Geflüchtete Lehrerinnen : So kann die Integration von Lehrkräften aus der Ukraine gelingen

Mehr als 20.000 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine sind bis Ende März an den Schulen in Deutschland aufgenommen worden. Schätzungen zufolge könnten noch zehnmal so viele kommen. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz hat eine Stellungnahme zur Aufnahme der Geflüchteten in Kitas und Schulen veröffentlicht. Ein wichtiges Thema darin ist die Qualifizierung ukrainischer Lehrerinnen und ihre Integration an deutschen Schulen. Den Beitrag in der Stellungnahme dazu hat die Bildungsforscherin Miriam Vock verfasst. Das Schulportal sprach mit ihr darüber, wie ukrainische Lehrkräfte jetzt möglichst schnell an den Schulen in Deutschland eingesetzt werden können und welche Unterstützung sie für eine erfolgreiche Integration brauchen.

Annette Kuhn 11. April 2022 Aktualisiert am 12. April 2022
Lehrerin aus der Ukraine im Klassenzimmer
Inzwischen sind schon Tausende Lehrkräfte aus der Ukraine an deutschen Schulen angekommen - wie hier an einem Hamburger Gymnasium. Wichtig ist, dass sie gut integriert werden, rät die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz.
©Markus Scholz/dpa

Deutsches Schulportal: Wie lassen sich ukrainische Lehrkräfte möglichst schnell an die Schulen in Deutschland bekommen? Wie sieht die Integration idealerweise aus?
Miriam Vock: Ich stelle erfreut fest, dass die Politik in der aktuellen Situation anders und flexibler reagiert als 2015/2016. Viele ukrainische Lehrkräfte sind schon an den Schulen, und das ging sehr schnell. Ich halte es für richtig, dass sie in der aktuellen Krisensituation erst mal anfangen können.

Gleichzeitig muss aber das System der Vorbereitung und Begleitung von Lehrkräften aus der Ukraine stärker ausgebaut und stabilisiert werden. Sie brauchen vor allem eine gute Beratung. Man darf nicht vergessen, dass sich die geflüchteten Lehrkräfte meist in einer Extremsituation befinden. Wir verlangen trotzdem von ihnen, dass sie sich mit ihrer vollen Arbeitskraft einbringen. Umso mehr brauchen sie eine gute Kinderbetreuung und Beratung zu ihrer Lebens- und Wohnsituation. Und sie müssen auch wissen, wie eine langfristige Perspektive an der Schule für sie aussehen kann.

Wichtig ist außerdem die Unterstützung an den Schulen. Den ukrainischen Lehrkräften müssen Personen aus dem Kollegium an die Seite gestellt werden, die sie begleiten, die ihre Fragen beantworten, die ihnen helfen, sich zu orientieren. Die Schule und auch das Schulsystem sind den ankommenden Lehrerinnen und Lehrern erst mal fremd, und das macht das Ankommen viel schwieriger.

Und nach dem akuten Krisenmodus braucht man dann ein Qualifizierungsprogramm für die Lehrkräfte aus der Ukraine.

Ukrainische Lehrkräfte schon ohne gute Deutschkenntnisse einsetzen

Wie kann das aussehen?
Ein Qualifizierungsprogramm kann berufsbegleitend laufen, damit die Lehrkräfte gleich eingesetzt werden können. Wichtig ist auf jeden Fall, dass so ein Programm die individuellen Voraussetzungen berücksichtigt. Das heißt, man sollte schauen, was die ukrainischen Lehrkräfte bereits mitbringen. Sprechen sie zum Beispiel Deutsch oder Englisch? Und wenn ja – auf welchem Niveau? Welche Fächer bringen sie mit? In den Qualifizierungsprogrammen sollte es zunächst darum gehen, wie guter Unterricht aussieht, wie das Schulsystem hier funktioniert, auch Fragen des Schulrechts sollte es aufgreifen. Solche Programme können zum Beispiel bei den Landesinstituten und Universitäten angesiedelt sein. Für eine längerfristige Perspektive muss dann individuell geschaut werden, welche zusätzlichen Qualifikationen die geflüchteten Lehrerinnen noch brauchen, um dauerhaft hier arbeiten zu können.

Wir können es uns aber angesichts des großen Lehrermangels nicht leisten, das Potenzial von Lehrkräften, die hier leben und arbeiten wollen, nicht zu nutzen.

Im Moment werden verschiedene Wege diskutiert, Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine zu unterrichten: Neben Deutschunterricht sollen sie auch herkunftssprachlichen Unterricht bekommen und möglicherweise über Online-Unterricht weiter nach ukrainischem Lehrplan arbeiten. Wie lassen sich aus Ihrer Sicht Lehrerinnen aus der Ukraine an den Schulen am besten einsetzen?
Wir wissen heute nicht, wie sich die Situation entwickeln wird – ob die ukrainischen Familien bald in ihre Heimat zurückkehren oder ob sie doch länger bleiben. Ich halte es für richtig, wenn die Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine Deutsch lernen und in die Schulen hier integriert werden. Zugleich sollten sie aber auch nach den ukrainischen Lehrplänen weiterlernen können. Gerade dafür können ukrainische Lehrkräfte auch schon eingesetzt werden, wenn sie noch kein Deutsch sprechen.

Wie kann die Zusammenarbeit zwischen deutschen und ukrainischen Lehrkräften in der Schule laufen?
Es muss auf jeden Fall eine Sprache geben, mit der man sich im Kollegium verständigen kann. Das kann zunächst auch über Übersetzer laufen, oder man nimmt Englisch als Austauschsprache. Wichtig ist aber, dass es eine Anbindung gibt, damit keine Parallelwelt entsteht, in der ukrainische Lehrkräfte in separaten Räumen arbeiten und es keinen Kontakt zwischen deutschen und ukrainischen Lehrkräften gibt. Für die Lehrkräfte gilt wie für die Schülerinnen und Schüler: Die Integration sollte von Anfang an stattfinden.

Das zweite Fach ist eine große Hürde

Bislang scheitert eine Aufnahme von Lehrkräften mit anderer Muttersprache an Schulen meist am Sprachniveau. Sollten die Hürden für ukrainische Lehrkräfte gesenkt werden?
An die Schulen kommen jetzt sehr viele ukrainische Lehrerinnen, die nicht auf C2-Niveau Deutsch sprechen. C2 brauchen Lehrkräfte eigentlich, um in Deutschland an Schulen als Lehrerinnen und Lehrer beschäftigt zu werden. Bislang wurde das C2-Niveau auch schon vor Beginn einer Qualifizierung verlangt.

In der aktuellen Krisensituation gibt es da mehr Flexibilität, und das finde ich richtig. Denn oft vergehen viele Jahre, bis zugewanderte Lehrkräfte das geforderte Sprachniveau C2 erreichen, mit dem sie hier im Lehrerberuf arbeiten können. Ihre Routine im Umgang mit Schülerinnen und Schülern geht darüber verloren und sie orientieren sich beruflich oft um. Wir können es uns aber angesichts des großen Lehrermangels nicht leisten, das Potenzial von Lehrkräften, die hier leben und arbeiten wollen, nicht zu nutzen. Insofern ist es aus meiner Sicht wichtig, dass eine Qualifizierung auch mit geringeren Deutschkenntnissen starten kann und die Lehrerinnen parallel schon Aufgaben in den Schulen übernehmen.

Langfristig kann es dabei aber nicht bleiben. Wer hier dauerhaft unterrichten will, muss schon ein sehr gutes Sprachniveau in Deutsch haben. Allerdings brauchen wir dafür auch mehr Sprachkurse in der Peripherie. In den Städten werden auf allen Niveaustufen entsprechende Sprachkurse angeboten, aber im ländlichen Raum ist das Angebot auf höheren Niveaustufen sehr dünn.

Neben der Sprachbarriere gibt es aber noch ein weiteres Problem.

Es ist mir bewusst, dass die neuen Lehrkräfte jetzt in ein System reinkommen, das schon sehr unter Druck und belastet ist.

Welches?
Ein großes Problem ist das zweite Fach. Für Lehrerinnen und Lehrer aus dem Ausland ist es eine große Hürde, dass sie hier zwei Fächer unterrichten müssen. In den meisten anderen Ländern ist das nicht üblich. Und aus meiner Sicht ist es fachlich auch nicht begründet, dass Lehrkräfte für eine gute pädagogische Arbeit zwei Fächer brauchen. Ich plädiere dafür, auf das zweite Fach bei der Einstellung von Lehrkräften aus dem Ausland zu verzichten.

Lehrkräfte an unseren Schulen sind derzeit enorm überlastet, insbesondere durch den Lehrermangel und die Corona-Pandemie. Wie können sie es schaffen, jetzt auch noch die Lehrerinnen aus der Ukraine zu unterstützen?
Es ist mir bewusst, dass die neuen Lehrkräfte jetzt in ein System reinkommen, das schon sehr unter Druck und belastet ist. Dennoch glaube ich, dass es notwendig ist, die ukrainischen Lehrkräfte zu unterstützen. Denn wenn keine Integration stattfindet, können sie nicht sinnvoll arbeiten. Außerdem kommt es zu Spannungen und Konflikten, die letztlich zu viel mehr Belastungen führen.

Aber so eine Unterstützung kann nicht on top stattfinden. Lehrkräfte, die sich im Mentoring der ukrainischen Lehrerinnen engagieren, müssen dafür zum Beispiel eine Entlastungsstunde bekommen. Oder man kann pensionierte Lehrkräfte an die Schulen holen, die eine Mentoring-Funktion übernehmen. Eine einfache Hilfe, die aber oft fehlt, sind Handreichungen vom Land für die Schulen, die alle relevanten Informationen zu Stellenbeschreibung und Unterstützungsangeboten umfassen. So wissen das Kollegium und die Schulleitung genau, wie das Arbeitsmodell für die ukrainischen Lehrkräfte aussieht. Das gibt allen Sicherheit.

Und wichtig ist schließlich auch, Möglichkeiten für den Erfahrungsaustausch im Umgang mit der neuen Situation zu schaffen – sowohl für die ukrainischen Lehrkräfte als auch für die Schulen.

Programme für geflüchtete Lehrkräfte dauerhaft etablieren

Einige Universitäten haben bereits Qualifizierungsprogramme für geflüchtete Lehrerinnen und Lehrer entwickelt. Sie haben zum Beispiel schon 2016 an der Universität Potsdam das „Refugee Teachers Program“ etabliert. Ist es sinnvoll, diese Angebote jetzt auszuweiten?
Ich glaube, die Situation zeigt uns, dass solche Programme nötig sind und dauerhaft etabliert werden müssen. Bislang haben solche Programme meist noch Projektcharakter. Und diese Qualifizierungsprogramme müssen auch immer wieder angepasst werden an die aktuelle Situation und die individuellen Voraussetzungen der Lehrkräfte, die sie wahrnehmen. Das „Refugee Teachers Program“ ist immer in Bewegung. So haben wir zuletzt das Sprachniveau, das wir bei der Bewerbung verlangen, angehoben, weil die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Programms schon sehr gute Sprachkenntnisse hatten. Jetzt werden wir das Sprachniveau für die Lehrerinnen aus der Ukraine aber wieder absenken müssen.

Zur Person

Miriam Vock
©Universität Potsdam
  • Miriam Vock ist seit 2011 ist Psychologin und Professorin für Empirische Unterrichts- und Interventionsforschung an der Universität Potsdam.
  • Sie ist Initiatorin des Qualifizierungsprojekts „Refugee Teachers Program“, das seit 2016 an der Universität Potsdam läuft und das den Berufseinstieg geflüchteter Lehrkräfte ins Brandenburger Schulsystem ermöglichen soll.
  • Zum Thema ist von Miriam Vock als Mitherausgeberin 2020 das Buch „Lehrer/innen-Bildung im Kontext von Fluchtmigration“ im Beltz Verlag erschienen.
  • Die Psychologin ist in der Steuerungsgruppe des Forschungsverbunds „Lemas“ – Leistung macht Schule.

Stellungnahme der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission

Die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK), die die Kultusministerkonferenz berät, leitet aus ihrer Ende März veröffentlichten Stellungnahme zur Aufnahme geflüchteter Kinder und Jugendlicher aus der Ukraine sechs konkrete Themen und Empfehlungen ab:

  • Unterstützung bei der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen
  • Sprachförderung in der Bildungssprache Deutsch und Zugang zum Fachunterricht
  • Bildungsangebote in ukrainischer Sprache als unterrichtsergänzende Angebote
  • Förderung der Integration in neue Freundschaftsnetzwerke
  • Entwicklung von Qualifizierungs- und Weiterbildungsangeboten für ukrainische Lehrkräfte
  • Möglichkeiten der digitalen Beschulung und Prüfungen auf der Grundlage der ukrainischen Curricula

Eine Kernforderung ist, dass alle Kinder und Jugendlichen so bald wie möglich eine Kita oder Schule besuchen sollten, um Deutsch zu lernen, ihren Bildungsweg fortsetzen und Kontakte zu Gleichaltrigen knüpfen zu können, so Olaf Köller, wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaft und Mathematik (IPN) und Co-Vorsitzender der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission.

Die schnelle Integration stärke das Zugehörigkeitsgefühl und helfe bei der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen. „Aus der Forschung wissen wir, dass neben der Familie positive Kontakte mit Gleichaltrigen wesentliche Schutzfaktoren sind“, erklärt Felicitas Thiel, Professorin für Schulpädagogik und Schulentwicklungsforschung an der Freien Universität Berlin und Co-Vorsitzende der SWK. Sie geht davon aus, dass 25 bis 35 Prozent der Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine unter schweren psychischen Belastungen leiden.

Bei der Beschulung der Schülerinnen und Schüler sollten auch ukrainische Lehrerinnen und Lehrer eine wichtige Rolle spielen und daher möglichst schnell entsprechende Qualifizierungen bekommen, um an den Schulen eingesetzt werden zu können.

Der komplette Text der Stellungnahme kann hier abgerufen werden.