Melanchthon-Jahr 2018 : „Die Kunst des Lehrens beginnt mit dem Denken-Lernen“

Deutschland braucht in den kommenden Jahren deutlich mehr Lehrerinnen und Lehrer. Während die Universitäten bemüht sind Studienplätze zu schaffen, wird gleichzeitig darüber diskutiert, wie eine gute Lehrerbildung aussehen sollte. Diesbezüglich lohnt der Blick in die Vergangenheit: Die Lutherstadt-Wittenberg hat 2018 zum Melanchthon-Jahr erklärt, in der Erinnerung an die Berufung des Philosophen Philipp Melanchthon 1518 nach Wittenberg. Der wichtige Weggefährte Luthers trug wesentlich dazu bei, dass der Beruf des Lehrers zu einer eigenständigen Profession geworden ist. Das Schulportal sprach mit dem Bildungshistoriker Elmar Tenorth darüber, wie Melanchthon das Bild des Lehrerberufs geprägt hat.

Regina Köhler / 13. November 2018
Der Philosoph Melanchthon wurde von Lucas Cranach d. Ä. porträtiert. Das Porträt ist datiert von 1543
Der Philosoph Melanchthon wurde von Lucas Cranach d. Ä. porträtiert (1543).

Deutsches Schulportal: Was können Lehrerinnen und Lehrer heute von Melanchthon lernen?
Elmar Tenorth: Sowohl Martin Luther als auch Philipp Melanchthon sind Figuren einer ganz vergangenen Zeit. Ich würde deshalb ihre Historizität stärker betonen als ihre Aktualität. Beides waren eher vormoderne Menschen, in vielem noch dem Mittelalter verhaftet. Für das Bildungswesen seiner Zeit hat Melanchthon gleichwohl eine historische Bedeutung.

Worin besteht diese historische Bedeutung?
Melanchthons Wirken war prägend für eine neue Schule und Universität. Beide Einrichtungen hat er aus einer engen Bindung an die römisch-katholische Kirche herausgeführt und eine protestantische, antirömische Kultur geprägt. Für die Neugestaltung der Universitäten, höheren Schulen und Lateinschulen hat er inspirierende Ideen geliefert.

Inwiefern hat Melanchthon den Lehrerberuf geprägt?
An dieser Stelle würde ich gern mit einem Zitat von Melanchthon  antworten: „Das Leben eines Schulmannes ist weniger ansehnlich als das Leben des Hofmannes, aber es macht sich mehr verdient  um das menschliche Dasein; denn was ist nützlicher, als junge Gemüter mit heilsamer Lehre erfüllen von Gott, von der Natur der Weltdinge, von den guten Sitten?“

Melanchthon hat die Selbstständigkeit des Schulmannes, also des Lehrers an gelehrten Schulen, als Beruf betont. Bis dahin war man Lehrer nur auf einer Zwischenstation hin zum Beruf des Pfarrers oder man wurde Professor. Lehrer war kein akademischer Beruf. Melanchthon hat die Eigenständigkeit der Lehrtätigkeit hervorgehoben, die Bedeutsamkeit dieser Tätigkeit für die gesamte Menschheit. Er hat sich dafür eingesetzt, dass Lehrende ein eigenes Berufsethos entwickeln, das sich von dem der Theologen oder Philosophen unterscheidet.

Er war mit dieser Ansicht in seiner Zeit zwar nicht allein, auch Martin Luther oder Erasmus von Rotterdam haben so gedacht, sich aber nicht so kämpferisch für den Wandel eingesetzt wie Melanchthon. Dessen Wirken hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Schule begann, eine eigene pädagogische Kultur zu entwickeln.

Welche Anforderungen hat Melanchthon an Lehrende gestellt?
Er ging davon aus, dass die Kunst des Lehrens wie übrigens auch die des Studierens zunächst mit dem Denken-Lernen anfängt. Lehrende sollten seiner Meinung nach grammatikalisch korrekt reden, lebensrelevante Probleme behandeln und nicht nur schön, sondern auch öffentlich reden können. Und zwar moralisch angemessen und so überzeugend, dass die Zuhörer sich aufgefordert fühlen, so zu handeln wie gesprochen worden ist. Sie sollten zudem praktische Übungen mit ihren Schülern durchführen, sie reden und schriftliche Stilübungen machen lassen, ethisches Argumentieren mit ihnen üben. Melanchthon setzte sich auch dafür ein, dass die Studierenden selbst aktiv werden und nicht nur wie das bislang üblich, mit Wissen vollgestopft werden. Sie sollten nicht nur Texte nachbeten, sondern selbst welche verfassen. Sie sollten lesen, denken, schreiben.

Sie betonten eingangs die Historizität der Figur des Philipp Melanchthon. Warum?
Ich bin der Meinung, dass wir sehr behutsam mit der Behauptung umgehen sollten, dass das Wirken von Melanchthon eine aktuelle Bedeutung hat. Er war ein Reformer, ein Vordenker und das wusste er auch. Er hat erste Weichen gestellt, folgenreich aber doch nur für das höhere beziehungsweise das Gelehrtenschulwesen. Dann hat es aber mehrere hundert Jahre gebraucht, bis dies im frühen 19. Jahrhundert etwa unter Wilhelm von Humboldt dazu führte, dass allgemeine Bildung auch die Elementarschulen erfasste, dass Lehrtätigkeit zu einem eigenständigen Berufsstand wurde und die philosophische zu einer eigenständigen Fakultät, den Wissenschaften verpflichtet, der Erfahrung als Quelle und der Forschung als Funktionsprinzip.

Hat Melanchthon seine Ideen vorgelebt?
Ja, er war ein begeisterter Lehrer und hat darauf beharrt, dass nicht alle Wissenschaft Theologie ist und Bildungseinrichtungen nicht zwangsläufig religiös definiert sein müssen.  Er selbst ist nie Theologe geworden, sondern blieb Professor und war zeitlebens der philosophischen Bildung besonders eng verbunden.

Zur Person

  • Der Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth wurde 1944 in Essen geboren und studierte Germanistik, Geschichte und Sozialkunde sowie Philosophie und Pädagogik an den Universitäten Bochum und Würzburg.
  • 1975 promovierte er im Fach Pädagogik an der Universität Würzburg.
  • Von 1991 bis 2011 war Heinz-Elmar Tenorth als Professor für Historische Erziehungswissenschaft Lehrstuhlinhaber an der Humboldt-Universität zu Berlin.
  • Seit 1986 ist er Mitherausgeber der „Zeitschrift für Pädagogik“.
  • Für das Schulportal hat Elmar Tenorth außerdem einen Gastbeitrag zum Thema Quereinstieg verfasst.
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