Nationaler Bildungsbericht : Die wichtigsten Fakten zur Bildung in Deutschland 2022

Zu wenig Personal für immer mehr Kinder, eine sich verschärfende Ungerechtigkeit im Bildungssystem – das sind die Kernprobleme, die der neue nationale Bildungsbericht mit aktuellen Daten untermauert. Aber es gibt auch positive Entwicklungen im Bildungssektor. Das Schulportal stellt die zehn wichtigsten Ergebnisse aus dem neuen nationalen Bildungsbericht vor, die für Schulen relevant sind.

Annette Kuhn 23. Juni 2022 Aktualisiert am 27. Juni 2022
Kind und Erzieherin in Kita zum Nationalen Bildungsbericht
Besonders in Kitas und Grundschulen wird in den kommenden Jahren mehr pädagogisches Personal gebraucht.
©Uwe Anspach/dpa

Die aktuell größten Herausforderungen für Schulen sind bekannt: Personalnot, ungerecht verteilte Bildungschancen, wachsende Heterogenität im Klassenzimmer. Und das alles vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie. Wie dramatisch die Lage aber insbesondere mit Blick auf die personellen Ressourcen sind, zeigt der neue nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2022“.

Alle zwei Jahre erscheint der nationale Bildungsbericht, für den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Forschungseinrichtungen Daten aus allen Bereichen des deutschen Bildungssystems zusammentragen und durchleuchten.

Insbesondere ausgehend von den Erfahrungen im Zuge der Pandemie fordert die Autorengruppe nun mehr Verbindlichkeit und eine stärkere Zusammenarbeit, um Lösungen für drängende Probleme im Bildungsbereich zu finden und umzusetzen. „Leitend ist der Gedanke eines Kooperationsgebots, das eine ,neue Kultur der Bildungszusammenarbeit‘ fördern soll“, heißt es im Bericht. Ziel ist dabei, dass die Bestandsaufnahme zum Bildungswesen in Deutschland zu Konsequenzen führt und das datenbasierte Wissen, das die Bildungspolitik und Administration mit dem nationalen Bildungsbericht an die Hand bekommt, tatsächlich als Grundlage zur Steuerung von Bildungsprozessen genutzt wird.

Zehn interessante Ergebnisse aus dem Bildungsbericht

Mehr Geld für Bildung: Im Jahr 2020 hat Deutschland laut Bildungsbericht insgesamt 241 Milliarden Euro für Bildung – von der frühkindlichen bis zur Erwachsenenbildung – ausgegeben, das entspricht einem Anteil von 7,2 Prozent des Bruttosozialprodukts. 2019 lag das Budget noch bei 232,9 Milliarden Euro. Von den Bildungsausgaben 2020 entfielen 46 Prozent bzw. 110 Milliarden Euro auf den schulischen und schulnahen Bereich.

Größere Bildungsbeteiligung: Im Jahr 2020 haben insgesamt 17,5 Millionen Menschen eine Bildungseinrichtung – von der Kita bis zur Weiterbildung – besucht. Gegenüber 2010 ist das ein Anstieg um 4 Prozent. Der Anstieg hängt vor allem mit der wachsenden Zahl an Kindern zusammen. Gestiegen ist außerdem der Bildungsstand der Menschen. Während 2010 noch 21 Prozent über einen höheren beruflichen (Meister) oder akademischen Abschluss verfügten, waren es zehn Jahre später 26 Prozent.

Mehr Kinder in Kitas und Schulen: Zwischen 2010 und 2020 ist die Zahl der Kinder in Kitas um 21 Prozent gestiegen. Währenddessen ist die Zahl der Kinder in allgemeinbildenden Schulen um 5 Prozent gesunken. Allerdings spiegelt diese Gesamtzahl nicht den aktuellen Stand wider, denn seit 2010 ist die Zahl der 0- bis unter 6-Jährigen von 4,1 Millionen Kindern in 2010 auf 4,75 Millionen Kinder in 2020 gestiegen. Das entspricht einer Zuwachsrate von 16 Prozent deutschlandweit. In den Stadtstaaten liegt der Zuwachs sogar bei mehr als 20 Prozent. Das heißt auch, dass schon jetzt deutlich mehr Schulplätze benötigt werden. Der Mehrbedarf wirkt sich zunächst vor allem auf Grundschulen aus, in den kommenden Jahren dann auch auf die weiterführenden Schulen. Mit der steigenden Zahl von Kindern erhöht sich auch die Zahl von Bildungseinrichtungen. Sie ist zwischen 2010 und 2020 in allen Bildungsbereichen um 4 Prozent bzw. um 4.000 Einrichtungen gestiegen – vor allem in der Kindertagesbetreuung und an Hochschulen sind neue Einrichtungen dazugekommen. Die Zahl der allgemeinbildenden Schulen ist hingegen im selben Zeitraum um 7 Prozent zurückgegangen – obwohl schon seit Jahren abzusehen ist, dass die Zahl der Schülerinnen und Schüler wieder steigt.

Ausbau von Ganztagsplätzen: 2020 wurde bei den Grundschulkindern eine Bedarfsquote an Ganztagsschulplätzen von 63 Prozent ausgemacht. Tatsächlich nahmen im Schuljahr 2020/21 aber nur 54 Prozent der Grundschulkinder am Ganztag teil. Mit Blick auf die wachsende Zahl jüngerer Kinder und den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen, der ab 2026 greift, stehen Schulträger hier vor einer enormen Herausforderung und unter großem zeitlichen Druck.

Personalmangel in Kita und Schule: 2,6 Millionen Menschen – das sind 6 Prozent aller Erwerbstätigen – arbeiteten 2020 im Bildungsbereich, 20 Prozent mehr als 2010. Die Zahl der Beschäftigten ist vor allem im vorschulischen Bereich gewachsen. Hier ist ein Anstieg der Beschäftigten um 75 Prozent auf 759.500 Menschen zu verzeichnen. An den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen haben 2020 insgesamt 1.109.500 Menschen gearbeitet, das entspricht gegenüber 2010 einem Zuwachs von 3 Prozent. An den beruflichen Schulen ist die Zahl der Lehrkräfte hingegen um 4 Prozent auf 180.000 Personen gefallen. Doch trotz des Anstiegs von Fachkräften in Kita und Schulen ist der Bedarf damit bei Weitem nicht gedeckt. Der Personalmangel in Kita und Schule hat sich hingegen weiter verschärft. Das liegt im Wesentlichen daran, dass die Zahl der Kinder steigt. In der vorschulischen Bildung fehlen nach Daten des nationalen Bildungsberichts bis 2025 geschätzt 72.500 Fachkräfte, an den allgemeinbildenden Schulen werden zusätzlich 17.300 Lehrkräfte und an den berufsbildenden Schulen 13.200 Lehrkräfte bis 2030 gebraucht. Andere Erhebungen gehen sogar von einem noch weit höheren Defizit aus. Im Januar 2022 hatte der Verband Bildung und Erziehung eine Prognose des Bildungsexperten Klaus Klemm vorgestellt, in der er bis 2035 ein Defizit von 127.100 neu ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern ausmacht.

Große Fortbildungsbereitschaft: Mit 33 Prozent lag die Fortbildungsquote bei pädagogischem Personal deutlich über dem Schnitt aller Erwerbstätigen (17 Prozent). Im Bereich der allgemeinbildenden und beruflichen Schulen liegt der Anteil besonders hoch. Im Jahr 2019 haben laut Bildungsbericht 38 Prozent der Grundschullehrkräfte, 43 Prozent der Lehrkräfte an weiterführenden Schulen und 41 Prozent der Lehrerinnen und Lehrern an berufsbildenden Schulen eine Fortbildung absolviert.

Soziale Herkunft und Schülerleistung: „Die Bildungserfolge der Kinder stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der sozioökonomischen Situation der Familie“, heißt es im Bildungsbericht. Das ist keine neue Erkenntnis, aber der Bildungsbericht untermauert sie mit aktuellen Fakten. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machen drei Risikofaktoren aus: einen niedrigen Bildungsstand der Eltern, Arbeitslosigkeit der Eltern und eine Armutsgefährdung des Haushalts. 2020 war laut Bildungsbericht jede vierte minderjährige Person von mindestens einem dieser Faktoren betroffen. Besonders stark ist dabei der Anteil von Kindern, die bei Alleinerziehenden aufwachsen, und bei Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund. Mit 31 Prozent erwerben Kinder und Jugendliche aus einem benachteiligten Umfeld seltener die Hochschulreife als Schülerinnen und Schüler, die in eher privilegierten Elternhäusern aufwachsen. Hier schließen 79 Prozent die Schule mit dem Abitur ab. Schon in der Primarstufe zeigt sich zwischen Kindern aus sozial benachteiligtem Umfeld und Kindern aus eher privilegierten Familien ein großer Leistungsunterschied. Laut Bildungsbericht wiesen Kinder der vierten Klasse, die in eher privilegierten Elternhäusern aufwachsen, zwischen 2016 und 2019 einen Leistungsvorsprung in Mathematik und Deutsch von etwa einem Jahr auf. Nach ersten Befunden des Bildungsberichts ist diese Schere in der Corona-Pandemie auch noch weiter aufgegangen. Die Autorinnen und Autoren des Bildungsberichts sehen daher im Umgang mit Diversität, in der Zusammensetzung von Klassen und der Verteilung von personellen Ressourcen große Herausforderungen.

Migrationshintergrund und Bildungsstand: Heute haben 27 Prozent aller Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund. Bei jungen Menschen bis 15 Jahren sind es sogar 39 Prozent. Bezogen auf den Bildungsstand liegen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland unter dem Durchschnitt. Während 31 Prozent der Menschen ohne Migrationshintergrund 2019 in Deutschland einen hohen Bildungsstand hatten (Meister oder Hochschulabschluss) und 8 Prozent über keinen beruflichen Abschluss oder die Hochschulreife verfügten, hatten von den Menschen mit Migrationshintergrund, die bei ihrem Zuzug jünger als 19 Jahre waren, nur 18 Prozent einen hohen Bildungsstand, hingegen 31 Prozent keinen beruflichen Abschluss oder die Hochschulreife erlangt.

Weniger Schulabbrecher: Die Quote der Schulabgängerinnen und Schulabgänger ohne Abschluss ist zwischen 2012 (6 Prozent) und 2020 (5,9 Prozent) etwa gleich geblieben. Allerdings war der Wert bis 2019 auf zuletzt 6,9 Prozent angestiegen und dann innerhalb eines Jahres um 1 Prozentpunkt gesunken. Eine Ursache für den Rückgang könnte sein, dass mehr Schülerinnen und Schüler infolge der Pandemie länger im Schulsystem verblieben sind. Wie der Bildungsbericht zeigt, holen immer mehr Menschen offenbar später einen Schulabschluss nach. Schaut man sich den Bildungsverlauf der Schülerinnen und Schüler zehn Jahre nach ihrem Übergang in die Jahrgangsstufe 5 an, sind davon zu diesem Zeitpunkt nur noch 1,5 Prozent ohne Schulabschluss.

Übergang nach der Schule: Bei den Ausbildungszahlen verzeichnete Deutschland 2021 einen Tiefpunkt. Zwischen 2019 und 2021 haben 7 Prozent weniger Jugendliche eine berufliche Ausbildung aufgenommen. Währenddessen stagnierte die Zahl derjenigen, die ein Hochschulstudium begonnen haben. Bei der Verteilung auf die Art der Hochschule, die Studierende besuchen, liegt die Fachhochschule mit 47 Prozent inzwischen fast gleichauf mit den Universitäten.

Auf einen Blick

  • Der nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2022“ erscheint seit 2006 alle zwei Jahre.
  • Im Auftrag der Kultusministerkonferenz und des Bundesbildungsministeriums wird der Bericht „Bildung in Deutschland“ von einer wissenschaftlich unabhängigen Gruppe von Autorinnen und Autoren verschiedener wissenschaftlicher Forschungsinstitute erstellt. Als Basis dienen amtliche Statistiken sowie sozialwissenschaftliche Daten und Studien.
  • Der Datenreport umfasst das gesamte deutsche Bildungssystem – von der Kita über die schulischen und berufsbildenden Institutionen bis zu den Hochschulen und der Weiterbildung.
  • Ziel des nationalen Bildungsberichts ist es, Probleme und Herausforderungen zu benennen sowie Akteuren in Bildungspolitik und Administration datengestützte Hinweise für ihre Steuerung zu geben.
  • Jeder Bericht vertieft darüber hinaus ein Schwerpunktthema. 2022 liegt der Fokus auf dem pädagogischen Personal. Der nationale Bildungsbericht 2020 hat sich schwerpunktmäßig mit „Bildung in der digitalisierten Welt“ beschäftigt, 2018 ging es um „Wirkung und Erträge von Bildung“.
  • Mehr Infos zum nationalen Bildungsbericht Bildung in Deutschland 2022 unter bildungsbericht.de