Nordrhein-Westfalen : Mit „Talentschulen“ für mehr Chancen­gerechtigkeit

An 60 sogenannten Talentschulen in Nordrhein-Westfalen sollen Kinder künftig besonders gefördert werden – vor allem an sozialen Brennpunkten. Eine Fachjury hat aus fast 150 Bewerbungen 35 Schulen ausgewählt, die zum Schuljahr 2019/20 mit dem Konzept starten. Weitere 25 sollen ein Jahr später folgen.

24. Juni 2019
Yvonne Gebauer (l, FDP), Bildungsministerin in Nordrhein-Westfalen, spricht mit einem Schüler in der Grundschule.
NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) stellte die ausgewählten „Talentschulen" vor.
©Oliver Berg (dpa)

Mit dem Projekt „Talentschulen“ soll modellhaft erprobt werden, wie Kinder aus sozial benachteiligten Familien mehr Bildungschancen erhalten können. Dafür werde die Landesregierung jährlich 22 Millionen Euro investieren, um über 400 zusätzliche, unbefristete Lehrkräftestellen und 150.000 Euro für Fortbildung in das Projekt zu geben.

Eine Zusage bekamen, quer über das Land verteilt, jeweils sechs Gymnasien, Hauptschulen und Berufskollegs, zehn Gesamtschulen, fünf Realschulen und zwei Sekundarschulen. Die allgemeinbildenden Schulen erhalten 20 Prozent mehr Personalausstattung gemessen am Grundbedarf, Berufskollegs mindestens vier zusätzliche Stellen. Sie sollen unter anderem eingesetzt werden, um Fachunterricht auszubauen, Ausfälle zu mindern und Schülerinnen und Schüler intensiver zu beraten. An jeder Talentschule soll mindestens eine Stelle für Sozialarbeit eingerichtet werden.

„Wir haben generell Lehrerknappheit“, räumte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) ein. Die neuen Stellen müssten aber nicht mit grundständig ausgebildeten Lehrkräften besetzt werden. Seiteneinsteigerinnen und -einsteiger aus der Kunst seien ebenso willkommen wie Leute aus Unternehmen. Die Ministerin hofft, das jüngste Entlassungen in einigen Konzernen geeignete MINT-Experten in die Schulen bringen werden. „Wir werben aber nicht aktiv an.“

Bessere Lern­bedingungen und Chancengleichheit für alle?

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hatte im Vorfeld betont, dass Top-Bedingungen für wenige zu besseren Lernbedingungen und Chancengleichheit für tausende Schülerinnen und Schüler in anderen Einrichtungen führen werden.

„Schulministerin Gebauer steht im Wort und muss die Zusagen für mehr Personal und bessere Ausstattung auch wirklich einhalten“, mahnte die GEW-Landesvorsitzende Dorothea Schäfer. Im Koalitionsvertrag verspricht die schwarz-gelbe Regierung, sie werde Talentschulen „mit exzellenter Ausstattung und modernster digitaler Infrastruktur in Stadtteilen mit den größten sozialen Herausforderungen einrichten“.

Ein Ausstattungsbudget hat die Landesregierung dafür allerdings nicht vorgesehen. „Die Schulträger haben zugesichert, dass sie mehr in die technischen und baulichen Voraussetzungen investieren“, erklärte Staatssekretär Richter.

Alle Talentschulen werden sechs Jahre in dem Modellprojekt arbeiten, das auch wissenschaftlich begleitet und ausgewertet werden soll. Für SPD-Fraktionsvize Jochen Ott ist bereits klar: „Jede Schule sollte eine Talentschule sein.“ Mit ihrem Ansatz verschärfe die Ministerin bloß die soziale Spaltung. Gebauer setzt hingegen darauf, dass die Talentschulen „eine Sogkraft entwickeln, die über die einzelne Schule hinausgeht“. Auch der Verband Lehrer NRW sieht hier einen „Schulversuch mit Signalwirkung“.

dpa

Mehr zu Schulen in kritischer Lage

  • Die Robert Bosch Stiftung hat 2016 das Entwicklungsnetzwerk zur Unterstützung für Schule in kritischer Lage ins Leben gerufen. Darin tauschen sich Vertreterinnen und Vertreter von Bildungsverwaltungen, Schulaufsichten und Landesinstituten aus und entwickeln gemeinsam Unterstützungsangebote weiter.
  • Sieben Bundesländer sind daran beteiligt. Neben den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen gehören auch Nordrhein-Westfalen, Saarland, Schleswig-Holstein und Thüringen dazu.
  • Im Netzwerk erhalten die Akteure Einblicke in Fragestellungen und Lösungsansätze anderer Bundesländer und können voneinander lernen.
  • Im Dossier „Schulen in kritischer Lage” finden Sie weitere Beiträge zum Thema.