Schulöffnungen : Nicht richtig offen, nicht ganz dicht

Alle wollen raus aus dem Lockdown. Doch die Schulen bei steigenden Infektionszahlen und ohne ausreichend Schutz wieder zu öffnen, könnte das Elend für alle verlängern.

Dieser Artikel erschien am 22.02.2021 auf ZEIT Online
Frida Thurm
leeres Klassenzimmer
Wenn die Schulen jetzt öffnen, ist der nächste Lockdown womöglich nicht weit.
©dpa

Ein Schulhaus hat gebrannt, die Feuerwehr beendet gerade die Löscharbeiten. Unklar, ob es im Keller noch schwelt – doch die Schülerinnen und Schüler werden schon mal zurück in ihre Klassen geleitet.

So irre wäre wohl niemand. Aber offenbar leider nur, wenn es um Feuer geht.

Was die Pandemie betrifft, lassen seit heute zehn weitere Bundesländer ihre Lehrerinnen und Schüler wissentlich in die Gefahr laufen, ganz so, als handele es sich um ein unabwendbares Schicksal. Doch die Grundschulen und Abschlussklassen wieder zu öffnen, ist kein Naturereignis, sondern eine politische Entscheidung. Dass sie nicht revidiert wird in dem Moment, in dem klar ist, dass die Zahlen nicht mehr sinken, ist grundfalsch und unverantwortlich.

Ja, es ist ein Dilemma: Die Schulen und Kitas wieder zu öffnen, ist dringend nötig. Die Spaltung in gute und abgehängte Schülerinnen wird sich sonst noch weiter verschärfen. Kinder, denen zu Hause Gewalt angetan wird, haben sonst weiterhin keinen Ort, an dem sie sich Hilfe holen können. Und die Belastungen des vergangenen Jahres gingen an kaum einer Familie spurlos vorbei. Erschöpfte Eltern brauchen dringend wieder eine verlässliche Kinderbetreuung.

Nur nicht um jeden Preis.

Nun treffen die Versäumnisse der Bildungspolitik auf Infektionszahlen, von denen sich noch nicht sagen lässt, ob sie der Beginn einer dritten Welle sind. Bestenfalls stagnieren sie gerade auf viel zu hohem Niveau. Die Bildungsminister und -senatorinnen haben es auch nach einem Jahr Pandemie nicht geschafft, Luftfilter in allen Klassenräumen zu installieren. Sie haben sich schlicht darauf verlassen, dass die Zahlen von selbst sinken. Das hätte womöglich mit Glück klappen können. Doch Politik darf nicht auf Glück aufgebaut sein oder auf Ignoranz: Eine Studie der TU Berlin zeigte schon am 10. Februar, dass selbst in einem nur halb besetzten Klassenraum einer Oberschule, in dem sogar Masken getragen werden, was den derzeitigen Maßnahmen in vielen Ländern entspricht, der R-Wert bei 2,9 liegt. Ein infizierter Schüler steckt also rechnerisch fast drei weitere an. In der Studie sind die ansteckenderen Mutationen noch nicht berücksichtigt.

Der bundesweite R-Wert liegt derzeit bei 1,1, das Virus wird sich erst zurückdrängen lassen, wenn er unter 1 fällt. Die Länder hätten deshalb noch am Wochenende den Schulstart stoppen müssen.

Lehrerinnen und Erzieher sollen nun bei der Impfung vorgezogen werden, kündigte der Bundesgesundheitsminister an. Wieso hat er das so lange verschleppt? Es würde bis zum sicheren Schutz selbst dann noch zwei Wochen dauern, wenn morgen wie durch ein Wunder alle Lehrkräfte die erste Spritze angeboten bekämen – und es setzt voraus, dass diese sie auch annehmen. Laut Jens Spahn könnten die ersten Lehrer ab März geimpft werden. Schnelltests gibt es in den meisten Bundesländern nur für die Lehrkräfte, und das auch nicht täglich. Es vergehen nun also Wochen, in denen sich das Virus wieder stärker verbreiten kann.

Das Konzept der Länder ist so dünn, dass mindestens zwei Kommunen in Rheinland-Pfalz am Montag im Alleingang die Notbremse zogen und kurzfristig entschieden, die Schulen doch geschlossen zu halten.

Es wurde versäumt, wichtige Maßnahmen zu treffen, damit die Schulen sicher wieder öffnen können. Die Antwort darauf darf nicht heißen: Pech gehabt. Sonst könnte das am Ende dazu führen, dass nicht nur die Kinder die Leidtragenden sind. Sondern wir alle.

Wird wegen steigender Zahlen ein neuer, noch härterer Lockdown nötig, bevor der alte richtig vorbei ist, werden noch mehr Unternehmerinnen aufgeben müssen. Werden wir uns noch länger durch die zähe Masse gleichförmiger, einsamer Tage kämpfen müssen. Werden womöglich alle Anstrengungen der vergangenen Wochen umsonst gewesen sein. Und dann werden auch die Schulen wieder schließen müssen.