Neue Pisa-Studie : Mehr Mut gegen die Mittel­schicht

Die Ergebnisse sind stets miserabel, doch es bewegt sich nichts in Sachen Bildungs­gerechtigkeit. Die Gründe: Funda­mentalismus und Feigheit.

Dieser Artikel erschien am 03.12.2019 in der taz
Anna Lehmann
Schüler während der Abi-Prüfung
Das gegliederte Schulsystem ist gründlich gescheitert
©dpa

Über 20 Prozent der Jugendlichen können nach neun Jahren Schul­zeit nur rudimentär lesen. Spitzen­klasse ist Deutschland lediglich im Fach soziale Auslese: Das Schul­system ist über­durch­schnittlich ungerecht. Das waren die Ergebnisse der ersten Pisa-Studie. Sie lösten einen Schock aus. Es sind aber auch die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie, die am Dienstag vor­gestellt wurde. Sie lösen – ja was aus? Ratlosigkeit, Bedauern, aber kein Schuld­bewusst­sein.

Zumindest nicht bei den Kultus­­mi­nis­ter:innen der Länder, die seit 70 Jahren der Meinung sind, Schul­politik sei bei ihnen in den besten Händen. Doch die Pisa-Studie belegt die Inkompetenz der Kultus­minister:innen, an einem Strang zu ziehen und gemeinsam zu besseren Ergebnissen zu kommen. Die Studie zeigt, dass die deutsche Spezialität, nämlich gegliederte Schul­systeme, in denen Kinder vor der Pubertät auf „begabungs­gerechte“ Schul­formen aufgeteilt werden, gründlich gescheitert ist.

Dass sich trotz miserabler Ergebnisse so wenig bewegt, hat zwei Ursachen: Fundamentalismus und Feigheit. Zum einen haben die Länder die föderalistische Verfasstheit des Bildungs­systems in den vergangenen Jahren orthodox aus­gelegt und waren kaum bereit, unter­einander und mit dem Bund zu kooperieren. Zum anderen zittern alle Parteien vor den bürgerlichen Wählern. Seit eine schwarz-grüne Koalition in Hamburg vor zehn Jahren damit gescheitert ist, die Grund­schul­zeit um zwei Jahre zu verlängern, hat es nie mehr einen politischen Versuch gegeben, die frühe Trennung der Kinder grund­legend aufzubrechen. Die akademische Mittel­schicht hat das Gymnasium als Status­symbol und Refugium für den eigenen Nachwuchs erfolg­reich verteidigt.

Wer das ändern will, muss sehr viel Geld investieren und Schulen und Schü­ler:innen in Brenn­punkten endlich konsequent fördern. Sie brauchen die beste Aus­stattung und die am besten aus­gebildeten Lehrer:innen. Dazu ist vor allem sehr viel Mut erforderlich: Mut, sich mit den Bewahrer:innen des Status quo anzulegen.