Dieser Artikel erschien am 15.08.2018 in der taz
Autorin: Karolina Meyer-Schilf

Lehrermangel : Masse statt Klasse

Seiteneinsteiger sollen den Lehrermangel ausgleichen. Nur: Auch gutes Fach­wissen ersetzt keine didaktischen Kenntnisse.

Ein leerer Klassenraum
Viele Wege führen ins Klassenzimmer. Zu viele?
©dpa

Wer glaubt, Fachkräftemangel ließe sich am ehesten durch die Anwerbung von Fach­kräften beheben, war noch nie in einer Bildungs­behörde. Dort glaubt man nämlich, der all­gegen­wärtige Fach­kräfte­mangel an Schulen ließe sich durch die Anwerbung von irgend­wem beheben.

Drei Wege gibt es zur Zeit, als Seiten­einsteiger in den Schul­dienst zu gelangen: Hoch­schul­absolventen können entweder ein voll­wertiges Referendariat absolvieren und sich so pädagogisch nach­qualifizieren. Sie können aber auch berufs­begleitend einsteigen: Das bedeutet, sie haben mehr Unterrichts­stunden als Referendare und nur wenige Fortbildungs­stunden am Landes­institut für Schule.

In Planung ist außerdem ein berufs­begleitender Einstieg, der fachlich mit Kursen an der Uni ergänzt wird. Wer das über­lebt und am Ende durch­kommt, kann eine Prüfung ablegen, die dem Staats­examen gleich­gestellt ist. Und dann gibt es noch eine Variante, aus dem Nichts Fach­kräfte zu generieren: Das sind Lehr­amts­studierende, die über die Stadt­teil­schule beschäftigt und in den jeweiligen Schulen eigen­verantwortlich ein­gesetzt werden. Im Ideal­­fall haben diese Studierenden schon mal ein Praktikum und ein paar Didaktik­kurse an der Uni besucht.

„Die Schulen und die Bildungssenatorin sind auf die Studierenden angewiesen, um die Aus­fall­quoten gering zu halten“, sagt Burkhard Sachse, Lehrer und an der Uni Bremen lange Jahre zuständig für die Fach­didaktik-Ausbildung am Institut für Geschichte. Er selbst ist nach seiner Pensionierung noch einmal für zwei Jahre in den Schuldienst zurück­gekehrt.

Den Einsatz von Studierenden als vollwertige Lehr­kräfte hält er für „fatal“: „Natürlich ist Praxis­erfahrung durch nichts zu ersetzen, deswegen gehen auch viele Studierende hoch­motiviert und begeistert an die Schulen.“ Doch das, was dann passiert, ist weder für die Studierenden noch für die SchülerInnen hilf­reich: „Die Studierenden tun dann oft das, was Lehrer gerne tun, die in Not sind: Sie nehmen didaktische Halb­fertig­ware, das Lehrer­hand­buch zum Schul­buch und Kopier­vorlagen, die die SchülerInnen dann bearbeiten sollen.“

Das aber habe mit Didaktik über­haupt nichts zu tun. „Man muss verstehen, was Didaktik über­haupt ist“, sagt Sachse – nämlich „zum Wesen einer Problem­lage einen Lern­prozess zu aktivieren, der bei den SchülerInnen auch Spuren hinter­lässt.“ Das sei keine Schuld­zuweisung, aber das Fehlen didaktischer Ausbildung führe dazu, dass die Lern­ergebnisse in Bremen „nicht besser, sondern schlechter werden“. Zum Vergleich: „Wenn Sie mal über­legen, durch was für eine Mühle die Referendare, die immerhin alle Kurse und Prüfungen schon absolviert haben, gehen: Bis an die Grenzen der Belastung, und nicht alle schaffen das.“ Die Rück­meldung von Mentoren und Seminar­gruppen sei dabei unverzicht­bar.

Seiteneinsteiger, wie auch die Studierenden, stehen hingegen allein vor der Klasse, von Anfang an. „Das ist ein großes Problem“, sagt auch Christian Gloede von der GEW. Der Erfolg hänge dabei „ganz stark“ von der jeweiligen Schule ab: „Wie stark sind KollegInnen bereit, als Senior Partner zur Verfügung zu stehen?“ Vieles passiere auf dem Rücken der KollegInnen, die den Seiten­ein­steigern mit Rat und Tat zur Seite stehen. „Das kann aber kein Privat­engagement sein“, sagt Gloe­de und fordert für die betroffenen KollegInnen zumindest eine Stunden­entlastung.

Das grundsätzliche Problem jedoch bleibt davon unberührt: Wie macht man aus Fach­leuten qualifizierte LehrerInnen? Das Motto im Moment: Augen zu und durch. „Man muss diese fürchterliche Zeit über­brücken“, sagt Gloede. Das LIS bietet für Seiten­einsteiger und Studierende begleitende Kurse zur Fort­bildung an. „Das ist aber noch nicht ausreichend, was da angeboten wird“, sagt Gloede. Gespräche über weitere Angebote und die Ausgestaltung der Qualifizierungs­maßnahmen laufen derzeit.

Der Didaktiker Sachse sagt: „Da wird herum­dilettiert.“ Dass Studierende eigen­verantwortlich unter­richten, anstatt erst mal ihre Ausbildung an der Uni zu beenden, um dann wiederum parallel Qualifizierungs­kurse beim LIS zu absolvieren, hält Sachse für eine „doppelte Pervertierung, weil diese Praxis damit auch noch legitimiert wird“.

Beim ZentralElternverband sieht man die Praxis des Seiten­einstiegs nicht so dramatisch: „Unser Ziel an erster Stelle ist die Versorgung der Klassen mit Personal und an zweiter die parallele Weiter­qualifizierung dieses Personals, sodass wir am Ende voll­wertige Lehr­kräfte in den Klassen stehen haben“, sagt Pierre Hansen vom ZEB.

Zum Einen seien es gar nicht so viele Seiten­einsteiger, als dass sich das bemerk­bar machen würde, und einen Qualitäts­unter­schied nehmen die Kinder nach Auffassung des ZEB auch nicht wahr: „Die meisten Schüler*innen haben aber auch nicht bemerkt, dass sie in den letzten zwei Jahren von Studierenden beschult wurden.“

Tatsächlich scheinen Proteste von Eltern gegen diese Praxis nicht besonders laut. „Schüler können von einem fachlich dilettierenden, aber persönlich engagierten Lehrer begeistert sein“, sagt Sachse. Die Bildungs­defizite fallen erst später auf.