Schule : Nicht viel verpasst

Zumindest Hamburger Kinder und Jugendliche haben die geschlossenen Schulen im Frühjahr offenbar gut verkraftet. Wird Unterricht überbewertet?

Dieser Artikel erschien am 09.12.2020 in DIE ZEIT
Martin Spiewak
Fürs Leben gelernt: Die Generation Corona wird von der Pandemie geprägt sein
Fürs Leben gelernt: Die Generation Corona wird von der Pandemie geprägt sein
©ti-jaiStock

Bei einer Bevölkerungsgruppe, da waren sich viele einig, musste der Shutdown im Frühjahr besonders tiefe Spuren hinterlassen: bei den Schülerinnen und Schülern. Die soziale Isolation war vielleicht noch verkraftbar. Die Schulschließung jedoch würde zwangsläufig Wissenslücken hinterlassen! Haben nicht Umfragen gezeigt, dass die Schüler zwischen März und Mai im Schnitt nur halb so viel Zeit fürs Lernen aufwendeten wie vor der Pandemie? Statt 7,4 waren es nur noch rund 3,5 Stunden täglich. Prompt rechneten Forscher wie der Bildungsökonom Ludger Wößmann die Lernverluste auf das spätere Einkommen hoch und kamen auf ein Weniger von mehreren Zehntausend Euro, über das gesamte Berufsleben hinweg gerechnet. Generation Corona, nicht nur dümmer, sondern auch ärmer.

Allerdings: Für all diese Prognosen fehlte die Empirie. Ob und was Schüler im Shutdown verpasst hatten, wusste niemand genau. Als erstes und vorläufig einziges Bundesland nun hat Hamburg diese Frage mit Leistungstests beantwortet – mit einem überraschenden Ergebnis: Offenbar haben die Schüler nicht viel verpasst! Für alle vier Jahrgangsstufen, die nach den Sommerferien getestet wurden – dazu gehörten die dritten, vierten, fünften und siebten Klassen –, vermeldet die Schulbehörde: „Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Ergebnisse der Lernstandserhebungen auf keinerlei Lernrückstände hindeuteten.” Kurz gesagt: Schüler und Schülerinnen haben so viel gelernt wie in den Vorjahren.

Was sagt das aus? Dass der Fernunterricht (zumindest in Hamburg) besser funktioniert hat, als das vermeintliche „Homeschooling-Desaster” (spiegel.de) vermuten ließ? Dass die physische Anwesenheit im Klassenraum fürs Lernen gar nicht so wichtig ist? Oder dass – Gott bewahre! – Schule insgesamt überschätzt wird und acht Wochen mit oder ohne Unterricht am Ende keinen Unterschied machen? Die Hamburger Schulbehörde verkündete ihre Ergebnisse jedenfalls nicht selbst mit viel Trara, sondern ziemlich versteckt als Antwort auf eine parlamentarische Anfrage.

Freilich gibt es gute Gründe, keine allzu weitreichenden Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen zu ziehen. Grund eins: Die Hamburger Lernstandserhebungen sind seit Jahren etabliert und bundesweit vorbildlich, aber sie sind keine wissenschaftlichen Untersuchungen. Solche existieren zum Thema bislang nur im Ausland. In den Niederlanden ergab eine Studie, dass der Lernfortschritt im Fernunterricht durchschnittlich 20 Prozent unter dem Vorjahreswert lag. Die Ergebnisse zeigten, „dass Online-Unterricht während des Lockdowns größtenteils ineffektiv war”. Eine Erhebung in belgischen Schulen verzeichnete ebenso „bedeutsame Lernverluste” für die getesteten Sechstklässler in der Lockdown-Zeit.

In der Schweiz zeigte sich wiederum ein gemischtes Bild. Hier brachen die Leistungen der Grundschüler im Homeschooling ein, bei einem Teil der Schüler sogar dramatisch, die „Heterogenität in den Lernverläufen explodierte”, sagt der Bildungsforscher Martin J. Tomasik von der Universität Zürich. Ältere Jahrgänge dagegen lernten wie die in Hamburg getesteten Schüler offenbar so viel wie zuvor.

Grund zwei für die interpretatorische Zurückhaltung: Getestet werden bei den Hamburger Erhebungen nur Deutsch und Mathematik. Etwaige Lernverluste in anderen Fächern bleiben unentdeckt. Gerade aufs Lesen und Rechnen sollten sich die Lehrkräfte in der Corona-Zeit ausdrücklich konzentrieren, so die Ansage der Schulbehörden in der Hansestadt und anderswo. Auch die zusätzlichen Lernwochen in den Ferien, die drei Viertel aller Hamburger Schulen angeboten haben, setzten hier einen Schwerpunkt. Womöglich haben diese Maßnahmen gewirkt – auf Kosten anderer Fächer.

Und schließlich handelte es sich in Hamburg um Durchschnittswerte, das bedeutet, zwischen Schulen und innerhalb von einzelnen Klassen kann der Lockdown unterschiedliche Folgen gehabt haben. So heißt es in der ersten Analyse der Schulbehörde, dass es in Mathematik in den „schwächsten Stadtteilschulen” stärkere Auffälligkeiten gebe als bei den anderen Schulen.

Umgekehrt ist es aber durchaus plausibel, dass einige Schülergruppen zu Hause nicht weniger, sondern mehr gelernt haben als in der Schule. Wer drei Stunden konzentriert zu Hause an anspruchsvollen Aufgaben sitzt – eventuell gecoacht von Frau Privatlehrerin Mama –, dürfte größere Verstehensfortschritte machen als in sieben Stunden Präsenzunterricht, in dem der Lehrer häufig erklärt, was man schon weiß; wo der Klassenkamerad eine Antwort gibt, die man ebenso geben könnte; wo der Banknachbar stört. Die Zeit, da im Kopf eines Schüler während einer Unterrichtsstunde effektiv etwas passiert, ist nun einmal ernüchternd gering.

Die wirklichen Langzeitfolgen der Pandemie fürs Lernen dürften bis zum Frühsommer nächsten Jahres im Dunkeln bleiben. Dann werden die Ergebnisse aus den Vera-Tests (VERgleichsArbeiten) vorliegen, welche die Bundesländer jährlich in den 3. und 8. Klassen durchführen. Bis dahin muss man sich mit den Hamburger Ergebnissen begnügen. Sie deuten, anders als viele Einzelbeobachtungen und Spekulationen, zumindest auf keine pädagogische Katastrophe hin.