben. Die Schulaufsicht hat das geprüft.

ZEIT: Dann wäre Ihr Bundesland also eine Ausnahme. Auch was den Datenschutz angeht, kritisiert die Mehrheit der Lehrkräfte, sie fühle sich nicht ausreichend informiert.
Ernst: Wir haben die Schulen umfassend informiert, was datenschutzrechtlich erlaubt ist. Ich denke, in anderen Bundesländern war das ähnlich. In den Schulämtern gibt es entsprechende Ansprechpartner. Jede Lehrkraft sollte also zumindest wissen, wen sie in ihrer Schule danach fragen kann. Ich kann mir solche Zahlen nicht recht erklären.

ZEIT: Nur in jeder fünften Schule verfügen die Lehrkräfte laut Umfrage über ein Tablet oder einen Laptop. Dass es anders geht, zeigt Bremen, dort hat mittlerweile jeder Lehrer ein iPad.
Ernst: Die Stadtstaaten haben einen Vorteil: Da fallen die äußere und die innere Schulverwaltung zusammen.

ZEIT: Das klingt kompliziert.
Ernst: Ist es leider auch. Die Stadtstaaten sind gleichzeitig Schulträger, sie sind also für die Ausstattung der Schulen zuständig. In Flächenländern dagegen übernehmen diese Aufgabe die Kommunen. Land und Kommunen müssen sich da bei der technischen Ausrüstung also absprechen, und das dauert. An dieser Schnittstelle müssen wir in Zukunft eindeutig schneller werden.

ZEIT: Gilt das auch für die Zusammenarbeit der Länder mit dem Bund? Vor fünf Jahren entstand die Idee, die Schulen mit fünf Milliarden Euro aus Berlin zu digitalisieren. Noch immer ist von dem Geld nur ein Bruchteil angekommen.
Ernst: Natürlich wäre es besser gewesen, wenn der Digitalpakt früher gekommen wäre. Corona hat zu Beginn die Umsetzung des Digitalpaktes zudem verlangsamt. Aber jetzt fließt das Geld, das ist das Wichtigste. Insofern ist der Digitalpakt erfolgreich.

ZEIT: Bundesministerin Anja Karliczek fordert mehr Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern. Stimmen Sie ihr zu?
Ernst: Der Bildungsföderalismus überträgt die Verantwortung für die Schulen den Ländern. Das ist auch richtig so. Es gibt in den Bundesländern den großen Wunsch, das Schulgeschehen umzugestalten. Wir müssen dabei auch zu einer engeren Zusammenarbeit mit dem Bund kommen.

ZEIT: Aber gerade die Pandemie hat doch großen Veränderungsbedarf beim Bildungsföderalismus gezeigt! Eine Idee dazu: Sie verpflichten ja Ihre Schulen dazu, sich regelmäßig evaluieren zu lassen. Wie wäre es, auch die Schulpolitik der Länder sowie die Kultusministerkonferenz einmal zu evaluieren?
Ernst: (lacht) Die KMK steht mehr als jede andere Ministerkonferenz unter Beobachtung: Über zu wenig Kritik kann sie sich nicht beklagen. Und was die Bewertung der Politik angeht, da gibt es ein bewährtes Mittel, es heißt Wahlen. In diesem Jahr stehen sechs Landtagswahlen an. Da können die Bürgerinnen und Bürger auch ein Urteil über die Schulpolitik ihres Landes fällen.

ZEIT: Die KMK kann man ja nicht abwählen.
Ernst: Aber jede Partei kann Vorschläge machen, sie zu verändern. Fragt man jedoch die Kritiker, was sie konkret verändern wollen, kommt oft nicht viel.

„Ein Notabitur haben wir verhindert“

ZEIT: Etwas mehr Verbindlichkeit der Beschlüsse würden sich besonders in der Corona-Zeit schon viele wünschen. Gerade haben Bund und Länder sich darauf geeinigt, die Schulen geschlossen zu halten, und schon kündigen die ersten Bundesländer an, aus diesem Konsens auszuscheren.
Ernst: Der Beschluss von Ministerpräsidenten und Kanzlerin beinhaltet – wenn die Infektionslage es zulässt – bewusst Öffnungsmöglichkeiten gerade für die Grundschulen und die Abschlussklassen. Davon wollen einige Länder Gebrauch machen, weil sie eine Verantwortung speziell für die jüngeren Kinder und die Jugendlichen aus weniger privilegierten Familien fühlen. In der KMK sind wir uns einig: Selbst beste technische Ausstattung kann den Präsenzunterricht nicht ersetzen.

ZEIT: Stefanie Hubig, Ihre Vorgängerin als KMK-Präsidentin, hat 2020 als „gutes Jahr für den Bildungsföderalismus” bezeichnet. Das sieht außerhalb der KMK wohl kaum jemand so.
Ernst: Die Kultusminister haben in diesem schwierigen Jahr zusammengehalten, etwa als wir gemeinsam entschieden haben, das Abitur durchzuführen. Obwohl es sehr kontrovers diskutiert wurde und es Rufe nach einer Art Notabitur wie nach dem Zweiten Weltkrieg gab. Das haben wir verhindert. Auch sind unsere Entscheidungen dank Videokonferenzen schneller geworden.

ZEIT: Zusammenhalt? Nie wurde der Flickenteppich der Länder häufiger kritisiert als 2020.
Ernst: Wir haben im Prinzip alles eng abgestimmt. Wenn man sich die Schritte der Länder in der Pandemie anschaut, sieht man eine große Parallelität, etwa bei den Öffnungen vor der Sommerpause. Zudem hat es die KMK geschafft, trotz Corona wichtige Strukturveränderungen durchzusetzen. Das hat nur kaum jemand mitbekommen.

ZEIT: Tatsächlich? Erzählen Sie.
Ernst: Wir haben die Mobilität der Lehrkräfte deutlich verbessert, nun können sie leichter von einem Bundesland ins andere wechseln. Wir haben beschlossen, die Anforderungen ans Abitur weiter anzugleichen. Und wir lassen die KMK in Zukunft durch eine ständige wissenschaftliche Kommission exzellenter Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher beraten. Das wird unsere Arbeit verändern.

ZEIT: Inwiefern?
Ernst: Indem sich unsere Politik noch stärker an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert. Ein Thema wäre, was wir tun können, um die Schüler zu besseren Mathe-Leistungen zu bringen. Ein anderes, wie wir es schaffen, guten Unterricht und die Digitalisierung miteinander zu verknüpfen.

ZEIT: Darüber haben die Schulen doch das ganze vergangene Jahr gesprochen.
Ernst: Da ging es eher darum, wie uns Online-Tools helfen, überhaupt den Betrieb aufrechtzuerhalten. Aber die digitale Transformation bietet ja viel mehr Chancen, zum Beispiel dafür, dass Lehrkräfte besser auf die unterschiedlichen Leistungsniveaus von Schülerinnen und Schülern eingehen können. In der KMK gibt es dazu eine Reihe von Initiativen. So startete im September das Portal „Mundo”, das Materialien für den Unterricht zur Verfügung stellt.

ZEIT: Wenn die Kultusminister im Grunde das meiste richtig machen: Wieso ist das Bild von ihnen in der Öffentlichkeit so miserabel?
Ernst: Ich kenne keine Umfrage, bei der die Bildungspolitik ein gutes Zeugnis bekommt. Daran haben wir Kultusminister uns, glaube ich, ein bisschen gewöhnt. Aus Umfragen wissen wir aber ebenso, dass Eltern der konkreten Schule ihrer Kinder ein recht gutes Zeugnis ausstellen. Und das freut mich für die Lehrkräfte. Gerade in der Corona-Zeit haben viele von ihnen Herausragendes geleistet.

Die Ergebnisse in Grafiken

Lehrer beklagen fehlende Technik

Meine Schule ist, was die technische Ausstattung angeht, für den Fernunterricht …



Meine Schule verfügt heute über …



Datenschutz

Fühlen Sie sich ausreichend zum Thema Datenschutz bei der Verwendung digitaler Tools informiert?



40 Prozent
der Lehrkräfte sagen auch nach einem Dreivierteljahr, dass ihre Schule kein verbindliches Konzept hat, um den Kontakt zu den Schülern aufrechtzuerhalten

Corona sei Dank

Durch die Pandemie wurden folgende Fortschritte möglich:


So werden digitale Möglichkeiten in meiner Schule genutzt:


Unzufriedenheit der Lehrer

Welche Schulnote würden Sie Ihrem Bildungsministerium im Umgang mit der Corona-Krise geben? (Durchschnittsnote: 4,2)

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